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So erfolgreich und so bedroht wie noch nie: Das erste WEF ohne Klaus Schwab muss zeigen, dass es mehr ist als eine «Trump-Show»

Das WEF ist ein Magnet für die Mächtigen: 64 Regierungschefs und Hunderte CEO von Weltkonzernen sind angemeldet. (Adobe Stock)

So erfolgreich und so bedroht wie noch nie: Das erste WEF ohne Klaus Schwab muss zeigen, dass es mehr ist als eine «Trump-Show»

Wirtschaft

19.1.2026 | nzz.ch

So erfolgreich und so bedroht wie noch nie: Das erste WEF ohne Klaus Schwab muss zeigen, dass es mehr ist als eine «Trump-Show»

Das Weltwirtschaftsforum in Davos steht ganz im Zeichen von Donald Trump. Nach seinem Abgang versucht der WEF-Gründer mit einem Buch relevant zu bleiben. Schwabs Erbe ist gefährdet.

Diese Woche steht für einmal die Schweiz im Zentrum der globalen Aufmerksamkeit. Der Höhepunkt: Der US-Präsident Donald Trump wird mit einem Clan von Ministern und Getreuen anreisen. Das Forum ist ein Magnet für die Mächtigen: 64 Regierungschefs und Hunderte CEO von Weltkonzernen sind angemeldet. Doch dieser Jahrgang wird anders. Es wird wieder im Zeichen der «Trump-Show» stehen, und es findet erstmals ohne den WEF-Gründer Klaus Schwab statt.

Dieser hatte das Forum 1971 als multilaterale Plattform des Dialogs zwischen Wirtschaft und Gesellschaft ins Leben gerufen. Über die Jahre etablierte es sich als Weltbühne für die Mächtigen und Einflussreichen der Welt, auch dank Schwabs grosser Mobilisierungskraft. Das diesjährige WEF trägt noch ein Motto in Schwabs Sinn: «A Spirit of Dialogue», im Geiste des Dialogs. Doch angesichts des Ukraine-Kriegs, der US-Militärintervention in Venezuela und der Annexionsdrohungen Trumps gegen Grönland klingt der Slogan unfreiwillig ironisch.

Auch das WEF als Organisation ist in der Krise. Schwab sah sich letztes Jahr mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Eine Schlammschlacht zwischen ihm und der WEF-Spitze folgte. Schwab behauptete sich, und eine Untersuchung entlastete ihn. Doch nach 54 Jahren als Kopf des Forums zog er sich zurück. Er und seine Familie spielen am diesjährigen WEF keine Rolle mehr.

Schwab bäumt sich auf . . .

Der 87-jährige Professor versucht dennoch relevant zu bleiben und auf die Deutungshoheit Einfluss zu nehmen. In der Woche vor dem Start des Forums veröffentlichte Schwab ein Buch mit dem Titel «Wahrheit und Vertrauen wiederherstellen». Es ist eine Analyse des technologischen Fortschritts im Dienste der Menschheit. Im Buch warnt Schwab in luftiger Konzernsprache vor einer gefährlichen Erosion: Wahrheit und Vertrauen, die Grundpfeiler der Gesellschaft, seien im heutigen digitalen, stark polarisierten Zeitalter daran zu zerfallen.

Desinformation, institutionelles Versagen, aber auch die Flucht vor Verantwortung würden effektives kollektives Handeln verunmöglichen. Schwab fordert ein neues Führungsverständnis, mit Werten und Integrität im Mittelpunkt, aber auch globale Kooperation und Solidarität, um den Übergang ins «intelligente Zeitalter» zu meistern.

Man könnte die Ausführungen als implizite Kritik an den Vorgängen beim WEF verstehen. Doch direkte Vorwürfe zu den Hintergründen, die zu seinem Ausscheiden geführt haben, formuliert Schwab keine. Unterschiedliche Wahrheiten, Vertrauensverlust und Führungsversagen sind dennoch wichtige Themen des Buchs, die sich auch auf die Situation beim WEF anwenden liessen. Klar wird auch: Schwabs Anspruch, die Welt verbessern zu wollen («Improving the state of the world»), ist ungebrochen.

