Verleiten Subventionen vom Bund den Mittelstand dazu, immer weniger zu arbeiten? (Adobe Stock)
Wirtschaft
26.4.2026 | nzz.ch
Immer mehr Subventionen, immer mehr Teilzeitarbeit: Optimiert der Mittelstand seine Work-Life-Balance auf Staatskosten?
Der Sozialstaat wächst, Subventionen haben den breiten Mittelstand erreicht. Dort dienen sie weniger der Linderung sozialer Not, vielmehr senken sie die Anreize zum Arbeiten. Und nein, das ist noch nicht das Ende der staatlichen Grosszügigkeit.
«Teilzeit arbeiten? Da musste ich nicht lange überlegen. Ich verdiene zwar 20 Prozent weniger, habe aber 50 Prozent mehr Freizeit.» Es ist eine unorthodoxe Rechnung, die Marco Ammann, Projektleiter beim Bund, anstellt, doch sie hat ihre Logik. Mit seinem 80-Prozent-Pensum hat er über die ganze Woche gesehen drei statt nur zwei Tage frei, also 50 Prozent mehr.
Der Deutschschweizer, der gerne mit Zahlen jongliert, steht für die wachsende Gruppe von Leuten, die genau kalkulieren, ob es sich lohnt, mehr zu arbeiten. Eine ausgeglichene Work-Life-Balance heisst das Ziel auf Neudeutsch und ist in gewissen Kreisen gar zum Statussymbol geworden.
«Lifestyle-Teilzeitarbeit» nennt dies hingegen der Schweizer Arbeitgeberverband, der sich angesichts von Fachkräftemangel, drohenden Defiziten und steigenden Sozialausgaben Sorgen darüber macht, wie viele Leute keine Lust auf eine Vollzeitstelle haben. Ammann, aus gutsituiertem Haus, hat fast bis 30 studiert, zum Teil monatlich Hunderte Franken Prämienverbilligungen bezogen und denkt jetzt darüber nach, wie er zu einer Genossenschaftswohnung kommen könnte. «Das System ist so ausgelegt, warum sollte ich das Geld liegen lassen?», fragt er, will aber seine Überlegungen nicht unbedingt unter seinem richtigen Namen mitteilen.
Hier liegt denn auch der Sprengstoff in der ganzen Diskussion. Ob jemand Teilzeit arbeiten will, ist schliesslich Privatsache. Doch in den letzten Jahren wurden die Zuschüsse des Sozialstaats kontinuierlich ausgeweitet und haben den breiten Mittelstand erreicht, mit der Folge, dass sie Leute subventionieren, die es wie Ammann nicht nötig hätten. «Keine staatliche Unterstützung , um die persönliche Work-Life-Balance zu verbessern», fordert etwa der Zürcher FDP-Kantonsrat Marc Bourgeois. Er hat in dieser Sache schon vor zwei Jahren einen Vorstoss eingereicht, nachdem er von einem Unternehmerpaar gelesen hatte, das zusammen nur 15 Stunden pro Woche arbeitete und 900 Franken Prämienverbilligung kassierte.
Genug ist nicht genug: Wohlfahrt ohne Grenzen
«Der Trend, dass wir zunehmend mit der Giesskanne Geld verteilen, ist eindeutig», sagt Patrick Leisibach von der Denkfabrik Avenir Suisse. Statt gezielt den Armutsgefährdeten zu helfen, werde heute bis in den oberen Mittelstand subventioniert. Von den Prämienverbilligungen über die Förderung von Genossenschaften bis zu Zahlungen für Wärmepumpen: Überall wüchsen die Ansprüche. «Gerade im Sozialbereich steigen die Subventionen ständig. Da hat sich die Denkweise völlig verändert», sagt Leisibach.
Allein beim Bund fliessen heute 47 Prozent aller Subventionen in die soziale Wohlfahrt, allen voran in die AHV oder die IV, die Prämienverbilligungen folgen auf Platz 4. Während der Haupttreiber die Alterung der Gesellschaft ist, hat sich auch der Kreis der Bezugsberechtigten vergrössert. Bei den Krankenkassenprämien etwa ist Genf Spitzenreiter: Dort profitierten 2024 fast 44 Prozent von Rabatten. Es folgt der Kanton Waadt, der den maximal zu bezahlenden Prämienanteil auf 10 Prozent des Einkommens beschränkt hat, mit 36,8 Prozent. Zürich war ihm mit 36,6 Prozent dicht auf den Fersen. Hier hatte vergangenes Jahr eine Familie mit zwei Kindern – wohnhaft in der Stadt, ohne nennenswertes Vermögen – bis zu einem steuerbaren Haushaltseinkommen von 155 000 Franken noch Anrecht auf eine Verbilligung. 2026 soll die Obergrenze wieder sinken. Wenn ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung von Zuschüssen profitiert, sinkt auch der Druck, etwas gegen die hohen Gesundheitskosten zu unternehmen.
