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Mobiltelefon vor Bargeld: Das Zahlungsverhalten der Schweizer ändert sich stark

Zwar tragen die meisten Schweizer Bargeld auf sich. Nur jeder vierte Einkauf aber wird noch bar bezahlt. (Adobe Stock)

Mobiltelefon vor Bargeld: Das Zahlungsverhalten der Schweizer ändert sich stark

Wirtschaft

27.1.2026 | nzz.ch

Mobiltelefon vor Bargeld: Das Zahlungsverhalten der Schweizer ändert sich stark

Die Bargeldinitiative will die Versorgung in der Verfassung verankern. Doch zum Zahlen nutzen die Leute das Bargeld nur noch halb so häufig wie vor sechs Jahren.

Die Schweizer pflegen ein inniges Verhältnis zu ihren Münzen und Banknoten. Das zeigt sich an den liebevollen Spitznamen, die sie ihnen geben. Den Fünfliber nennen sie Schnägg, die 100er-Note Giacometti und die 1000er-Note Ameisi – angelehnt an das Sujet aus einer früheren Banknotenserie. Anfang März stimmt die Bevölkerung sogar über eine Volksinitiative ab, welche die Versorgung mit Bargeld in der Bundesverfassung festschreiben will.

Geht es allerdings um das Zahlungsverhalten im Alltag, so verzichten die Schweizer immer häufiger auf das Bargeld. Das meistgenutzte Zahlungsmittel ist inzwischen das Mobiltelefon. Bereits 31 Prozent aller Transaktionen erfolgen auf mobilen Geräten. Vor sechs Jahren lag dieser Anteil bei gerade einmal 3 Prozent. Umgekehrt hat sich der Anteil des Bargelds halbiert. Dieser ist seit 2019 von 48 auf 24 Prozent geschrumpft.

«Die rasante Ausbreitung des mobilen Bezahlens hat dazu geführt, dass die Schweiz auch im europäischen Vergleich zu den Vorreitern gehört», sagt Tobias Trütsch von der Universität St. Gallen. Zusammen mit Marcel Stadelmann von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften publiziert der Ökonom den Swiss Payment Monitor. Dieser untersucht halbjährlich das Zahlungsverhalten anhand von repräsentativen Umfragen sowie einer Tagebucherhebung.

Die genannten Anteile umfassen sowohl die Einkäufe in den Geschäften als auch das Online-Shopping, welches allerdings ein deutlich geringeres Gewicht aufweist. Immerhin, im Laden hat das Bargeld noch knapp die Nase vorn mit einem Anteil von 28 Prozent. Knapp dahinter folgen die Debitkarten; das sind Bezahlkarten, die mit einem Bankkonto verknüpft sind.

Das Telefon ist immer dabei

Das Mobiltelefon erreicht aber auch im Präsenzgeschäft einen respektablen Anteil von 25 Prozent. «Für viele Leute ist es heutzutage kein Problem mehr, ohne Portemonnaie aus dem Haus zu gehen», sagt Trütsch. «Ohne Smartphone dagegen sind sie komplett aufgeschmissen.»

Der Vorteil des Telefons liegt darin, dass es ganz unterschiedliche Funktionen in einem Gerät vereint. Da sind zunächst die klassischen Bezahl-Apps, wobei Twint den Schweizer Markt klar dominiert. «Dass die Banken mit Twint einen eigenen Brand lanciert haben, war ein kluger Schachzug», betont Trütsch. «Auch die Strategie, zunächst mit der Geldüberweisung zwischen Privaten zu starten, um danach die Geschäfte zu erobern, hat sich bewährt.» Inzwischen hat Twint über 6 Millionen Nutzer und verzeichnet mehr als 800 Millionen Transaktionen im Jahr.

Zum mobilen Bezahlen gehören ausserdem digitale Geldbörsen wie Apple Pay oder Google Pay. In der Regel sind diese mit einer Kredit- oder einer Debitkarte verknüpft. Schon länger etabliert sind die Apps für das Mobile Banking, um Überweisungen zu tätigen. Diese gewinnen mit dem kürzlich lancierten Verfahren der Instant-Zahlung, das sind Überweisungen in Echtzeit, weiter an Bedeutung. Überdies nutzen die Konsumenten immer mehr Retail-Apps von einzelnen Anbietern. Die bekannteste ist jene der SBB, um ein Zugticket zu lösen.

Online-Shopping ist bequem

Geradezu erdrückend ist die Dominanz des mobilen Bezahlens im Online-Shopping. Hier ist der Anteil an den Transaktionen seit 2019 von 15 auf über 70 Prozent hochgeschossen. Twint erreiche mit 40 Prozent einmal mehr eine beeindruckende Präsenz, erklärt Trütsch: «Der Vorteil ist die Bequemlichkeit. Wenn ich auf dem Sofa sitze und einen Pullover bestelle, muss ich dazu keine weiteren Angaben eintippen, sondern es genügen wenige Klicks.»

Im Gegensatz dazu haben die Kreditkarten an Marktanteil verloren. Wobei der Konkurrenzdruck durch Twint laut Trütsch geholfen habe, die Verbreitung des Click-to-Pay zu fördern, bei welchem die nötigen Daten online gespeichert sind. «Die Schweiz kann bei den Innovationen gut mithalten», sagt der Zahlungsexperte. «Die Kehrseite ist allerdings, dass die involvierten Anbieter jeweils eigene Gebühren erheben – was primär zulasten der Händler geht.»

Auch die gute alte Rechnung hat ihren Platz verteidigt, vor allem bei grösseren Beträgen, und kommt derzeit auf einen Anteil von 15 Prozent im Online-Shopping. Seit es genügt, zum Bezahlen einen QR-Code zu scannen, ist die Handhabung ebenfalls komfortabler geworden.

Tobias Trütsch geht davon aus, dass sich der Vormarsch des mobilen Bezahlens zwar verlangsamt, das Bargeld aber weiter an Relevanz verliert. In den letzten fünf Jahren sind rund tausend Geldautomaten verschwunden. Entsprechend stellt knapp die Hälfte der Bevölkerung fest, dass sich der Zugang zum Bargeld verschlechtert habe.

Trotzdem bleibt die grosse Mehrheit, nämlich 85 Prozent, insgesamt zufrieden mit der Erreichbarkeit. Zudem sagen sieben von zehn Personen, dass sie im letzten Jahr keine Situation erlebt hätten, in welcher ihnen das Bezahlen mit Bargeld verweigert worden sei.

Grosse Sympathie für das Bargeld

Im Hinblick auf die bevorstehende Abstimmung zur Bargeldinitiative stellt der Swiss Payment Monitor fest, dass die Banknoten und Münzen in der Bevölkerung weiterhin grosse Sympathie geniessen. 71 Prozent sprechen sich in der Umfrage gegen eine Abschaffung des Bargelds aus. Vor drei Jahren hatten erst sechs von zehn Personen diese Meinung vertreten.

Martin Brown, Titularprofessor an der Universität St. Gallen, beobachtet ebenfalls, dass die grosse Mehrheit dem Bargeld vertraut, um im Notfall damit bezahlen zu können. «Das ist verständlich, da die meisten auch schon technische Störungen bei Zahlungen erlebt haben.» Acht von zehn Personen tragen weiterhin Bargeld auf sich – selbst wenn sie es im Alltag nur sporadisch nutzen. Der mittlere Betrag im Portemonnaie, auch dies zeigt die Studie, liegt bei 50 Franken. Dies würde immerhin reichen, um im Notfall ein Mittagessen zu bezahlen.

Albert Steck, «Neue Zürcher Zeitung»

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