Doch sein eigener Abgang markiert das Ende einer Ära und bedroht das Erbe seiner Organisation. Hat eine Plattform, die Dialog unter den globalen Entscheidungsträgern zelebriert, im Zeitalter allgegenwärtiger geopolitischer Konfrontation eine Zukunft?

. . . wird aber nicht mehr gebraucht

Laut einem ehemaligen, langjährigen Mitarbeiter des WEF gibt es zwei Perspektiven: eine interne und eine externe. Innerhalb des WEF seien die Angestellten besorgt um die Zukunft des Forums. Doch von aussen betrachtet, sei es immer noch ein grosser Erfolg. Tatsächlich sind mit 3000 Teilnehmenden, unter ihnen 64 Regierungschefs und 850 CEO, so viele «leaders» wie noch nie dabei. Auch wirtschaftlich war das WEF noch nie so erfolgreich: Letztes Jahr nahm es gesamthaft 469 Millionen Franken ein.

Jeder wolle dort sein, egal, ob Schwab noch am Ruder sei oder nicht. Den Teilnehmern des Forums sei der Gründervater gleichgültig, meint der ehemalige WEF-Mann. Die Krise sei zwar schmerzhaft, doch die Welt drehe sich weiter. Ausserhalb der Schweiz interessiere die interne Nachfolgefrage niemanden.

Thierry Malleret, ehemals Programmdirektor beim WEF und Autor mehrerer Romane über das Forum, sagt: «Dass Schwab nicht da ist, macht keinen grossen Unterschied.» Er sei zwar äusserst effektiv beim Aufbau des Netzwerks gewesen. Doch das könne der amerikanische Finanzmanager Larry Fink, der mit dem Roche-Erben André Hoffmann das neue Übergangs-Führungsduo stellt, auch. Fink habe mindestens genauso viel Erfahrung dabei, wenn nicht mehr, Leute zusammenzubringen.

Ein anderer WEF-Insider erachtet das Führungsduo als gute Kurzfristlösung. Damit würden die europäischen Teilnehmenden wie auch die Schweizer zufriedengestellt. Gleichzeitig könne mit Fink ein Amerikaner Trump in Davos begrüssen, das sei ein Vorteil.

«Trump-Show» ist programmiert

Spätestens wenn der US-Präsident Schweizer Boden berührt, wird sich alles um ihn drehen. Zum ersten Mal seit sechs Jahren wird Trump wieder physisch in Davos teilnehmen. Er wird die grösste US-Delegation anführen, die das WEF je gesehen hat, mit fünf Ministern, unter ihnen Marco Rubio, Scott Bessent und Steve Witkoff. Auch Trumps Entourage und Mitglieder seiner Familie, etwa sein Sohn Eric, Chef der Trump-Organisation, und sein Schwiegersohn Jared Kushner, sind angekündigt.

Der US-Präsident selbst wird am Mittwoch erwartet. Er wird dann per Helikopter oder mit dem Panzerauto in die Alpen gebracht. Plane-Spotter freuen sich auf die Air Force One. «Es ist Trumps Davos», sagt Malleret. Der Take-over habe bereits stattgefunden, alle redeten nur über ihn. Seine «Special Address» am Mittwochnachmittag dürfte Wellen schlagen.

Für das WEF ist Trump mehr Fluch als Segen. Er sorgt zwar für hohe Aufmerksamkeit, zugleich ist er ein Reputationsrisiko. Mit seinen Aussagen dürfte er viele verärgern. Davos gibt Trump, aber auch seinen Geschäftsinteressen, maximalen Raum. Trump liebt das WEF. Nach 2018 und 2020 wird es bereits sein dritter Auftritt sein. Vor ihm war Bill Clinton der einzige amtierende US-Präsident, der das WEF besucht hat, das war im Jahr 2000.