Aber auch bei der Kinderbetreuung überbieten sich die Kantone mit einer Ausweitung einkommensabhängiger Subventionen. In Zürich liegt die Obergrenze bei 130 000 Franken steuerbarem Einkommen, was einem Bruttolohn von weit über 150 000 Franken entspricht. Rekordverdächtig dürfte der Kanton Bern sein. Bei den Prämienverbilligungen eher zurückhaltend unterwegs, erlaubt er ab August den Bezug von Bildungsgutscheinen bis zu einem «massgebenden Haushaltseinkommen» – das entspricht grob gerechnet einem Nettolohn – von 170 000 Franken. Damit könnten sogar Familien profitieren, die im Kanton zu den obersten 5 Prozent der Einkommenspyramide gehören.
Und nein, das ist noch nicht das Ende der Grosszügigkeit. Neu sollen Eltern in der ganzen Schweiz zusätzlich vom Bund 100 Franken monatlich pro Kind und Betreuungstag als Zuschuss zur Kita erhalten. Geschätzte Kosten: 710 Millionen Franken. Ein Ausbau winkt auch bei den Prämienverbilligungen, weil die Kantone bis in zwei Jahren ihre Beiträge erhöhen müssen. Die Folge: In Zürich zum Beispiel müsste die Obergrenze wieder angehoben werden. «Das sollten wir unbedingt verhindern und das System anpassen, sonst erhalten am Ende noch die Wohlhabenden Zuschüsse», mahnt Martin Huber, FDP-Kantonsrat, der diesbezüglich mit einem Postulat schon beim Regierungsrat interveniert hat.
«Ich würde das Geld auch nehmen», sagt der Lebenszeitoptimierer Ammann. Und meint nicht nur die Prämien-, sondern auch die Kita-Zuschüsse, sollte er dereinst eine Familie haben. Er plant, nie mehr als 80 Prozent zu arbeiten, ab dem mittleren Alter dann sogar weniger. Neben der zusätzlichen Freizeit, die er unter anderem mit Klettern verbringt, schätzt er die Teilzeitarbeit als seine «grösste Steueroptimierung», sagt er, der heute 80 000 Franken im Jahr verdient.
Teilzeit als Privileg für Ältere und Akademiker?
Verleiten wir den Mittelstand dazu, nur noch das Nötigste zu arbeiten? Denn abgesehen davon, dass irgendwer die Subventionitis bezahlen muss, setzt sie auch negative Arbeitsanreize. «Es gibt durchaus Hinweise darauf, dass Menschen ihr Arbeitsangebot so anpassen, dass sie unter Berücksichtigung von Steuern und Transfers möglichst gut fahren», schreibt die Ökonomin Melanie Häner-Müller vom Luzerner Institut für Wirtschaftspolitik (IWP) per E-Mail.
Anekdoten über Leute, die ihr Einkommen auf die Steuerprogression und die Subventionsgrenzen abstimmen, gibt es viele. Ein Treuhänder beschreibt, wie ein selbständiger Kunde Lohn und offizielle Arbeitszeit so ausrichtete, dass er die Kita-Subventionen nicht verlor. Eine alte Kollegin erzählt, wie sie nach dem ersten Kind aufs Heiraten verzichtete, um mit ihrem Teilzeitsalär weiterhin Anrecht auf Prämienverbilligungen zu haben. Doch umfassende Daten fehlen, zu unterschiedlich sind die kantonalen Einkommensdefinitionen und Schwellenwerte.
Klar ist: Die Teilzeitarbeit hat stark zugenommen, der wichtigste Treiber ist die Zunahme berufstätiger Frauen, so dass übers Ganze gesehen nicht weniger gearbeitet wird. Laut Umfragen würde eine Mehrheit der Schweizer und Schweizerinnen Teilzeit arbeiten wollen, wenn sie frei wählen könnten. Doch unter denen, die dies aus anderen Gründen als der familiären Betreuungsarbeit auch wirklich tun, sind gemäss einer neuen Auswertung des Arbeitgeberverbands Hochschulabsolventen und über 50-Jährige übermässig vertreten. Man muss sich Teilzeitarbeit also auch leisten können.
