Moneyhouse header
KMU+

Die Krankenkassenprämien könnten um 5 Prozent steigen. Gleichzeitig streiten sich die Pharmafirmen und der Bund über Sparposten bei den Medikamenten

Steigende Prämien: Wie der Bund Medikamente günstiger machen will. (Unsplash)

Die Krankenkassenprämien könnten um 5 Prozent steigen. Gleichzeitig streiten sich die Pharmafirmen und der Bund über Sparposten bei den Medikamenten

Versicherung

28.5.2026 | nzz.ch

Die Krankenkassenprämien könnten um 5 Prozent steigen. Gleichzeitig streiten sich die Pharmafirmen und der Bund über Sparposten bei den Medikamenten

Der Verband Interpharma nimmt pointiert Stellung zu geplanten Massnahmen, die das Kostenwachstum bei den Medikamenten bremsen sollen.

Die Kosten im Gesundheitswesen steigen stetig an und mit ihnen die Prämien. Im Jahr 2025 stiegen die Kosten im Vergleich zum Vorjahr um 5,2 Prozent pro Kopf. Die Fachleute des Bundesamts für Gesundheit (BAG) gehen davon aus, dass die Prämien ungefähr gleich wie die Kosten wachsen werden. Am Dienstag haben sie dazu an einem Mediengespräch in Bern informiert.

Angesichts dieser Zahlen sucht der Bundesrat nach Wegen, das Kostenwachstum zu bremsen. Einen wichtigen Hebel sieht er bei den Medikamentenpreisen. 2024 gehörten diese mit über 20 Prozent Anteil an den Gesamtleistungen der Grundversicherung zu den bedeutendsten Kostengruppen.

Doch die Lage ist komplex, gerade für die Pharmaindustrie, die stark von Preisregulierungen getroffen werden könnte. Auch weil sie derzeit nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland unter Druck steht.

Gute Stimmung trotz grossen Differenzen

Konkret geht es um das Kostendämpfungspaket im Arzneimittelbereich des Bundesrats. Am Dienstag ist die Vernehmlassung dazu abgelaufen. Auch die Pharmabranche hat sich zur geplanten Vorlage geäussert.

Besonders umstritten sind mögliche «Mengenrabatte» bei umsatzstarken Medikamenten. Im Fachjargon nennt sich das Kostenfolge-Modell. Werden diese Modelle eingeführt, müssten die Pharmafirmen einen Teil des Umsatzes zugunsten der Grundversicherung rückerstatten, wenn ihr Medikament ein gewisses Absatzvolumen erreichen würde. Der Bundesrat möchte ab 2029 Einsparungen von 350 Millionen Franken bei 80 bis 100 sehr umsatzstarken Medikamenten generieren.

Interpharma, der Verband der forschenden Pharmaunternehmen, warnt davor, dass die geplante Revision die Einführung von neuen innovativen Therapien und damit die Versorgung der Schweizer Patientinnen und Patienten gefährden würde.

Schon heute verzögere sich der Zugang zu neuen Therapien in der Schweiz im Vergleich zum Ausland, heisst es in der Stellungnahme zum Gesetzesentwurf. Dieser Trend könne sich mit den geforderten Massnahmen weiter verstärken. Die Umsatzeinbussen, die den Pharmafirmen dadurch entstehen würden, stellten auch ein reales Risiko für die Beschäftigung am Schweizer Life-Science-Standort dar.

Druck aus den USA

Die mögliche Revision kommt für die Pharmaunternehmen zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Auf der anderen Seite des Atlantiks will US-Präsident Trump die amerikanischen Medikamentenpreise an jene von anderen Ländern, so auch an die der Schweiz, angleichen. Das würde den Absatz der Schweizer Pharmaindustrie senken, da diese einen grossen Teil ihres Umsatzes in Amerika erzielt.

Eine Studie von Raiffeisen belegt die Unterschiede deutlich. Im Vergleich zum globalen Durchschnitt zahlen Amerikaner fast das Doppelte für ein Medikament, bei Originalpräparaten ist es sogar mehr als das Dreifache. Das gilt auch im Vergleich zur hochpreisigen Schweiz: Verglichen mit einem Schweizer bezahlt ein Amerikaner 240 Prozent mehr für ein patentgeschütztes Medikament.

