Die Subventionierung von Kitas hilft der Wirtschaft nur beschränkt. (Adobe Stock)
Wirtschaft
15.1.2026 | nzz.ch
Neue Zürcher Studie zeigt: Auch bei stark subventionierten Krippen bleiben Mütter lieber mit den Kindern zu Hause
Dem Kanton Zürich gehen die Arbeitskräfte aus. Die Frauen könnten einen grösseren Beitrag leisten als heute – wenn sie denn wollten.
Der Kanton Zürich steht vor einer demografischen Falle. Weil die Lebenserwartung steigt und nicht genügend Kinder geboren werden, schrumpft der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung. Gleichzeitig steigen die Gesundheits- und Pflegekosten.
Die unangenehme Folge: Bereits 2050 könnten bis zu 300 000 Arbeitskräfte fehlen. Und die kantonale Wirtschaft könnte viel schwächer wachsen als heute. Dies zeigt eine neue gemeinsame Studie des Amts für Wirtschaft des Kantons Zürich und des Beratungsunternehmens Deloitte Schweiz.
Es ist nicht das erste Mal, dass der Kanton Zürich auf dieses grosse volkswirtschaftliche Problem hinweist. Bereits vor einem Jahr warnten Experten in einer anderen Studie des Kantons vor einer sich öffnenden Schere zwischen Jung und Alt. Schon 2021 hatte die Volkswirtschaftsdirektion vor einer Lücke im Arbeitsmarkt bis 2050 gewarnt. Damals sprach sie von rund 210 000 fehlenden Arbeitskräften.
Die Frauen sind die Lösung
Die am Donnerstag publizierte neue Studie zeigt nun mehrere Ansätze auf, wie der Herausforderung begegnet werden kann. Besonders wichtig dabei: die Frauen.
Bis heute sind die Frauen viel weniger stark im Zürcher Arbeitsmarkt eingebunden als die Männer. Während die Erwerbsquote bei den Zürcher Männern bei 88 Prozent liegt, kommen die Frauen auf 65 Prozent (Zahlen von 2021). Das ist zwar viel mehr als früher, aber dennoch nach wie vor weit von den Männern entfernt.
Wenn es dem Kanton und den Unternehmen gelingt, mehr Frauen davon zu überzeugen, ihr Pensum zu erhöhen oder nach der Geburt der Kinder wieder in den Job einzusteigen, dann kann der Arbeitskräftemangel entschärft werden.
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Viele Frauen reduzieren ihr Arbeitspensum, wenn sie Kinder haben. (Adobe Stock)
Um dieses Ziel zu erreichen, setzen Politik und Gesellschaft unter anderem auf den Ausbau der Kinderbetreuung. Auf nationaler Ebene ist dazu ein grosszügiges Unterstützungspaket beschlossen worden: Wer sein Kind fünf Tage pro Woche extern betreuen lässt, erhält 500 Franken monatlich ausbezahlt. Die Zulage wird ausgerichtet, bis die Kinder acht Jahre alt sind. Einzige Bedingung: Die Eltern müssen erwerbstätig sein.
Auch auf kantonaler und kommunaler Ebene wird sehr viel Geld in Krippen und Horte investiert. Die Studie des Kantons und von Deloitte spricht von 300 Millionen Franken Subventionen pro Jahr für den Kanton Zürich und seine Gemeinden.
Krippengelder entlasten Oma und Opa
Doch bringen all diese Gelder und subventionierten Krippenplätze wirklich mehr Frauen dazu, wieder in grösserem Umfang berufstätig zu werden? Die Studienautoren sind mit Verweis auf andere Untersuchungen aus dem In- und Ausland pessimistisch.
Sie gelangen zum Schluss, dass sogar eine Reduktion der Kita-Kosten für die Eltern um zwei Drittel die Erwerbstätigkeit der Mütter schweizweit nur um gut 15 000 Vollzeitstellen steigern würde. Das ist ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn man bedenkt, dass allein im Kanton Zürich bis zu 300 000 Arbeitskräfte fehlen könnten. Kosten würde eine solche Subvention aber fast 2 Milliarden Franken pro Jahr.
Michael Grampp ist Chefökonom und Leiter Research bei Deloitte. Er sagt: «Wir müssen akzeptieren, dass es auch Familien gibt, die ihre Kinder grundsätzlich selbst betreuen möchten oder sie höchstens für ein, zwei Tage abgeben wollen, auch wenn die Krippen stark subventioniert werden.»
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Lieber in der Krippe als bei Oma und Opa? (Adobe Stock)
Ein Grund dafür sind tief verwurzelte Geschlechterbilder. Josef Zweimüller ist Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Zürich. Er sagt in der Studie, es liege auch an traditionellen Gender-Normen, dass das Arbeitskräftepotenzial der Mütter nicht einmal dann genutzt werde, wenn die Kinder grösser seien. Bewegen müssen sich seiner Ansicht nach aber auch die Unternehmen. Sie müssten genderneutrale Karrierepfade schaffen, die es Vätern wie Müttern erlaubten, ihr Pensum vorübergehend zu reduzieren und später wieder voll in den Job einzusteigen.
