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Ad interim war gestern: Die Co-Präsidenten des WEF sehen sich nicht mehr als Übergangslösung

Das Rampenlicht machte ihm nichts aus: Blackrock-Gründer Larry Fink während seines ersten WEF in Davos als Co-Präsident der Organisation. (© 2026 World Economic Forum)

Ad interim war gestern: Die Co-Präsidenten des WEF sehen sich nicht mehr als Übergangslösung

Wirtschaft

4.3.2026 |

Ad interim war gestern: Die Co-Präsidenten des WEF sehen sich nicht mehr als Übergangslösung

André Hoffmann und Larry Fink könnten ihr Amt länger behalten als geplant. Anstatt die eigene Nachfolge aufzugleisen, suchen sie einen Langzeit-CEO. Es droht ein Konflikt mit Christine Lagarde.

Sie lagen sich in den Armen und beglückwünschten sich für die Leistung der vergangenen Monate: Den Co-Präsidenten André Hoffmann und Larry Fink sowie dem CEO Börge Brende war die Erleichterung Ende Januar anzusehen, nachdem sie das erste WEF ohne den Forumsgründer Klaus Schwab erfolgreich über die Bühne gebracht hatten.

Einen Monat später ist das Trio bereits Geschichte. Der CEO Brende, seit 2017 operativer Chef der Organisation, musste diese Woche seinen Rücktritt bekanntgeben. Dem ehemaligen norwegischen Aussenminister wurden seine freundschaftlichen Kontakte zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zum Verhängnis – eine Nähe, die er noch vor wenigen Monaten geleugnet hatte.

Für Brende übernimmt der Schweizer Alois Zwinggi, ein stiller Schaffer im Hintergrund, der seit 15 Jahren für das WEF tätig ist. Zwinggi war bisher Managing Director und kennt das operative Geschäft der Organisation und ihre rund 1000 Mitarbeitenden genau. Den CEO-Posten übernimmt der 64-Jährige jedoch nur ad interim. Die beiden Co-Präsidenten Hoffmann und Fink haben angekündigt, einen «permanenten» Nachfolger für Brende suchen zu wollen.

Der «Interim»-Zusatz ist verschwunden

In dieser Ankündigung steckt eine Botschaft, die bislang übersehen wurde: Hoffmann und Fink sehen sich selbst offenbar nicht mehr als Übergangslösungen, sondern als «permanente» Kräfte. Diese Interpretation bestätigen Gespräche mit mehreren WEF-Insidern, welche die «NZZ am Sonntag» diese Woche geführt hat. Demnach haben der Roche-Erbe Hoffmann und insbesondere der Blackrock-Gründer Fink Gefallen gefunden an ihrer neuen Aufgabe.

Das veränderte Selbstverständnis zeigt sich auch auf der Website des WEF. Am Donnerstag, dem Tag von Brendes erzwungenem Rücktritt, hiess es dort noch: «Den Vorsitz des Forums führen die Interims-Vorsitzenden Larry Fink und André Hoffmann.» Seit Freitag ist der Zusatz «interim», den die beiden seit ihrer Ernennung Mitte August geführt hatten, verschwunden.

Wie lange Hoffmann und Fink im Amt bleiben wollen, war nicht zu erfahren. Selbst Insider und Personen aus ihrem Umfeld beteuern, derzeit könne das niemand sagen.

Fest steht aber, dass sie im kommenden Januar in Davos erneut Trump und Co. empfangen wollen. In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» sagte Hoffmann bereits vor Bekanntwerden von Brendes Epstein-Kontakten, es sei «völlig offen», wie lange er und Fink bleiben würden. «Sie können aber davon ausgehen, dass nächstes Jahr erneut Larry und ich als Co-Präsidenten das Annual Meeting leiten werden.»

Es droht ein Machtkampf mit Lagarde

Nach den jüngsten Turbulenzen ist das Bedürfnis nach Ruhe und Stabilität in Genf gross. Gleichwohl ist nicht auszuschliessen, dass dem WEF bald der nächste Machtkampf bevorsteht. Dass Hoffmann und Fink eine längerfristige Führung nicht mehr ausschliessen, birgt Konfliktpotenzial – insbesondere im Verhältnis zu Christine Lagarde, der Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB).

