Zweifel am Mythos: Ferrari verschreckt Anleger mit erstem reinem Elektro-Boliden
Wirtschaft
27.5.2026 | nzz.ch
Zweifel am Mythos: Ferrari verschreckt die Anleger mit dem ersten reinen Elektroauto
Der Luxusautohersteller Ferrari hat sein erstes vollelektrisches Modell präsentiert. Die Aktien reagierten darauf mit deutlichen Verlusten.
Aufheulende und röhrende Hochleistungsmotoren sind seit der Gründung von Ferrari im italienischen Maranello vor fast 80 Jahren eines der prägenden Markenelemente. Der Gründer Enzo Ferrari startete seine Karriere im Motorsport. Bis heute kommt in der Formel 1 kein Team an das Image und die Erfolge der Scuderia Ferrari heran.
Am Dienstag brach Ferrari dann mit der Tradition der röhrenden Motoren: Der Autohersteller präsentierte in Rom sein erstes vollelektrisches Modell, den Ferrari Luce, zu Deutsch «Licht». Daraufhin sackten an der Börse die Aktien des Unternehmens um 8 Prozent ab. Begeisterung sieht anders aus. Schon im vergangenen Herbst reagierten die Titel negativ, nachdem Ferrari am Investorentag erste Komponenten des E-Ferrari vorgestellt hatte.
Design löst ungute Gefühle aus
Der Ferrari-Präsident und Fiat-Erbe John Elkann hatte zwar bei der Vorstellung gesagt, Ferraris seien nie darüber definiert worden, was sie antreibe, sondern immer darüber, welche Gefühle sie auslösten. Doch zumindest das Design des Luce weckte bei vielen Beobachtern ungute Gefühle. In den sozialen Netzwerken hagelte es Kritik. Die Urteile gingen von «futuristisch» über «bieder» bis «zu wenig Ferrari». Bisher hatte die Firma nie das ganze Modell gezeigt, sondern immer nur Teile davon.
Auf die Leistungsdaten ist Ferrari stolz. Mit 1050 PS beschleunigt das mit 2,2 Tonnen sehr schwere Fahrzeug in 2,5 Sekunden von null auf hundert. Der Preis liegt in der Grundversion bei 550 000 Euro. Zudem ist der Luce der erste Ferrari mit fünf Sitzen und weist den bisher grössten Kofferraum der Marke auf. Die Batteriezellen entwickelte Ferrari zusammen mit dem südkoreanischen Batteriehersteller SK On in Maranello.
Die Frage ist jedoch, ob die typischen Ferrari-Kunden wirklich eine reine Elektroversion wollen. Der Luce wurde in einer Zeit initiiert, als es noch hohe Erwartungen an den Durchbruch der Elektromobilität gab. Inzwischen herrscht in der Branche Ernüchterung, wenngleich die durch den Iran-Krieg steigenden Benzinpreise jüngst Rückenwind gaben.
Bereits für normale Autohersteller ist der Umstieg auf die Elektromobilität eine Mammutaufgabe, nicht zuletzt, weil viele Kunden noch zögern. Für Luxushersteller gestaltet sich der Umstieg noch schwieriger. So haben beispielsweise Lamborghini, Rolls-Royce, Bentley oder Porsche ihre ambitionierten Elektropläne gebremst oder gestoppt.
Die Volkswagen-Tochter Lamborghini stellte Mitte März ihre Pläne für ein reines Elektromodell ein. Eigentlich wollte Lamborghini 2029 das erste vollelektrische Modell auf den Markt bringen. Doch laut Umfragen wurde die Ablehnung unter den Kunden immer grösser. Für die Käufer sind Luxuswagen kein Gebrauchsgegenstand. Mit einem Lamborghini legen die Besitzer nur etwa 4000 bis 5000 Kilometer pro Jahr zurück. Die Emissionen stehen also nicht im Vordergrund, sondern der Spass.
Auch Ferrari ruderte bereits zurück. Ursprünglich wollte Ferrari ab dem Jahr 2030 vor allem auf Elektroautos und Hybridmodelle setzen. Nun planen die Italiener wieder mit deutlich mehr Sportwagen mit Verbrennungsmotor und weniger mit reinen Elektroautos.
Knappheit gehört zur Strategie
Ferrari hat keine Zahlen zu seinen erwarteten Verkäufen bekanntgegeben. Die Analysten von Bernstein Research sehen dennoch drei unterschiedliche Zielgruppen: erstens Sammler. Zweitens Kunden, die sich mit dem Kauf des Luce in eine bessere Position bringen wollen, um später eines der sehr begehrten, aber knappen Modelle zu ergattern. Und drittens Neukunden, für die Ferrari bisher nicht infrage kam.
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Dem Vatikan präsentierte Ferrari den Luce in Weiss: Papst Leo XIV. empfängt eine Ferrari-Delegation unter der Leitung von Präsident John Elkann in seiner Residenz Castel Gandolfo bei Rom. (Handout / EPA)
Der deutsche Auto-Papst Ferdinand Dudenhöffer ist allerdings sehr skeptisch. «Ferrari lebt vom Mythos», sagt er im Gespräch. Das vollelektrische Modell werde diesem Mythos aber nicht gerecht, das betreffe nicht nur das Design, sondern auch die Performance.
Der Direktor des Center Automotive Research verweist auf den chinesischen Xiaomi SU 7 Ultra, der eine höhere Leistung habe, schneller beschleunige und auf der Rennstrecke glänze. «Der Xiaomi kostet mit knapp 70 000 Euro aber nur einen Bruchteil des vollelektrischen Ferrari». Dennoch glaubt auch Dudenhöffer, dass der Luce einige Interessenten finden würde.
Aktien mit langfristig guter Performance
Die Marke Ferrari verkauft mit gut 13 500 Autos pro Jahr nicht einmal so viele Autos, wie Maranello Einwohner hat. In dem Örtchen in der Emilia-Romagna, das 40 Kilometer westlich von Bologna liegt, wohnen 17 000 Menschen. Doch bei Supersportwagen gehört Knappheit zur Strategie.
An der Börse werden die Hersteller eher mit Luxusgüteraktien verglichen als mit herkömmlichen Autoherstellern. Lamborghini verkauft pro Jahr sogar nur rund 10 000 Fahrzeuge. Dagegen wirkt Porsche schon wie ein Massenhersteller. Der Stuttgarter Sportwagenhersteller hat in seinen besten Zeiten sogar über 300 000 Fahrzeuge abgesetzt.
Aktionäre der ersten Stunde hatten mit den Titeln von Ferrari in den vergangenen zehn Jahren allerdings wohl ähnlich viel Freude wie die Besitzer der meist roten Flitzer. Beim Börsengang im Jahr 2015 kostete eine Aktie rund 50 Euro, im Februar 2025 erreichten die Titel mit knapp 500 Euro ihr Rekordhoch.
Seitdem ging es um rund 40 Prozent bergab, obwohl sich die Titel besser gehalten haben als die Aktien vieler anderer Autohersteller. Sie entwickelten sich damit etwa wie jene der Luxusgüterkonzerne Hermès und LVMH. Am Mittwoch notierten die Aktien nach einer geringfügigen Erholung zum Vortag bei rund 290 Euro. Die Anleger schienen sich etwas vom Schreck des Vortages zu erholen.
Michael Raasch, «Neue Zürcher Zeitung» Sie können dem Autor auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.
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