Roche – im Bild der Hauptsitz in Basel – hat sich mit einem Abkommen gegen Zölle auf Medikamente abgesichert. (Adobe Stock)
Wirtschaft
9.4.2026 | nzz.ch
Trumps neue Pharma-Zölle: Die meisten Schweizer Firmen dürften glimpflich davonkommen – das grosse Fragezeichen steht woanders
Mit einer Drohung von Zöllen bis zu 100 Prozent wollen die USA nochmals Druck zur Verlagerung der Produktion machen. Gleichzeitig möchten die Amerikaner der Schweiz noch weitere Pharma-Konzessionen abringen. In Grossbritannien hat das bereits geklappt.
Versuchen kann man es ja, wird sich Donald Trump gedacht haben: Mit der Androhung von Zöllen im Umfang bis zu 100 Prozent auf Medikamente schreckte der amerikanische Präsident alle Pharmafirmen auf, die ihre Produkte in die USA exportieren, aber noch keinen Deal mit der Regierung abgeschlossen haben.
Die Ankündigung, die Trump unmittelbar vor Ostern machte, soll die Unternehmen dazu bringen, einen Teil ihrer Produktion in die USA zu verlegen. Den meisten grossen Medikamentenherstellern hat Trump bereits Milliardeninvestitionen in neue Fabriken abgerungen. Mittels separater Abkommen haben sich siebzehn Firmen für drei Jahre von Zöllen befreit.
Dazu gehören auch die Pharmafirmen Novartis und Genentech, die US-Tochterfirma von Roche. Ein Teil der Abkommen ist die Zusage, neue Medikamente in den USA nicht mit höheren Preisen als in anderen Industrieländern einzuführen.
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In den USA tritt Roche unter dem Namen der Tochter Genentech auf. (Adobe Stock)
Nichts zu befürchten hat wohl auch Sandoz. Zwar hat die ehemalige Generikasparte von Novartis keine Produktion in den USA. Doch als Herstellerin von Nachahmerprodukten verkauft sie ihre Medikamente günstiger als die Originalpräparate und steht somit auch nicht wegen hoher Preise am Pranger.
Nach Einschätzung der Zürcher Kantonalbank dürfte auch das kleine Schweizer Pharmaunternehmen Basilea nicht betroffen sein. Zwar hat die Firma kein Abkommen mit Trump geschlossen. Die Analysten vermuten jedoch, dass die Basilea-Produkte wie Antibiotika aufgrund ihrer Bedeutung für das Gesundheitswesen von den Zöllen ausgenommen sein werden. Basilea wird auch finanziell von den US-Behörden unterstützt bei der Entwicklung eines Anti-Pilz-Mittels.
Für andere Unternehmen, welche in der Schweiz Medikamente für den amerikanischen Markt herstellen und die von keinerlei Ausnahmen profitieren, ist die Situation zwar etwas schlechter – sie müssen jedoch das Horrorszenario eines Zollsatzes von 100 Prozent nicht fürchten. Für sie gilt der Satz von 15 Prozent. Damit sind sie Firmen aus dem EU-Raum gleichgestellt, die kein Abkommen mit Trump abgeschlossen haben.
Die Industrie schielt nach Grossbritannien
Eine Null-Zoll-Lösung für seine Pharmafirmen hat bisher nur Grossbritannien mit den USA ausgehandelt. Das war deshalb möglich, weil die Briten Zugeständnisse bei der Festsetzung von Medikamentenpreisen gemacht haben. Neue Arzneimittel für das nationale Gesundheitssystem NHS dürfen künftig mehr kosten. Trump erhofft sich von solchen Massnahmen eine gerechtere Verteilung der hohen Entwicklungskosten für Medikamente unter den einzelnen Ländern.
Die Pharmaindustrie würde sich auch hierzulande eine solche Übereinkunft wünschen. «Entscheidend ist jetzt, dass die Schweiz in den Zollgesprächen mit den USA eine gleichwertige Lösung anstrebt, wie sie dem Vereinigten Königreich gewährt wurde», schreibt der Verband Interpharma auf Anfrage. Diese müsse das Risiko weiterer Zölle mindern oder eine Rückkehr zu einem Niveau von null Prozent ermöglichen.
Die Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz (Vips) weist darauf hin, dass seitens der US-Behörden noch immer die sogenannte Section-301-Untersuchung zu Überkapazitäten offen sei. Auch hier gelte es zu verhindern, dass die Pharmazölle weiter erhöht würden.
Klar ist, dass die Schweiz das britische Modell nicht eins zu eins übernehmen könnte, da das Gesundheitswesen in Grossbritannien völlig anders organisiert ist. Branchenvertreter sehen in erster Linie das hiesige Preisfestsetzungssystem als Ansatzpunkt. Eine «Modernisierung» – lies: pharmafreundlichere Ausgestaltung – böte der Schweiz «eine Verhandlungsgrundlage für die Zollgespräche mit den USA», schreibt Interpharma.
Trump sieht Nachholbedarf
Die Frage ist nun, ob und wie die Amerikaner das Thema Medikamentenpreise doch noch an den Verhandlungstisch bringen. Es sei nötig, pharmaspezifische Verpflichtungen in bestehende Handelsabkommen einzubringen, verkündete Trump Anfang April zusammen mit den Zöllen – und zwar mit der EU, Japan, Korea, der Schweiz und Liechtenstein.
Bis jetzt ist das offenbar nicht der Fall. In der Schweiz ist die Pharmapreispolitik Stand heute «nicht Teil der Verhandlungen mit den USA für ein formales Handelsabkommen», wie es auf Anfrage beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) heisst. In der ursprünglichen Frist bis Ende März hat es für die Unterzeichnung des Abkommens für die gesamte Wirtschaft nicht gereicht. Doch die Verhandlungen liefen wie geplant, schreibt das Seco, und es seien Fortschritte erzielt worden.
Die Schweiz strebe ein Verhandlungsergebnis an, das die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern «unabhängig der rechtlichen und politischen Entwicklungen in den USA längerfristig zufriedenstellend regelt».
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