Immer mehr Firmen lagern zentrale Aufgaben wie Analyse, Forschung und Entwicklung nach Indien aus. (Adobe Stock)
Wirtschaft
18.2.2026 | nzz.ch
Jung, qualifiziert, weniger als 1000 Franken Monatslohn: Warum die UBS und andere Firmen immer mehr Stellen nach Indien verlagern
Westliche Firmen bauen vermehrt Abteilungen in Indien auf. Sie profitieren dabei von den vielen günstigen qualifizierten Arbeitskräften. Dabei geht es längst um mehr als um Kundendienst oder Buchhaltung.
Die UBS hat vergangene Woche einen neuen Standort in Indien eröffnet. In dem Büro in Hyderabad werde sie bis zu 3000 Stellen schaffen, teilte die Schweizer Grossbank mit. Die Mitteilung sorgte für Aufsehen. Denn der Ausbau in Indien fällt mit der Streichung von ähnlich vielen Stellen in der Schweiz zusammen – eine Folge der Übernahme der Credit Suisse. Zwar handelt es sich nicht um eine direkte Verlagerung der Stellen – vielmehr geht es in Hyderabad um den Aufbau neuer Fähigkeiten in Zukunftstechnologien wie künstlicher Intelligenz (KI). Doch die Verlagerung ist Ausdruck eines Trends.
Immer mehr westliche Firmen verlegen Abteilungen nach Indien. Schon heute gibt es dort mehr als 1700 sogenannte Global Capability Center (GCC). Zusammen beschäftigen sie 1,9 bis 2 Millionen Mitarbeiter. Mit etwa 550 GCC ist Hyderabad nach Bangalore heute der wichtigste Standort für Offshore-Zentren in Indien. Es wird erwartet, dass ihre Zahl in Indien bis 2030 auf 2500 wachsen wird. Neben Tech-Konzernen wie Google, Microsoft und Amazon haben auch viele westliche Banken solche Offshore-Zentren in Indien eröffnet.
Bekannt geworden war Indien in den späten 1990er Jahren mit Callcentern und IT-Dienstleistungen. Doch längst geht es für die Firmen nicht mehr nur um das Outsourcen von Tätigkeiten wie Buchhaltung, Kundenservice und Datenverarbeitung. Heute werden auch zentrale Aufgaben wie Analyse, Forschung und Entwicklung nach Indien verlagert. Statt diese Aufgaben an externe Dienstleister zu delegieren, bauen die Firmen lieber eigene Abteilungen auf.
Hyderabad ist zu einem wichtigen Tech-Zentrum geworden
Die UBS ist seit mehr als zehn Jahren an mehreren Standorten in Indien präsent, darunter in der Finanzmetropole Mumbai sowie in Pune und Hyderabad. Dort eröffnete die UBS 2020 ihr erstes GCC. Heute beschäftigt die Schweizer Grossbank in der Stadt rund 3000 Mitarbeiter. Mit der Eröffnung des neuen GCC soll sich die Mitarbeiterzahl verdoppeln. Als Gründe für die Entscheidung für Hyderabad nannte die UBS den grossen Talent-Pool, die exzellente Infrastruktur und das unterstützende politische Umfeld in der Stadt.
Noch vor wenigen Jahrzehnten war Hyderabad eine etwas verschlafene Provinzstadt voller alter Moscheen, Paläste und bröckelnder Festungen, die an den Glanz vor Indiens Unabhängigkeit 1947 erinnerten. Heute ist die Hauptstadt des südindischen Teilstaats Telangana jedoch neben Bangalore und Chennai eines der führenden Tech-Zentren Südindiens mit modernen Geschäftsvierteln voller breiter Schnellstrassen, gläserner Bürotürme und klimatisierter Einkaufszentren.
Die UBS versichert, die Expansion in Hyderabad habe nichts mit dem Stellenabbau in der Schweiz zu tun. Die Bank will dort als Folge der Integration der Credit Suisse 3000 Stellen abbauen. Dieser Abbau soll in erster Linie durch natürliche Fluktuation und Frühpensionierungen erreicht werden. Allerdings steht die UBS unter Druck, Kosten zu sparen und effizienter zu werden. Aus Bankenkreisen verlautete, ein Teil der neuen Stellen sei in Polen abgebaut, ein Teil von anderen indischen Standorten nach Hyderabad verlagert worden.
Die Gehälter sind ein wichtiger Standortvorteil in Indien
Die leichte Verfügbarkeit junger, gut ausgebildeter Arbeitskräfte ist ein wichtiger Grund für die Attraktivität Indiens. Viele junge Inderinnen und Inder wählen Fächer wie Informatik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Mathematik, die bei Firmen besonders gefragt sind. Ebenso wichtig ist aber das niedrige Lohnniveau. So erhalten Berufseinsteiger in Indien ein deutlich niedrigeres Gehalt als in Europa oder den USA.
Laut der indischen Karriereplattform 6figr liegt das Einstiegsgehalt bei der UBS in Indien zwischen 1,1 und 1,3 Millionen Rupien im Jahr –umgerechnet 9500 bis 11 200 Franken. Inzwischen steigen aber auch in Metropolen wie Bangalore, Hyderabad und Chennai die Lebenshaltungskosten und damit die Gehälter. Die Firmen weichen daher zunehmend in kleinere Provinzstädte wie Coimbatore und Jaipur aus, wo die Löhne und die Mieten noch niedriger sind.
Die Offshore-Zentren in Indien stehen vor Herausforderungen
Für Indien sind Offshore-Zentren eine wichtige Wachstumsbranche. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Mitarbeiter laut der Beratungsfirma UnearthIQ um 135 000 bis 150 000. Prognosen gehen davon aus, dass ihr Umsatz bis 2030 auf 110 Milliarden Dollar steigen wird. Indiens Ziel ist es, dass die GCC noch stärker Innovation, Entwicklung und Wertschöpfung vorantreiben. Doch auch in Indien ist die Zahl der Experten für Zukunftstechnologien wie KI begrenzt.
Die Firmen werden mehr in die Fortbildung der Mitarbeiter investieren müssen, um mit dem technologischen Wandel mithalten zu können. Sonst drohen in Schlüsselbranchen Personalengpässe. In vielen GCC ist die Fluktuation bei den Top-Talenten hoch. Wo das Angebot knapp ist, steigen die Gehälter. Damit wiederum sinkt der Wettbewerbsvorteil von Ländern wie Indien. Ob Indien seine globale Führung bei den GCC behalten kann, wird mithin davon abhängen, ob es das tiefe Lohnniveau in einem technologisch sich rasch wandelnden Umfeld bewahren kann.
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