Das Präsidium des wichtigsten Schweizer Wirtschaftsverbandes geht an einen St. Galler Textilunternehmer. (Adobe Stock)
Wirtschaft
16.2.2026 | nzz.ch
Aus dem Nichts an die Spitze von Economiesuisse: Wer ist Silvan Wildhaber, der designierte Präsident?
Er ist praktisch unbekannt, gilt aber als gut vernetzt. Der Textilunternehmer soll im Herbst das Präsidium des Wirtschaftsdachverbands übernehmen.
Der wichtigste Wirtschaftsverband der Schweiz bekommt einen neuen Präsidenten. Der 48-jährige Textilunternehmer Silvan Wildhaber soll im September am «Tag der Wirtschaft» zum Economiesuisse-Präsidenten erkoren werden. Der zuständige Vorstandsausschuss habe seine Wahl einstimmig empfohlen, erklärte Economiesuisse in einer Mitteilung. Wildhaber folgt auf Christoph Mäder, der das Präsidium nach sechs Jahren abgibt.
Wildhaber gilt als ungewöhnliche Wahl. Er ist kein Schwergewicht wie frühere Economiesuisse-Präsidenten, die zuvor etwa Parteipräsident der FDP oder Chefs von Grosskonzernen waren. Zudem ist Wildhaber in der Öffentlichkeit praktisch unbekannt.
Aber er gilt als gut vernetzt in der Verbands- und Wirtschaftswelt und als umgänglicher Unternehmer, der Economiesuisse womöglich eine gewisse Volksnähe zurückgeben kann. Der Wirtschaftsdachverband wurde in den vergangenen Jahren bisweilen als abgehoben kritisiert. In Volksabstimmungen fanden seine wirtschaftlichen Anliegen zunehmend weniger Gehör bei der Bevölkerung.
Wurzeln in St. Galler Textildynastie
Wildhaber stammt aus einer St. Galler Textildynastie. Zunächst schlug er eine klassische St. Galler Wirtschaftskarriere ein: Studium an der HSG, später Tätigkeit bei der Grossbank Credit Suisse. Bereits im Alter von 28 Jahren trat er dann aber in die Geschäftsleitung des familieneigenen Unternehmens ein. Die Firma Filtex AG ist seit 1919 in der Hand der Gründerfamilie Anderegg, aus der Wildhabers Mutter stammt. Im Jahr 2012 übernahm Wildhaber den CEO-Posten bei der Firma.
Die glanzvollen Zeiten der St. Galler Textilwirtschaft sind allerdings längst vorbei. Die Filtex AG ist heute ein klassisches Klein- und Mittelunternehmen (KMU) mit rund hundert Mitarbeitern. Es handelt mit Textilien und hat sich dabei unter anderem auf afrikanische Stoffe spezialisiert. Der Exportanteil des Unternehmens beträgt 80 Prozent.
Wildhaber selbst gibt seine unternehmerische Tätigkeit auf seiner Website als Grund dafür an, warum ihm eine international vernetzte Schweiz am Herzen liege. Für ihn zählten neue und verbesserte Freihandelsabkommen, eine pragmatische und unternehmensfreundliche Exportpolitik sowie die Sicherung des bilateralen Wegs mit der Europäischen Union zu den politischen Schwerpunkten.
Über den Verband Swiss Textiles kam Wildhaber ins Schweizer Verbandswesen. Er sitzt im Vorstand des Arbeitgeberverbands, der sich in der Arbeitsteilung der Wirtschaftsverbände vor allem um die innen- und sozialpolitischen Themen kümmert. Seit 2014 ist Wildhaber auch Vorstandsmitglied bei Economiesuisse. Der Dachverband setzt sich vor allem für gute Rahmenbedingungen und für die internationalen Anliegen der Wirtschaft ein. Im 75-köpfigen Vorstand von Economiesuisse ist die ganze Breite der Schweizer Unternehmenswelt vertreten, von Banken, Versicherungen und Pharmafirmen über Uhren- und Tech-Industrie bis zu Handel und Hotellerie.
Ausgleichende Persönlichkeit
In der Verbandswelt sei Wildhaber gut vernetzt, sagen Personen, die ihn kennen. Allerdings hatte der Unternehmer bis jetzt nie ein Amt, mit dem er öffentlich bekannt geworden wäre. Privat wohnt Wildhaber seit einigen Jahren mit seiner Familie in der Stadt Zürich. Dort ist er politisch aktiv. Im Jahr 2023 war er Nationalratskandidat für die FDP des Kantons Zürich – ohne Erfolg. Gegenwärtig kandidiert er für einen Sitz im Gemeinderat der Stadt Zürich. Daneben ist Wildhaber Präsident des nationalen Vereins «Freunde der FDP», der die Partei ideell und finanziell unterstützt.
In das letztgenannte Amt kam Wildhaber wohl auch, weil ihm ein ausgleichendes Naturell zugeschrieben wird. Bekannte beschreiben den 48-Jährigen als umgänglich und offen. In der Firma hole er Gäste selbst am Empfang ab. In der Beiz komme er mit allen ins Gespräch. Er habe ein klares liberales Profil, sei aber kein Sturkopf.
Wildhaber selbst sagte in der Medienmitteilung zu seiner Nominierung, es sei ihm ein Anliegen, Brücken zu bauen und die Schweiz gemeinsam voranzubringen. «Ich will die politischen Anliegen der Schweizer Unternehmen und ihrer Beschäftigten verständlich machen und die Herzen und Köpfe der Menschen in der Schweiz dafür gewinnen.»
In Bern ein unbeschriebenes Blatt
Wildhaber wird sich als Economiesuisse-Präsident auch in der Berner Bundespolitik vernetzen müssen. Dort ist er bis jetzt ein unbeschriebenes Blatt. Der SVP-Fraktionspräsident Thomas Aeschi, der in der Wirtschaftskommission des Nationalrats sitzt, erklärte auf Anfrage: «Der Name Silvan Wildhaber sagt mir nichts, und seine Nomination als Economiesuisse-Präsident kommt für mich überraschend.» Der SP-Co-Parteipräsident Cédric Wermuth, der auch Mitglied der Wirtschaftskommission ist, meinte auf Anfrage ebenfalls, er kenne Wildhaber nicht. Er wünsche ihm viel Erfolg im neuen Amt.
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