Hier kommen die Subventionen ins Spiel. «Problematisch wird es dort, wo Subventionen faktisch zur Reduktion des Arbeitspensums beitragen. Wenn sich zusätzliche Erwerbsarbeit kaum mehr lohnt, weil Subventionen und Steuern zusammenwirken, führt das zu negativen Arbeitsanreizen», sagt Patrick Chuard, Chefökonom des Arbeitgeberverbandes.
Entscheidend ist dabei der effektive Grenzsteuersatz – also wie viel von einem zusätzlich verdienten Franken nach Steuern und dem Wegfall von sozialen Transferleistungen tatsächlich übrig bleibt. «Wenn dieser effektive Satz sehr hoch ist, etwa durch eine Kombination von progressiven Steuern, wegfallenden Prämienverbilligungen oder einkommensabhängigen Leistungen, kann es sich finanziell tatsächlich kaum lohnen, mehr zu arbeiten», erklärt Häner-Müller.
Nehmen wir zum Beispiel eine Familie mit zwei Kindern in der Stadt Zürich mit einem Nettoeinkommen von 160 000 Franken im Jahr. Steigt es um 10 000 Franken, weil ein Elternteil sein Pensum aufstockt, bleibt nach Abzug der zusätzlichen Steuern, dem Wegfall von Kita-Subventionen und ein wenig Prämienverbilligungen nicht viel mehr als ein Drittel übrig. Das kann jeder über einen Steuerprogressionsrechner wie Arvy und die Subventionsrechner der jeweiligen Kantone und Gemeinden selber ermitteln. «Paradox ist, dass dies den Mittelstand härter trifft als die oberen Einkommen, weil er gleichzeitig in die Steuerprogression hineinwächst und aus dem Subventionssystem herausfällt», sagt Thierry Borgeat, einer der Mitgründer von Arvy.
Trügerische Anreize
«Es entspricht dem gesunden Menschenverstand, dass die Leute ihr Verhalten optimieren, und lässt sich auch im persönlichen Umfeld beobachten», sagt der FDP-Politiker Bourgeois. Doch in Bezug darauf, wie verbreitet ein solches Verhalten in der Realität ist, sind die Indizien widersprüchlich. Auf Bourgeois’ Initiative hin liess der Zürcher Regierungsrat auswerten, wie viele Menschen, die 2019 Prämienverbilligungen erhalten haben, weniger als 30 Stunden pro Woche arbeiteten. Ihr Anteil war zwar grösser als bei jenen ohne Zuschüsse, aber die, die nur aus Gründen der Work-Life-Balance Teilzeit arbeiteten, machten unter ein Prozent aus. Auf die ganze Schweizer Erwerbsbevölkerung hochgerechnet, seien das 32 500 Menschen, sagt Chuard, der das für eine «nicht vernachlässigbare Grösse» hält.
Damit dürfte er auf einigen Widerspruch stossen. «Dass Menschen ihr Arbeitspensum reduzierten, um von Verbilligungen zu profitieren, ist eine Ablenkungsdiskussion, die an den Realitäten der meisten Familien vorbeizielt», sagt etwa die Berner SP-Ständerätin Flavia Wasserfallen. Glaubt man den Resultaten einer Befragung des Forschungsinstituts Sotomo von 2023 zur Teilzeitarbeit, spielen die Zuschüsse aber durchaus eine Rolle. So sagten die meisten Befragten, sie arbeiteten wegen der zusätzlichen Freizeit weniger – Haushalt und Kinder folgten erst auf Platz 2 und 3. 10 Prozent der Befragten fanden überdies, ein höheres Pensum lohne sich gar nicht. Dabei geht es genau um die Vergünstigungen, die wegfallen durch die Mehrarbeit, und um die Belastung eines Zweiteinkommens durch die Steuerprogression.
