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Der Fall Sunrise lässt aufhorchen: Erfasst die KI-Entlassungswelle die Grosskonzerne?

Sunrise setzt auf KI: Werden Entlassungen der neue Unternehmensstandard?

Der Fall Sunrise lässt aufhorchen: Erfasst die KI-Entlassungswelle die Grosskonzerne?

Wirtschaft

26.9.2026 | nzz.ch

Der Fall Sunrise lässt aufhorchen: Erfasst die KI-Entlassungswelle die Grosskonzerne?

Der Telekomkonzern macht tiefe Einschnitte. Experten befürchten, dass dieses Beispiel Schule mache, gerade bei Banken und Versicherungen.

Bei Sunrise folgt eine Entlassungswelle auf die nächste: Anfang Jahr strich der Telekomkonzern 147 Stellen. Diese Woche hat er angekündigt, dass bis zu 450 weitere Arbeitsplätze wegfallen könnten. Sunrise prüft «eine umfassende Neuausrichtung des Betriebsmodells» und will dank KI effizienter werden.

Die «NZZ am Sonntag» hat mit mehreren Mitarbeitern gesprochen. Diese zeigen sich resigniert, aber auch verärgert. Firmenintern gelte es als ausgemacht, dass dieser massive Jobabbau dem Chef seinen Bonus sichern solle, sagt einer der Befragten. Der Umfang der millionenschweren variablen Vergütung der Geschäftsleitung ist von finanziellen Kennzahlen abhängig.

Sunrise bestreitet, dass Eigeninteressen des Managements zum aggressiven Stellenabbau geführt hätten. Es gelte, die Firma auf die Anforderungen der kommenden Jahre vorzubereiten. «Aufgrund von Indiskretionen sahen wir uns als börsenkotiertes Unternehmen gezwungen, die Evaluationen in einer frühen Phase bekanntzugeben», so ein Sunrise-Mediensprecher. Das habe zu einer Verunsicherung geführt.

Manche Wirtschaftsexperten erwarten, dass das Vorgehen von Sunrise Schule macht. Dass andere CEO nun ebenfalls ein Abbauziel vorgeben, ohne zuvor im Detail zu wissen, wie genau man die entlassenen Mitarbeiter mit KI ersetzen kann. Wenn das ein grosses Unternehmen vormacht, findet das womöglich schnell Nachahmer.

«Gesellschaftlich relevante Dimension» befürchtet

Sunrise stehe unter besonders starkem Erfolgsdruck: unter anderem wegen seiner hohen Schulden und wegen der Anreize des Managements, Aktienperformance und Cashflows zu maximieren, sagt Vincent Kaufmann, Direktor der Anlagestiftung Ethos. Er findet, die variable Vergütung sollte nicht «derart hoch» sein.

Dennoch erwartet er, dass bald auch andere Firmen – insbesondere Banken – solche Abbaupläne verkünden werden. «Die Stellenverluste könnten eine gesellschaftlich relevante Dimension erreichen», sagt Kaufmann.

Andere sehen das gleich: «Ich befürchte, dass in den kommenden Monaten viele Unternehmen aus personalintensiven Branchen wie Finanzdienstleistungen oder Telekom entsprechende Ankündigungen machen werden und Sunrise nur der Anfang war», sagt Romano Roth. Er ist Chief AI Officer der Technologieberatungsfirma Zühlke.

Bei Firmen, die ihre Ziele schwammig formulierten, liege zwar der Verdacht nahe, dass sie nur «AI-Washing» betrieben, sagt Roth. «Gerade wenn man an der Börse ist, tönt es halt viel besser, zu kommunizieren, ‹wir werden dank KI effizienter›, statt zu sagen, ‹wir sind fett geworden und müssen entschlacken›.»

Gleichzeitig biete KI ein riesiges Effizienzpotenzial für Firmen, die historisch gewachsene Prozesse komplett neu dächten oder ganz abschafften. «Das ist sehr schmerzhaft für die betroffenen Personen, deren Stellen an diesen Prozessen hängen.» Daher komme es zu massivem Widerstand, sagt Roth.

Das entnervte Management behelfe sich dann oft damit, dass es Stellen abbaue, weil die verbleibende Belegschaft so zu mehr Effizienz gezwungen sei und die vorhandenen KI-Tools dann endlich einsetze.