Lagarde wird seit Jahren als mögliche WEF-Vorsitzende gehandelt. Viele attestieren ihr das nötige Format und den passenden Wertekompass, um die Organisation in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Beobachter gehen davon aus, dass sie sich nach ihrer Zeit bei der EZB vorstellen könnte, das WEF zu leiten. Vor wenigen Tagen wurde erneut über ihren vorzeitigen Abgang bei der Zentralbank spekuliert. Anders als im vergangenen Sommer, als sie einen solchen Schritt kategorisch ausschloss, fiel ihr Dementi diesmal zurückhaltender aus.

Lagardes Schwierigkeit besteht darin, dass sie sich kaum selbst als neue starke Frau an der Spitze des WEF ins Spiel bringen kann. Sie ist darauf angewiesen, dass Hoffmann und Fink auf sie zugehen und bereit sind, Platz zu machen.

Wall-Street-Mann Fink passt nicht allen

Alternativ könnte sie im 28-köpfigen Stiftungsrat, dem sie seit Jahren angehört, sondieren, wie es um ihre Unterstützung steht – und ob sie eine allfällige Kampfwahl gewinnen könnte.

Von aussen lässt sich die Lage schwer beurteilen. Viele Mitglieder des Stiftungsrats vertreten aber internationale Organisationen wie Uno, Welthandelsorganisation, Weltbank, den Internationalen Währungsfonds oder das Cern. Ihnen dürfte Lagarde als ehemalige Chefin des Währungsfonds und amtierende EZB-Präsidentin näherstehen als der Wall-Street-Manager Fink.

Hinzu kommt, dass sich Fink in Davos dem US-Präsidenten Donald Trump an den Hals warf – einem Politiker, der für internationale Organisationen wenig übrighat. Zwar hatte sich auch der Forumsgründer Schwab in früheren Jahren gegenüber Trump unterwürfig gezeigt und Kritik vermieden. Doch bei Schwab war zumindest verbal spürbar, dass er das WEF nicht nur als Plattform für Grosskonzerne verstand, sondern als Instrument zur Verbesserung des globalen Zustands.

Bei Fink war ein solcher Anspruch kaum erkennbar. Und sein Partner Hoffmann, der sich seit Jahren im Umweltschutz engagiert, war in Davos nur Nebendarsteller. Auch die zunehmende Amerikanisierung des WEF ist vielen Mitarbeitenden nicht entgangen. Zahlreiche Angestellte sind überzeugt, dass die Initiativen des Forums zu einer positiveren Entwicklung beitragen können. Bei ihnen geniesst Lagarde, die für internationale Kooperation und Multilateralismus steht, mehr Sympathien als Fink – so die Wahrnehmung einiger Insider.

Eine fragwürdige Doppelrolle

Entscheidend ist jedoch nicht, was die Mitarbeitenden bevorzugen. Ausschlaggebend wird sein, wie sich Hoffmann, Fink und Lagarde positionieren – und ob der Stiftungsrat bereit ist, kurz nach dem Abgang von Schwab und Brende einen weiteren Machtkampf zuzulassen.

Diese Bereitschaft dürfte auch davon abhängen, wie intensiv sich Hoffmann und Fink dem WEF widmen und welche Verpflichtungen sie zurückstellen. Besonders bei Fink stellen sich Fragen. Er ist Gründer von Blackrock, dem grössten Vermögensverwalter der Welt, und zugleich CEO und Chairman.

In dieser Funktion verfügt er über ein globales Netzwerk bis ins Weisse Haus und zu zahlreichen Regierungen. Das erwies sich als wertvoll, als es nach Schwabs Abgang und dem Rücktritt von Interimspräsident Peter Brabeck Letmathe darum ging, rasch eine Übergangslösung für die Führung des WEF zu finden. Langfristig erscheint eine solche Doppelrolle jedoch problematisch, da Blackrock und das WEF mitunter unterschiedliche Ziele verfolgen.

Der Forumsgründer Klaus Schwab beobachtet genau, wie sich sein Lebenswerk entwickelt. Einfluss kann er kaum mehr nehmen. Seine Wunschkandidatin für die langfristige Nachfolge ist Christine Lagarde, wie er im vergangenen Sommer öffentlich erklärte. Diese Unterstützung dürfte für Lagarde allerdings eher Belastung als Vorteil sein.

Thomas Schlittler, ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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