Der Preis für Wirtschaftswissenschaft wird im Andenken an Alfred Nobel verliehen. Foto: Anastasiya Dvindenko/unsplash
Wirtschaft
13.10.2026 | nzz.ch
Robert E. Hall und Michael Woodford erhalten den Wirtschaftsnobelpreis
Ölkrisen, Kriege, Inflation: Wirtschaftsschocks setzen Staaten und Verbraucher unter Druck. Die zwei Forscher zeigten, wie Notenbanken und Finanzministerien Krisen besser abfedern können.
Soll der Staat eingreifen, wenn sich die Konjunkturaussichten verdüstern, und wenn ja, mit welchen wirtschaftspolitischen Massnahmen? Was ist die beste Medizin, wenn die Teuerung zunimmt oder die Arbeitslosigkeit steigt – oder wenn beides gleichzeitig eintritt?
Nicht nur politische Entscheidungsträger und Zentralbanken schlagen sich mit diesen Fragen herum. Auch die breite Öffentlichkeit diskutiert und fordert Massnahmen, wenn das Wirtschaftswachstum von seinem stabilen Pfad abweicht: Zins- und Steuersenkungen etwa, um den Konsum der Haushalte und die Investitionstätigkeit der Unternehmen anzukurbeln. Oder eine straffere Geld- und Fiskalpolitik, damit die überhitzte Konjunktur nicht zu ausufernder Inflation führt.
Dass Notenbanken und Regierungen heute über ein Arsenal wirksamer Instrumente zur Stabilisierung der Konjunktur verfügen, ist Robert E. Hall (1943) und Michael Woodford (1955) zu verdanken. Die beiden amerikanischen Ökonomieprofessoren haben mit ihrer Forschung das Fundament gelegt für die neukeynesianische Makroökonomie. Dafür werden sie nun mit dem Wirtschaftspreis der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel 2026 belohnt.
BREAKING NEWS
The Royal Swedish Academy of Sciences has decided to award the 2026 Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel to Robert E. Hall and Michael Woodford “for microeconomic foundations of macroeconomic stabilisation.”#NobelPrize pic.twitter.com/2i7ktB1Q2b— The Nobel Prize (@NobelPrize) October 12, 2026
Die vor rund hundert Jahren von John Maynard Keynes entwickelten Theorien hatten das Rezept geliefert, um Konjunkturschwankungen zu parieren. Herrschte Rezession, so stimulierte man das Wachstum mit tieferen Zinsen und höheren Budgetdefiziten und vice versa, falls die Konjunktur zu überhitzen drohte. Keynes’ Modell der «sichtbaren Hand» des Staates, die bei Marktversagen interveniert, bildete damit das Gegenstück zu Adam Smiths Theorie der unsichtbaren Hand des Marktes.
Neue Rahmenbedingungen für Keynes’ Theorie
Die keynesianischen Massnahmen taten während Dezennien gute Dienste. Doch dann kam die Ölpreiskrise der siebziger Jahre, und nichts half mehr. Trotz öffentlichen Stimulanzen liefen Arbeitslosigkeit und Inflation aus dem Ruder, und die Weltwirtschaft kam während fast eines Jahrzehnts nicht vom Fleck. Für eine Gruppe von Ökonomen war dies der Beweis, dass Keynes’ Wirtschaftsmodell mehr schadet als nützt. Andere Experten fanden dessen Grundgedanken noch immer relevant, diagnostizierten das darauf gebaute Haus aber als dringend renovierungsbedürftig.
Robert Lucas, der 1995 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, sah die Schwachstelle in der statischen und historischen Betrachtung von Variablen wie Preis, Arbeitslosigkeit und BIP-Wachstum. Statt diese als gegeben hinzunehmen, müsse die Blackbox geöffnet und durch ein mikroökonomisches Fundament ergänzt werden. Der private Konsum etwa sei die Summe der Kaufentscheide von Millionen von Haushalten. Auch die Produktion sei keine statische Grösse, sondern vom Verhalten von Unternehmern und Beschäftigten abhängig.
Ein Aha-Erlebnis
Sowohl Hall als auch Woodford machten sich auf die Suche nach solchen mikroökonomischen Bausteinen, um die gesamtwirtschaftlichen Modelle zu ergänzen. Der Stanford-Professor Hall nahm sich der privaten Haushalte an, deren Konsumentscheide nicht nur vom heutigen Gehalt abhängen, sondern auch vom künftigen Lohncouvert. Während sich viele Forscher die Zähne ausbissen bei dem Versuch, die Erwartungen von Individuen abzuschätzen, drehte Hall den Spiess um. Er suchte nicht nach Variablen für den künftigen Konsum, sondern ging davon aus, dass sich die Zukunft – und damit auch die Kaufentscheide von morgen – eben nicht prognostizieren lässt.
Halls 1978 veröffentlichte Erkenntnisse lösten ein Aha-Erlebnis aus und legten den Grund für die moderne Konsumforschung, zu der er weitere wichtige Beiträge lieferte und die zu einem zentralen makroökonomischen Modell geworden ist.
Ein Muss für Notenbanken
Dasselbe gilt für Michael Woodford, Professor an der New Yorker Columbia University, dessen Forschung unter anderem auf Halls Arbeiten aufbaute und zentrale Beiträge zur Theorie und Praxis der Geldpolitik lieferte. In seinem 2003 veröffentlichten Werk «Interest and Prices» präsentierte er ein komplett neues Makromodell mit mikroökonomischem Fundament, das zum Ausgangspunkt der neukeynesianischen Theorie geworden ist.
Woodfords Modell ist heute ein wichtiges Werkzeug für wirtschaftspolitische Entscheidungsträger: Notenbanken können damit etwa simulieren, wie sich eine Zinssenkung auf das BIP-Wachstum und die Inflation auswirkt. Oder wie stark der Leitzins erhöht werden muss, um die Konjunkturlage zu stabilisieren. Woodfords Forschung zeigte auch, dass Notenbanken die Konjunktur mit Zinsanpassungen stärker ankurbeln oder dämpfen können als mit Veränderungen der Geldmenge.
Einfach, realistisch, flexibel
Die königliche Wissenschaftsakademie in Stockholm streicht hervor, dass der Erfolg von Woodfords Modell auf dessen Einfachheit beruhe und auf der Tatsache, dass es so gut mit der Wirklichkeit übereinstimme. Das neukeynesianische Modell lasse sich zudem einfach an geänderte Gegebenheiten für Haushalte und Unternehmen anpassen.
Für Zentralbanken und Finanzdepartements gebe es heute keine Alternativen zu den Theorien, die auf Halls und Woodfords Theorien aufbauten. Ihnen sei zu verdanken, dass die Weltwirtschaft bisher weder im Gefolge der Covid-Pandemie noch in dem der jüngsten Energiekrisen in eine langwierige Rezession abgestürzt sei.
Preisverleihung im Dezember
Vergangene Woche waren bereits Nobelpreisträger in den Kategorien Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden verkündet worden. Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht als einziger nicht auf das Testament des Schweden Alfred Nobel zurück, sondern wurde nachträglich von der Schwedischen Reichsbank gestiftet und 1969 erstmals vergeben. Wie die anderen Preise wird er am 10. Dezember verliehen – und zwar in Stockholm. Dotiert ist der Preis mit umgerechnet mehr als einer Million Euro.
Von Ingrid Meissl Årebo, Stockholm, «Neue Zürcher Zeitung»
Exklusiver Inhalt aus den Medien der NZZ. Entdecken Sie die Abonnemente für die «Neue Zürcher Zeitung» und die «NZZ am Sonntag» hier.