Zahnbürsten: Curaden muss sich gegen Colgate-Palmolive behaupten
Wirtschaft
23.6.2026 | nzz.ch
Der Schweizer Zahnbürstenhersteller Curaden kämpft gegen Riesen wie Colgate
Die Familienfirma Curaden hat sich eine treue Kundschaft aufgebaut. Aber die neue Chefin Christine Breitschmid muss mit hohen Kosten fertigwerden – und die Fussstapfen ihres Vaters füllen.
Zyniker behaupten, Zahnärzten sei nichts lieber als Patienten, die ihre Zähne nie reinigten. So gebe es für sie am meisten zu flicken.
Vom Bohren und vom Einsetzen von Füllungen bei Karies können heutzutage aber die wenigsten Zahnärzte leben. Mindestens so wichtig wie das Flicken ist für sie die Dentalhygiene geworden.
Gefragte Dentalhygienikerinnen
Die meisten Zahnärzte beschäftigen in ihren Praxen denn auch Spezialistinnen, die sich um die professionelle Zahnreinigung kümmern. Für das Innerschweizer Familienunternehmen Curaden bilden die Dentalhygienikerinnen zusammen mit den Zahnärzten die wichtigsten Ansprechpartner.
Die Firma aus Kriens, die vor allem Zahnbürsten, darunter auch winzig kleine für die Reinigung der Zahnzwischenräume, anbietet, ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Sie verdankt dies vor allem einem geschickten Marketing und einer rasanten Internationalisierung. Mit rund 170 Millionen Franken Umsatz ist das Unternehmen aber noch immer ein Zwerg im Vergleich mit internationalen Konsumgüterkonzernen wie Colgate-Palmolive oder Procter & Gamble, die das Geschäft mit Zahnbürsten und Zahnpasten weltweit beherrschen.
Die Produkte von Curaden werden unter der Marke Curaprox mittlerweile in über 90 Ländern vertrieben und sind als qualitativ hochstehend bekannt. Weil sie grösstenteils in der Schweiz hergestellt werden, ist auf ihnen, gut sichtbar, meist auch ein Schweizerkreuz aufgedruckt.
Mitarbeiter von Curaden schulen Zahnärzte und Dentalhygienikerinnen im korrekten Umgang mit den Produkten. Das Unternehmen lebt stark von der Mundpropaganda.
Tochter übernimmt vom Vater
Der enge Kontakt mit medizinischen Fachpersonen sei entscheidend für den Erfolg, sagt Christine Breitschmid, die Chefin von Curaden. Nur so habe man eine Chance im Wettbewerb mit den Giganten aus der Konsumgüterbranche.
Die 40-Jährige übernahm vor einem Jahr nach dem Tod ihres Vaters Ueli Breitschmid die alleinige Verantwortung. Ueli Breitschmid kam bis zuletzt täglich ins Büro. Sein Tod war für Curaden eine schmerzhafte Zäsur. Der Luzerner, der bereits im Alter von 21 Jahren in den Betrieb seines Vaters, ebenfalls ein Unternehmen im Dentalbereich, eingestiegen war, gründete die Firma in den 1970er Jahren.
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Ueli Breitschmid, der verstorbene Chef von Curaden.PD
Zum Erfolgsrezept gehörten von Anfang an ein schickes Design der Zahnbürsten sowie poppige Farben. Ueli Breitschmid war auch ein Kunstliebhaber.
Vier Schwestern
Christine Breitschmid wuchs zusammen mit drei Schwestern auf. Sie studierte nach der Wirtschaftsmatur an der Kantonsschule Luzern zunächst internationale Beziehungen an der Universität Genf, ehe sie ein Masterstudium am Europainstitut der Universität Basel absolvierte. Damit hätte sie auch das Rüstzeug für eine Karriere in der Diplomatie besessen, doch begann sie schon während des Studiums, in einem Teilzeitpensum für Curaden zu arbeiten.
«Ich war es, die von der dritten Generation in der Firma immer da war und die alle kannten», sagt Breitschmid. Dennoch sei es auch ein Stück weit Zufall gewesen, dass der Vorsitz in der Geschäftsleitung ihr zugefallen sei. «Meine Schwester Laura könnte das Unternehmen genauso gut führen.»
Laura Breitschmid studierte Kunstgeschichte und ist heute als freischaffende Kuratorin tätig. Eine weitere Schwester, Nora Breitschmid, liess sich zur Winzerin ausbilden. Sie kümmert sich um die familieneigenen Weingüter in Meggen und in Sizilien.
Ihr Vater werde von vielen Mitarbeitenden bis heute als Ansprechpartner vermisst, sagt Christine Breitschmid. Zugleich sei es im Geschäftsalltag einfacher, wenn klar sei, in wessen Händen die Führung liege.
Als Tochter und Vater sich die Geschäftsleitung teilten, fiel es ihnen nicht immer leicht, sich abzustimmen. «Dafür, dass es zwischen uns auch laut wurde, gibt es viele Zeugen», sagt die Chefin von Curaden.
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Die meisten Zahnbürsten sind weiss. Curaden setzt mit der Marke Curaprox auf poppige Farben. (PD)
Verzicht auf Einzelbüro
Ueli Breitschmid besass noch ein Einzelbüro. Es ist inzwischen verschwunden. Christine Breitschmid teilt am selben Ort mit den übrigen Mitgliedern der Geschäftsleitung ein offenes Büro.
Sie wolle die Verantwortung stärker aufteilen, sagt die Chefin. Zwei neue Geschäftsleitungsmitglieder treten diesen Sommer ihr Amt an. Ein sechstes Mitglied für das zurzeit noch fünfköpfige Gremium wird gesucht. Sie wüsste nicht, woher sie die Zeit, die Energie und das Wissen hernehmen sollte, um alles selber zu entscheiden, sagt Breitschmid.