«Telekomunternehmen können das Potenzial von KI besonders schnell heben, da ihre Netze und die Administration bereits weitgehend digitalisiert sind», sagt Mark Diethelm, Aktienanalyst bei der Bank Vontobel. Zu den Branchen, die besonders stark von KI tangiert würden, gehörten aber auch Banken, Versicherungen, Software und Consulting.

Wissensbasierte Stellen seien generell betroffen, etwa in der Pharmabranche oder der Industrie, sagt Diethelm. Er nennt ein Beispiel von ABB, wo dank KI eine Bestellung mit mehreren hundert Seiten technischer Anforderungen innerhalb von Stunden anstelle von Wochen ausgewertet werden könne.

Solche Effizienzgewinne, wie man sie derzeit in vielen Firmen erzielt, führen nicht zwangsläufig zum Stellenabbau. In einem wachsenden Markt werde KI eingesetzt, um mit dem gleichen Personalbestand effizienter zu werden und mehr Umsatz pro Mitarbeiter zu generieren, sagt Diethelm.

Doch in Unternehmen in stagnierenden Branchen werden echte oder vermeintliche Effizienzgewinne durch KI zu einschneidenden Restrukturierungen und Sparmassnahmen führen.

In der Schweiz haben bisher erst kleine Firmen wie Doc Morris und Lastminute.com Entlassungen mit KI begründet. Swiss Life, die 600 Stellen streichen will, nannte die «fortschreitende Digitalisierung» als einen der Gründe für die Restrukturierung.

Gutqualifizierte sind stärker betroffen

So oder so zeigen sich erste Auswirkungen in der Statistik: Gemäss dem ETH-Arbeitsmarktökonomen Michael Siegenthaler gibt es in der Schweiz seit 2023 einen bemerkenswerten Anstieg der Arbeitslosigkeit von Hochqualifizierten. Dieser ist gemäss Siegenthaler deutlicher, als man aufgrund der Konjunktur oder aufgrund spezifischer Branchenprobleme erwarten kann. Betroffen seien vor allem Berufe, die gegenüber der generativen KI stark exponiert seien – also Algorithmen, die selbständig Texte, Bilder oder Code erzeugen.

Unter den Studienabgängern ist die Erwerbslosigkeit ein Jahr nach Abschluss deutlich über das Mittel der Jahre 2015 bis 2021 gestiegen. Das zeigt, wie zurückhaltend Unternehmen bei Neueinstellungen geworden sind.

Als die ETH vor einem Jahr zum ersten Mal den Einfluss von KI auf den Arbeitsmarkt quantitativ zu bestimmen versuchte, ging Siegenthaler davon aus, dass maximal 20 Prozent des Anstiegs der Arbeitslosigkeit auf KI zurückzuführen seien. Jedoch gelte das nur für den Durchschnitt der gesamten Bevölkerung. Bei Arbeitnehmern mit einer tertiären Ausbildung ist der Einfluss seiner Einschätzung nach höher. Auffällig, sagt er, sei zudem, dass die Arbeitslosigkeit steige, obwohl gleichzeitig ein robustes Stellenwachstum stattfinde.

Steigende Zahl von Erwerbslosen

Die Erwerbslosenquote ist im zweiten Quartal auf 4,9 Prozent gestiegen. Hinzu kommen 5 Prozent Unterbeschäftigte, die gerne in einem höheren Pensum arbeiten würden. Unter den 15- bis 24-Jährigen ist die Arbeitslosigkeit innert Jahresfrist um 19,4 Prozent gestiegen.

Wenn KI auch nicht der einzige Grund für den schwieriger gewordenen Arbeitsmarkt ist, macht sie immer mehr Menschen Sorge. Häufige KI-Nutzer befürchten doppelt so oft, dass ihr Job in den nächsten fünf Jahren verschwindet, wie solche, die KI nur sporadisch gebrauchen. Das geht aus einer neuen Studie des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Gallup hervor.

Auch Investoren haben Respekt vor einem zu radikalen Stellenabbau. Vincent Kaufmann befürchtet bei Sunrise operative Risiken. «Gibt es wirklich überall noch einen ‹human in the loop› oder geht in manchen Bereichen die Kontrolle verloren? Vernachlässigt Sunrise den langfristigen Ausbau seiner Infrastruktur, um kurzfristig besser dazustehen?» Diese Fragen seien für die Aktionäre wichtig, insbesondere für jene, die – wie die Pensionskassen – langfristig investierten.

Von Markus Städeli und Christin Severin, ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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