Zwar ist derzeit noch unklar, wie Trump die Forderungen in handfeste Regulierung umsetzen will. Das Geschäftsmodell der Schweizer Pharmaindustrie könnte jedoch weiter unter Druck geraten, wenn nun zusätzlich die Schweizer Preise gesenkt würden: Das würde nach Trumpscher Logik auch die amerikanischen Preise nach unten treiben müssen.

Der Bundesrat preschte vor

Interpharma kritisiert nicht nur den Inhalt der Reform, sondern auch, dass der Bundesrat diese verfrüht präsentiere. «Die Revision erfolgt, ohne dass die Arbeiten und finalen Schlussfolgerungen der vom Bundesrat eingesetzten Gruppe ‹Lifesciences-Standort› der Schweiz vorliegen und systematisch berücksichtigt wurden», heisst es in der Stellungnahme zur Vernehmlassung.

René Buholzer, Geschäftsführer von Interpharma, fordert sogar einen Marschhalt bei den geplanten Revisionen: «Zuerst müssen die Ergebnisse der vom Bundesrat eingesetzten Arbeitsgruppe ‹Lifescience Standort› vorliegen und systematisch in die Revisionsvorlage einbezogen werden, bevor die Vernehmlassung sinnvollerweise durchgeführt wird.»

Seit Januar 2026 tagt die Arbeitsgruppe «Lifesciences-Standort», wobei sich Vertreter der Politik und der Pharmaindustrie über künftige Rahmenbedingungen der Branche austauschen. Ende 2026 soll aus den Gesprächen ein Bericht entstehen.

Kristian Schneider, stellvertretender Direktor des BAG, ist davon überzeugt, dass man sich mit der Industrie einigen könnte: «Eine Vernehmlassung ist dazu da, verschiedene Meinungen zusammenzutragen», sagt er am Dienstag am Mediengespräch.

Buholzer bleibt diesbezüglich kritischer: «Die Vergangenheit zeigt, dass Vernehmlassungsvorlagen meist nicht stark abgeändert werden.» Die beiden Parteien dürften sich am nächsten Treffen der Arbeitsgruppe tiefer darüber austauschen.

Ralph Goldinger, «Neue Zürcher Zeitung»

Exklusiver Inhalt aus den Medien der NZZ. Entdecken Sie die Abonnemente für die «Neue Zürcher Zeitung» und die «NZZ am Sonntag» hier.

Das könnte Sie auch interessieren:

Elf Fragen an Cristina Schulze-Bergmann, CEO von SERV

Promoted Content

Versicherung

Elf Fragen an Cristina Schulze-Bergmann, CEO von SERV

Cristina Schulze-Bergmann steht seit April 2026 an der Spitze der Schweizerischen Exportrisikoversicherung SERV. Im «11 Fragen»-Interview spricht sie über geopolitische Unsicherheiten, klare Führung und warum Vielfalt ein Erfolgsfaktor ist.

Die AHV erreicht vor allem dank Gold und Aktienboom Anlageerträge von über 2 Milliarden Franken

Versicherung

Die AHV erreicht vor allem dank Gold und Aktienboom Anlageerträge von über 2 Milliarden Franken

Die Wertpapier- und Goldanlagen der AHV haben 2025 im Mittel mit über 6 Prozent rentiert. Der Durchschnitt der Pensionskassen dürfte schlechter abgeschnitten haben. Im langfristigen Vergleich stehen die Pensionskassen aber besser da.

Schweizer fehlen wegen psychischer Probleme immer häufiger am Arbeitsplatz – das kostet jedes Jahr Milliarden

Versicherung

Schweizer fehlen wegen psychischer Probleme immer häufiger am Arbeitsplatz – das kostet jedes Jahr Milliarden

Die Zunahme bei psychischen Erkrankungen verteuert Krankentaggeldversicherungen für Unternehmen. Manche erhielten zuletzt gar keinen solchen Schutz mehr. Nun reagieren die Versicherer.