Als Mutter von zwei Kindern im Alter von zwei und vier Jahren wird die Geschäftsführerin auch zu Hause stark beansprucht. «Mein Mann macht etwas mehr», antwortet sie auf die Frage, wie sie den Familienalltag und das Geschäftliche unter einen Hut bringe. «Ich renne zudem nicht an jeden Apéro und bin auch nicht die ganze Zeit am Reisen.»
Mit dem Velo zur Arbeit
Für den Weg ins Büro nimmt Christine Breitschmid am liebsten das Velo. Die Fahrt von ihrem Wohnort dauere nur eine Viertelstunde, sagt sie. Als sie zum Gespräch erscheint, trägt sie eine Windjacke. Das Wetter an diesem regnerischen Junitag ist ungewöhnlich kühl für die Jahreszeit. Sie brauche ein paar Minuten, um sich frisch zu machen, entschuldigt sich Breitschmid. Danach erscheint sie in einem grauen Wollpullover und mit einer riesigen Teetasse mit der Aufschrift «Big Hug Mug». «Es ist die grösste Tasse, die wir haben», sagt sie lachend.
Mit ihrem Outfit könnte Breitschmid auch als Kulturschaffende oder als Pfadfinderleiterin durchgehen. Letzteres war sie über zehn Jahre lang als Jugendliche und als junge Erwachsene. Im Kulturbereich engagiert sich die Unternehmerin bis heute als Mitorganisatorin des Musikfestivals Non Open Air in Meggen.
Christine Breitschmid scheint sich aus Dresscodes und anderen Konventionen im Geschäftsleben ähnlich wenig zu machen, wie es ihr Vater tat. Ueli Breitschmid lebte und arbeitete nach dem Motto «Bleibe anders als alle anderen, immer». Sein Leitspruch ist auch in eine Holzbank eingraviert, die vor dem Hauptsitz steht und den Mitarbeitern während Pausen als Sitzgelegenheit dient.
Wachstum verlangsamt sich
Curaden beschäftigt in der Schweiz ohne die Angestellten der Handelsfirma Curaden Dentaldepot, die Schweizer Zahnarztpraxen mit Verbrauchsmaterialien und anderen Produkten beliefert, rund 250 Personen. Weltweit umfasst die Belegschaft gut 1000 Mitarbeitende. Viele von ihnen sind erst in den vergangenen Jahren dazugestossen. «Wir verzeichneten zwischen 2015 und 2022 ein enormes Wachstum», sagt die Firmenchefin. Pro Jahr sei der Umsatz im Schnitt um fast 20 Prozent gestiegen.
Die starke Expansion und die Integration der vielen neuen Mitarbeitenden stellten das Familienunternehmen vor grosse Herausforderungen. Nun muss die Firma schauen, wie sie mit einem schwierigeren Marktumfeld fertig wird. Curaden wachse zwar noch immer, aber längst nicht mehr so stark wie bis vor dreieinhalb Jahren, lässt Breitschmid durchblicken.
Die führenden Hersteller von Konsumgütern leiden schon länger unter den Kaufkraftverlusten, die Konsumenten wegen der angespannten Wirtschaftslage und der gestiegenen Teuerung in vielen Ländern erlitten haben. Statt Markenprodukten wie Elmex von Colgate-Palmolive oder Oral-B von Procter & Gamble landen vermehrt günstigere Zahnbürsten von Eigenmarken der Supermarktketten oder von Drogeriemärkten im Einkaufswagen.
Als Anbieter hochpreisiger Produkte ist Curaden in einer Nische tätig. Die meisten Abnehmer verfügen über eine überdurchschnittlich hohe Kaufkraft. Je länger die Wirtschaftsflaute in wichtigen Absatzmärkten wie Deutschland oder Frankreich andauert, desto stärker könnten indes auch die Geschäfte der Innerschweizer Familienfirma unter Druck geraten.
Schmerzgrenze bei Preiserhöhungen erreicht?
Das Unternehmen, das den Grossteil seiner Produkte in einem eigenen Werk in Flawil sowie bei Schweizer Drittfirmen wie Trisa herstellen lässt, hat zudem den grössten Kostenblock hierzulande. Damit ist es sehr von der Erstarkung des Frankens betroffen. In den letzten Jahren erhöhte Curaden zwar, wie Breitschmid erklärt, wiederholt die Preise, um Wechselkursverluste auszugleichen. Doch könnte inzwischen die Schmerzgrenze bei manchen Kunden erreicht sein. Auch Curaprox-Zahnbürsten sind nicht unersetzlich.
Weltweit geben Konsumenten für Zahnbürsten und andere Produkte für die Zahnpflege rund 33 Milliarden Dollar pro Jahr aus. Die beiden amerikanischen Riesen Colgate-Palmolive und Procter & Gamble kontrollieren zusammen mit dem britischen Konsumgüterkonzern Haleon über die Hälfte des Markts. Beides geht aus einer Präsentation hervor, die jüngst die Grossbank UBS eigens für Curaden erstellte.
Mitarbeitern aus dem Investment Banking des Finanzinstituts war es ein Anliegen, die neue Firmenchefin kennenzulernen. Ihr Besuch dürfte auch dazu gedient haben, auszuloten, ob Curaden offen für einen Verkauf wäre.
Beim Unternehmen melden sich seit Jahren immer wieder Kaufinteressenten. Doch Christine Breitschmid weist sie wie bereits ihr Vater höflich, aber bestimmt ab. Auch die Vertreter der UBS erhielten einen Korb. «Ich sagte ihnen: ‹Wir haben nichts für euch.›»
Dominik Feldges, «Neue Zürcher Zeitung»
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