Dass Fehlanreize bestehen, zeigt auch ein Beispiel, das die Politik eigentlich geschaffen hat, um zu erreichen, dass mehr gearbeitet wird. In einer neuen Studie vom Februar zeichnet das IWP in Luzern nach, dass der Ausbau und die Vergünstigung der Kinderbetreuung die Erwerbstätigkeit von Müttern zwar erhöht haben, der Effekt aber eher moderat ist, vor allem wenn es um höhere Pensen geht. Die Massnahmen erreichen auch nicht unbedingt diejenigen, denen es am meisten bringen würde. Häner-Müllers Fazit ist ernüchternd: «Am positivsten wären die Effekte für die Beschäftigungssituation der Mütter und die Entwicklung der Kinder aus weniger privilegierten Familien. Die Daten zeigen jedoch, dass die Betreuungsangebote vor allem von Familien mit mittleren und hohen Einkommen genutzt werden.»
Dennoch ist die Politik fest entschlossen, die Giesskanne noch weiter zu füllen, namentlich die SP geht hier voran, bisweilen auch sekundiert von Bürgerlichen. Der Sündenfall war die 13. AHV-Rente, die allen Pensionären mehr Geld zusprach, egal, wie wohlhabend sie sind. Auch Kita-Zuschüsse für alle gelten inzwischen als selbstverständlich. «Ohne Betreuungsangebote würde vieles nicht funktionieren. Deshalb betrachte ich Kitas als Teil des Service public», sagt etwa Wasserfallen. Als Nächstes steht die Initiative für eine einkommensabhängige Krankenkassenprämie an, die, so die SP, «85 Prozent spürbar entlasten soll».
Es ist einfach zu verlockend, fremdes Geld an möglichst viele Wähler zu verteilen. Da spielt es auch keine Rolle, dass Sozialleistungen eigentlich dafür vorgesehen wären, jenen zu helfen, die es nötig haben, obwohl sie an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gelangt sind.
Was den einen die Rolex, ist andern die Teilzeit
Wenn Marco Ammann in seinem Büro in Bern über die Fehler im System nachdenkt, kommt er ins Philosophieren. Er versteht sich als Nutzenmaximierer mit intellektuellem Flair und meint, dass heute ein Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft fehle, etwas, das er von seiner Grossmutter kenne. Stattdessen dominiere ein Hedonismus, der bei den einen die Rolex und bei den anderen die richtige Lebensgestaltung ins Zentrum rücke. «Jeder will im Kleinen optimieren, statt ans Grosse zu denken, also auch an die, welche die Rechnung bezahlen müssen, wenn so viele Teilzeit arbeiten.»
Das System so zu reformieren, dass die Anreize stimmen, ist unter diesen Voraussetzungen denn auch nicht trivial. «Es ist eine Frage der Gerechtigkeit. Wir fordern, dass wieder gezielt unterstützt wird statt mit der Giesskanne», sagt der FDP-Kantonsrat Martin Huber. Ideen, was zu tun wäre, schwirren viele herum: die Höhe der Subvention an den Beschäftigungsgrad koppeln, Steuersätze auf 100-Prozent-Löhne aufrechnen oder das Recht auf Subventionen an die Ausschöpfung der Erwerbsmöglichkeiten binden.
Doch wie soll das genau gehen? Eine Bürokratie aufbauen, die herausfinden soll, wer aus Lifestyle-Gründen wenig verdient? Ist es überhaupt Sache des Staates, sich da einzumischen? Und was ist mit all den Gutverdienenden, die ohne Subventionen, aber dank einer staatlich finanzierten Hochschulausbildung Teilzeit arbeiten? «Es ist ein Spannungsfeld», gibt Huber zu, der noch daran arbeitet, weitere Vorstösse einzureichen.
Inspirieren könnte ihn der unkomplizierte Weg, den «Cash or Crash» verfolgt, eine Website zur smarten Lebensplanung von Alliance F, dem Bund der Schweizerischen Frauenorganisationen. «Viele denken zu kurzfristig. Wir zeigen auf, dass es sich langfristig fast immer lohnt, mehr zu arbeiten. Wegen der verpassten Verdienst- und Karrieremöglichkeiten, der Lücken in der Altersvorsorge und der Risiken im Fall einer Trennung», sagt Simon Preisig, Leiter Projekte, und zaubert ein Beispiel aus dem Hut, das gerade der Optimierer Ammann verstehen dürfte: Reduziert ein 30-Jähriger, der 80 000 Franken im Jahr verdient, das Pensum von 80 auf 60 Prozent, verzichtet er bis zur Pensionierung netto auf fast eine Million Franken und danach auf über 1000 Franken Rente pro Monat.
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