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Dunkle Wolken am KMU-Horizont: «Die Schweiz steht früh auf, aber erwacht spät»

NZZ-KMU-Barometer: Die Stimmung unter den Unternehmen ist pessimistisch

Dunkle Wolken am KMU-Horizont: «Die Schweiz steht früh auf, aber erwacht spät»

Wirtschaft

4.6.2026 | nzz.ch

Dunkle Wolken am KMU-Horizont: «Die Schweiz steht früh auf, aber erwacht spät»

Die Stimmung unter den Unternehmen ist so pessimistisch wie seit dem Jahr 2021 nicht mehr. Laut dem NZZ-KMU-Barometer ist die Mehrheit zwar operativ resilient, doch fallen vielen Firmen strategische Anpassungen zunehmend schwer. Der CEO einer Gartenscherenfirma kommentiert die Ergebnisse.

«Heute ist das Einzige, was konstant ist, der Wandel. Wir müssen unsere Art, zu führen, anpassen, unsere Art, Unternehmen zu managen. Wir müssen lernen, auf Sicht zu fahren. Man muss ein wenig wagemutig sein können», sagt Nabil Francis, der CEO von Felco. Sein Familienunternehmen stellt langlebige Premium-Gartenscheren für Profis und anspruchsvolle Hobbygärtner her. Es ist ein mittelgrosses Schweizer Unternehmen, das seine Produkte im Inland produziert und rund 300 Mitarbeiter beschäftigt, 250 von ihnen in der Schweiz. Nicht weniger als 95 Prozent der Produktion gehen laut Francis in den Export, ein Viertel des Absatzes erzielte die Firma im vergangenen Jahr in den USA.

2025 sei mit Trumps Zollpolitik eine nervenaufreibende Achterbahnfahrt gewesen, sagt Francis. Zum Glück hätten sie als Familienunternehmen schon immer viel Wert auf operationelle Stabilität und finanzielle Unabhängigkeit gelegt. Als Trump seine Strafzölle verkündet habe, habe man in den USA einen Lagerbestand für vier Monate Umsatz gehabt. Darauf hätten sie gleich einen Aktionsplan entworfen, wie sie reagieren und die zusätzlichen Kosten aufteilen könnten.

Das veränderte Umfeld verunsichert

Die internationalen Spannungen, die von den USA ausgehen, sind 2026 eine der grössten Sorgen der kleineren und mittleren Schweizer Unternehmen (KMU), wie das jährlich im April und Mai von der NZZ in Zusammenarbeit mit der Kalaidos-Fachhochschule unter Teilnehmern des Swiss Economic Forum (SEF) erhobene NZZ-KMU-Barometer zeigt. Dazu kommen die bewaffneten Konflikte, das unklare Verhältnis der Schweiz zur EU, die Sorge um den Zusammenhalt Europas. Auch den technologischen Wandel, die steigenden Rohstoffpreise und die Lieferkettensicherheit zählen mindestens ein Viertel der total 495 antwortenden Unternehmensführer zu ihren drei wichtigsten Sorgen.

Auch Nabil Francis betont, dass sich seine Sorgen nicht nur um Trump und seine Zollpolitik drehten, sondern generell um das veränderte geopolitische Umfeld. Vor Kriegsausbruch sei die Ukraine ein wichtiger Markt für Felco gewesen. Die Golfregion sei sowohl als Absatzmarkt wichtig als auch für Lieferungen, zum Beispiel von Aluminium. «Wir müssen uns im Unbehagen wohlfühlen lernen», sinniert Francis.

Auch dürfe man Wandel nicht als Bedrohung begreifen, müsse agil bleiben und vor allem innovativ. Der Unternehmer ist überzeugt, dass die Schweizer Industrie nur erfolgreich sein kann, solange sie immer wieder mit neuen Produkten an den Markt geht und sich dabei auf zahlungsbereite, anspruchsvolle Nischen konzentriert. Jedes Jahr melde man neue Patente an. Und dies, obwohl eine Felco-Schere ein Leben lang halten solle. Dafür kämen jedes Jahr fast eine halbe Million Scheren zur Wartung ins Werk. Das Dienstleistungsgeschäft werde wichtiger, zudem biete seine Firma neu auch Scheren mit Schmuckstückcharakter an.