Eine grosszügige Finanzierung von Kinderkrippen kann aber auch unerwünschte Nebeneffekte mit sich bringen. Die Untersuchung zitiert Studien aus Norwegen und Österreich, wonach nicht etwa die Arbeitgeber, sondern die Grosseltern zu den grossen Profiteuren einer ausgebauten Kita-Subventionierung gehören: Wenn die Krippe stark vergünstigt wird, lassen Eltern ihre Kinder vermehrt in einer öffentlichen Einrichtung statt von der eigenen Familie betreuen. Ihr eigenes Arbeitspensum bauen die Eltern aber nicht aus.
Von der Kita-Subventionierung profitieren somit nicht die Unternehmen, sondern indirekt die älteren Generationen, weil ihnen die Betreuungsaufgabe abgenommen wird. In der Schweiz werden heute rund 40 Prozent der Kleinkinder von Oma und Opa betreut.
Die zweite Folge ist ein klassischer Mitnahmeeffekt: Schon heute schicken viele Eltern ihre Kinder in die Kita oder in den Hort, sie können oder wollen ihr Pensum aber nicht erhöhen. Wenn nun ihre Krippenrechnung dank grosszügigen staatlichen Leistungen sinkt, dann profitieren diese Eltern zwar, aber bei den offenen oder unterbesetzten Stellen ändert sich nichts.
Eine Babyprämie als Lösung?
Bevor Kinder überhaupt in die Kita geschickt werden können, müssen sie zuerst geboren werden. Genau hier versteckt sich das grösste demografische Problem: Damit sich eine Gesellschaft aus eigener Kraft erhalten kann, sollten pro Frau im Schnitt 2,1 Kinder zur Welt kommen. Der Kanton Zürich liegt weit darunter: Seine Geburtenziffer liegt bei 1,3 Kindern.
Auch hier haben sich die Spezialisten gefragt, ob finanzielle Anreize das Problem lösen könnten. Denkbar wäre etwa eine Geburtenprämie, wie sie vor allem Westschweizer Kantone kennen, nicht aber der Kanton Zürich. Dort kommen pro Jahr rund 15 000 Kinder zur Welt. Würde man pro Kind 1500 Franken ausschütten, würde dies 22,5 Millionen Franken pro Jahr kosten. Basierend auf anderen Studien kommen die Autoren zum Schluss, dass diese Massnahme die Geburtenziffer etwas erhöhen würde – etwa pro zehn Frauen könnte ein zusätzliches Kind geboren werden. Diese Massnahme wirkt aber nur kurzfristig. Nach wenigen Jahren flacht der Effekt ab.
Dass selbst weit grosszügigere Regelungen kaum etwas bringen, zeigt das Beispiel Ungarn: Dort gibt es Steuerfreibeträge, Zuschüsse für den Kauf von Immobilien oder Grosseltern-Ferien. Frauen mit drei Kindern müssen lebenslang keine Einkommenssteuern mehr zahlen. Seit Januar gilt dies auch schon für Mütter unter dreissig mit nur einem Kind. Die Geburtenrate ist dennoch so tief wie noch nie.
Zuwanderung oder KI könnte die Lücke füllen
Wenn weder die Frauen ihre Pensen erhöhen wollen, noch mehr Babys zur Welt kommen, muss der Kanton Zürich nach anderen Optionen suchen, um die fehlenden Arbeitskräfte zu ersetzen. Einige Rezepte sind nicht neu und politisch äusserst umstritten – etwa die Erhöhung des Rentenalters, was aber sowieso Bundessache wäre.
Bestens bewährt, aber politisch mindestens so umstritten ist es, auf die Migration zu setzen. Langfristig kann das nach Ansicht der Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) aber keine oder jedenfalls nicht die einzige Lösung sein.
Sie sagt: «Nach wie vor sind wir auf gut qualifizierte Zuwanderer angewiesen. Die wachsende Lücke zwischen der erwerbstätigen und der pensionierten Bevölkerung lässt sich dadurch jedoch nicht schliessen.»
Um das heutige Verhältnis von 32 Pensionierten auf 100 Erwerbstätige zu halten, müsste sich die Zuwanderung in den Kanton Zürich verdoppeln. Und dies, sagt die Regierungsrätin, sei ein «unrealistisches und politisch wie gesellschaftlich unerwünschtes Szenario».
Walker Späh hofft, dass Technologie der Schlüssel sein könnte. Konkret: der Ausbau der künstlichen Intelligenz. Diese sei ein zentraler Hebel, zumal der Kanton Zürich sich bereits heute als erfolgreicher KI-Standort etabliert habe.
Die Studie des Amts für Wirtschaft und von Deloitte schlägt vor, dass der Kanton die Rahmenbedingungen für KI verbessert, sowohl regulatorisch wie auch technisch, etwa mit dem Ausbau von Glasfasernetzen. Mit KI können heute schon viele Prozesse automatisiert werden, was die Produktivität erhöht.
Im Gegensatz zu menschlichen Mitarbeitern wird der KI-Kollege nie krank werden oder eine Rente beziehen, und er braucht keine Wohnung. Er bezahlt allerdings auch weder AHV noch Einkommenssteuer. Im Kanton Zürich gab es bereits erste Versuche mit Pflegerobotern.
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