Trump lässt sich eine Weltbühne nicht entgehen. Die US-Delegation wird ihren Stützpunkt im USA House, das in einer Kirche eingerichtet ist, haben. Finanziell wird es von Microsoft, McKinsey und der KI-Firma C3 AI getragen. Vertreter der US-Regierung sollen das WEF aufgefordert haben, unerwünschte Themen vom Programm zu streichen oder zu kürzen, um die Teilnahme des US-Präsidenten zu ermöglichen. Das WEF widerspricht dem. Auf Anfrage schreibt ein Sprecher, dass die Themen der Treffen nach ihrer globalen Relevanz ausgewählt werden: «Keine Regierung beeinflusst unsere redaktionelle Unabhängigkeit oder das Programm unserer Treffen.»

Der Vorwurf, das WEF lasse sich bei seinem Programm von seinen Konzernpartnern und Teilnehmenden beeinflussen, ist nicht neu. Dem Vernehmen nach wurden in der Vergangenheit etwa Themen über den Klimawandel auf Wunsch von Partnern aus der Energiewirtschaft zurückgestellt. Ein ehemaliger Mitarbeiter fragt sich, was noch der Zweck des Forums sei, wenn es thematisch von den USA dominiert werde. Ursprünglich war das WEF als neutrale Plattform konzipiert. Dominiere eine Nation, sei das der Tod von Schwabs «Geist von Davos».

Ideale sind ein Feigenblatt

Die neue WEF-Spitze ist sich dessen bewusst: «Die Globalisierung endet nicht, sie entwickelt sich weiter», schreiben Fink und Hoffmann. Und: «Das nächste Kapitel wird sich an der ursprünglichen Mission von Klaus Schwab orientieren: Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenbringen, um die Lage der Welt zu verbessern.» Dafür sei Dialog eine «Notwendigkeit», sagt Börge Brende, seit 2017 Chef des Forums. Wie das Wachstum beleben und künftig miteinander handeln, diese Fragen wolle man in Davos lösen, sagte der ehemalige norwegische Aussenminister an einer Medienkonferenz.

Gemäss Beatrix Morath, Beraterin bei Alix Partners und langjährige Teilnehmerin, werden am WEF «keine Lösungen für die Probleme der Welt gezimmert». Es sei aber der Auftakt für eine Diskussion. Die Probleme seien viel zu komplex und erforderten das Mitwirken zu vieler Stakeholder, um mal schnell in einem Meeting gelöst zu werden. Geopolitik und KI seien absolut dominant. «Woke» Themen wie Nachhaltigkeit oder neue Arbeitsformen haben an Bedeutung verloren.

Für den Autor Thierry Malleret waren die Weltverbesserungsambitionen immer Augenwischerei. Er sagt: «Die Ideale wurden nie wirklich gelebt. Das Forum spiegelte lediglich wider, wie westliche Unternehmen sich den Westen wünschten. Das WEF bot dafür eine Plattform.» Das Problem sei, dass die Ära der westlichen Vorherrschaft und der Globalisierung ihren Höhepunkt überschritten habe. «Der Westen bestimmt nicht mehr die Agenda, das Forum spiegelt nun die politische Realität der Welt wider.» Weltverbesserung ist endgültig passé.

Not the only game in town

Das WEF hat unter den privaten, transnationalen Konferenzen noch immer die grösste Strahlkraft. Doch es ist nicht mehr die einzige Plattform, wo sich die globale Elite austauschen kann. Die Münchner Sicherheitskonferenz etwa hat sich in der Sicherheitspolitik zu einer attraktiven Alternative entwickelt; aber auch das Future Investment Initiative in Riad, bekannt als «Davos in der Wüste», hat sich etabliert. Ebenso wird das Boao-Forum in China immer populärer.

Die Eintrittsbarrieren, um eine Konferenz aufzuziehen, sind tief, vor allem wenn sie staatlich unterstützt wird. Je fragmentierter die Welt, desto mehr konkurrierende Anlässe gibt es. «Um zu überleben, muss sich das WEF neu erfinden», sagt Malleret. Denn das Vertrauen in die Eliten und ihre Legitimität sei geschwächt. Davos laufe Gefahr, langsam in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, weil sich der Einfluss auf konkurrierende Veranstaltungen und regionale Machtzentren verteile.

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