Sinkende Zuversicht in die eigene Kraft

Sich ständig auf neue Schwierigkeiten einzustellen, ist für viele Schweizer KMU allerdings einfacher gesagt als getan. Das KMU-Barometer fragt danach, ob für die nächsten zwölf Monate in dreizehn unterschiedlichen Dimensionen jeweils eine Verschlechterung oder eine Verbesserung erwartet wird. Bei den Resultaten fällt auf, dass die Unternehmensführer die Situation und die Wettbewerbsfähigkeit ihres eigenen Unternehmens jeweils sehr viel zuversichtlicher beurteilen als die generelle Situation und die Rahmenbedingungen. Beunruhigend wirkt jedoch, dass die Zuversicht in Verbesserungen aus eigener Kraft in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt abgenommen hat und 2026 einen Tiefstand erreichte.

Der Gesamtindex des Barometers ist mit einem Wert von –7,3 auf den tiefsten Stand seit Erhebungsbeginn im Jahr 2021 gefallen; damals hatte er noch +6,9 betragen, 2025 –6,3 .

Im Durchschnitt besonders pessimistisch eingeschätzt wird die Entwicklung der gesetzlichen Regulierung, der Währungssituation und der steuerlichen Attraktivität der Schweiz. Die Zuverlässigkeit der Lieferketten wird 2026 wieder fast so negativ gesehen wie 2021 in der Pandemie. Immerhin positiv, aber verhaltener als in den Vorjahren eingeschätzt wird die Entwicklung der Marktchancen, der eigenen Wettbewerbsfähigkeit und der Möglichkeiten für nachhaltiges Wirtschaften. Erstmals wieder Verbesserungen erwartet die Mehrheit der KMU bei der Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal.

«Das Land muss aufwachen»

Auch der CEO von Felco gibt sich im Gespräch hinsichtlich der Entwicklung seines Unternehmens in diesem Jahr wieder vorsichtig optimistisch und erwartet ein gedämpftes Wachstum. Dennoch lässt die nun schon seit einigen Jahren anhaltende Verschlechterung der Rahmenbedingungen die Frage aufkommen, wie «unbreakable» – so lautet das Motto des diesjährigen SEF, das am Donnerstag und Freitag in Interlaken stattfindet – die KMU in der Schweiz noch sind.

«Ich habe manchmal das Gefühl, die Schweiz sei eine einsame Vegetarierin inmitten von Fleischfressern», sagt Francis dazu. In der Westschweiz gebe es den Spruch «La Suisse se lève tôt, mais elle se réveille tard» – die Schweiz steht früh auf, aber erwacht spät. Die Welt sei nicht mehr die alte, das Verhalten der grossen gegenüber den kleinen Ländern sei rücksichtsloser geworden. Er sei zwar kein Politiker, mache sich als Unternehmer aber Sorgen um den Erhalt der industriellen Basis in der Schweiz. «Das Land muss aufwachen, bevor es zu spät ist.»

Aber wie? Industriepolitik sei das falsche Wort, antwortet der Unternehmer. Aber es brauche mehr Unterstützung bei Forschung und Entwicklung und einen strategischen Plan, wie der Standort wettbewerbsfähig gehalten werden könne. Der Franken dürfe nicht zu rasch zu stark werden, und natürlich seien der Marktzugang, die bilateralen Verträge mit der EU und neue Freihandelsverträge absolut zentral. Sonst werde die Produktion und damit viele Arbeitsplätze in der Industrie ins Ausland abwandern.

Bemerkenswert hohe operative Resilienz

Das Vertiefungskapitel im diesjährigen KMU-Barometer ist der Resilienz, also der Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen und Schocks, der Unternehmen in der Schweiz gewidmet. 8 Prozent der Befragten halten ihr eigenes Unternehmen für sehr resilient. Eine grosse Mehrheit von 82 Prozent bezeichnet die eigene Firma als eher und mittel resilient. Doch jedes zehnte Unternehmen bezeichnet sich als wenig resilient.

Gefragt nach den bedeutendsten Dimensionen ihrer Resilienz, halten 88 Prozent starke Kunden- und Lieferantenbeziehungen für sehr bis extrem wichtig, 87 Prozent finanzielle Stabilität und 80 Prozent finanzielle Unabhängigkeit. Rund drei Viertel halten auch eine agile, anpassungsfähige Organisation und eine hohe Innovationsfähigkeit für sehr bis extrem wichtig.

Operativ scheint eine Mehrheit der Schweizer Unternehmen bemerkenswert resilient zu sein. 49 Prozent beurteilen ihre Kernprozesse als flexibel oder sehr flexibel, weitere 37 Prozent als mittelmässig flexibel. 64 Prozent der befragten Unternehmen geben an, nach Krisen häufig oder systematisch Ursachen zu analysieren und daraus Massnahmen für die Zukunft abzuleiten.

Auf die letzte grössere Krisensituation reagierten 49 Prozent laut eigenen Angaben pragmatisch und intuitiv und fällten schnelle Entscheide, die sich als wirksam erwiesen. Weitere 43 Prozent handelten offenbar auch unter Druck strukturiert und faktenbasiert. Nicht weniger als 82 Prozent haben in den vergangenen Krisensituationen ausserhalb formeller Zuständigkeiten gemeinsam nach Lösungen gesucht.

Die Hälfte der Firmenchefs widerspricht auch der Aussage, während der Krisen der vergangenen zwei Jahre seien Innovation oder Marktentwicklung zu kurz gekommen. 38 Prozent haben ihre Forschungs- und Entwicklungstätigkeit intensiviert, 51 Prozent haben sie gleich belassen, und 11 Prozent haben Vorhaben zurückgestellt. Immerhin ein Viertel stimmt allerdings der Aussage zu, dass wegen der Krisen die Innovation und die Marktentwicklung zu kurz gekommen seien.

Strategische Anpassungen fallen schwerer

So agil sich die Unternehmen auch geben, so sehr hat eine substanzielle Minderheit zunehmend Mühe, mit dem Dauerstress und dem fundamentalen Wandel umzugehen, der nach strategischer Veränderung ruft.

Für jedes fünfte Unternehmen wäre ein Schock, der zu einem Umsatzrückgang von 20 bis 30 Prozent während 6 Monaten führte, finanziell nur sehr schwer verkraftbar bis existenzbedrohend. Gut zwei von fünf Firmen würden für eine grundsätzliche Anpassung ihres Geschäftsmodells mehr als 12 Monate benötigen. Und 35 Prozent der Unternehmen berichten von einer hohen oder sehr hohen Abhängigkeit von einzelnen, schwer ersetzbaren Kunden oder Lieferanten; weitere 39 Prozent sehen mittlere Abhängigkeiten.

Resilienz bedeutet für den Felco-CEO, aufstehen zu können, wenn man als Firma zu Boden geworfen wird. Er sagt, das sei nötig, doch wichtiger finde er, so robust aufgestellt zu sein, dass man gar nicht erst falle.

Das diesjährige NZZ-KMU-Barometer zeigt: Robust sind die Schweizer KMU dort, wo es ums Krisenhandwerk geht. Unsicherer wirken viele jedoch, wenn es um strategische Erneuerung geht. Doch in der zweiten Dimension liegt die Bewährungsprobe der kommenden Jahre. Der Handlungsdruck ist und bleibt gross – und das in einer Zeit, in der viele in der Bevölkerung und der Politik meinen, der hohe Wohlstand und die Wettbewerbsfähigkeit seien selbstverständlich und könnten ruhig etwas eingeschränkt werden.

Peter A. Fischer, «Neue Zürcher Zeitung»

Der vollständige Ergebnisbericht des NZZ-KMU-Barometers 2026 kann hier heruntergeladen werden.

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