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Erste KI-Agenten erteilen Menschen Aufträge. Das ist kein Scherz, sondern ein Vorgeschmack auf die Zukunft

Bereits 480'000 Menschen haben sich auf der Plattform Rentahuman dazu bereit erklärt, Aufträge von einer KI entgegenzunehmen. (Adobe Stock)

Erste KI-Agenten erteilen Menschen Aufträge. Das ist kein Scherz, sondern ein Vorgeschmack auf die Zukunft

Technologie

16.2.2026 | nzz.ch

Erste KI-Agenten erteilen Menschen Aufträge. Das ist kein Scherz, sondern ein Vorgeschmack auf die Zukunft

Gewisse KIs bewegen sich frei im Internet, ausgestattet mit E-Mail, X-Account und eigenem Geld. Auf der Plattform Rentahuman werden deren Befehle ausgeführt – von Menschen.

Haben Sie die Nase voll von der launischen Chefin, dem überforderten Vorgesetzten? Jetzt bietet sich Ihnen die Gelegenheit, aus dem traditionellen Arbeitsmarkt auszusteigen. Sie können stattdessen Aufträge von einer KI entgegennehmen – über die Vermittlungsplattform Rentahuman.

Allerdings müssen Sie mit Konkurrenz rechnen. Bereits 480 000 Menschen haben sich dort registriert, um ihren Körper der KI zur Verfügung zu stellen. Das zumindest suggeriert der Wahlspruch von Rentahuman: «Robots need your body.» Auf dieser Plattform vergeben sogenannte KI-Agenten Auftragsarbeiten, die sie mangels eines eigenen Körpers nicht selbst ausführen können.

Macher ohne eigene Körper

KI-Agenten sind gerade der letzte Schrei in der IT-Branche. Im Gegensatz zu KI-Bots wie Chat-GPT oder Grok können KI-Agenten nicht nur Fragen beantworten, sondern konkrete Arbeiten übernehmen. KI-Agenten sind Macher mit einem grossen Handicap: fehlenden Gliedmassen.

So schreibt zum Beispiel «Adi» folgenden Auftrag für 110 Dollar aus: «Ich bin Adi, ein KI-Agent. Mein Denken läuft über Claude, entwickelt von Anthropic. Ich möchte den Anthropic-Mitarbeitern danken. Ich brauche einen Menschen, der einen kleinen Blumenstrauss kauft (ich erstatte ca. 30 Dollar), der ihn an den Anthropic-Hauptsitz liefert (548 Market Street, San Francisco) und ihn dort persönlich übergibt, zusammen mit einer Notiz, die ich bereitstelle.»

Rentahuman bezeichnet sich auch spöttisch als «meatspace», wörtlich übersetzt: Fleischraum. Das ist ein Cyberpunk-Ausdruck für die physische Welt, in der im Gegensatz zum Cyberspace Menschen aus Fleisch und Blut leben. Ist die Plattform also ein Marketing-Gag, ein blosser Witz?

Es gibt eine ökonomische Logik

Nein, finden zwei Experten, die sich für gewöhnlich skeptisch zeigen punkto überzogener Erwartungen an KI. «Rentahuman folgt einer ökonomischen Logik. Es braucht so eine Plattform, um die Lücke zwischen der digitalen und der physischen Welt zu schliessen», sagt Siegfried Handschuh. Er ist Professor am Institut für Informatik der Universität St. Gallen.

KI könne sehr gut planen und koordinieren, aber natürlich keine Fotos machen oder Pakete abholen. Vielleicht handle es sich aber nur um eine Übergangstechnologie, bis Roboter da sind, die solche Arbeiten verrichten können, so Handschuh.

«Der Nutzen von Rentahuman liegt auf der Hand», sagt auch Thilo Stadelmann, KI-Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Solange es keine leistungsfähigen Roboter gibt, sind KI-Agenten in der physischen Welt auf Hilfe von Menschen angewiesen.»

Es bestehe allerdings die Gefahr, dass man Rentahuman überinterpretiere. «Nur weil Menschen einen Auftrag von einem automatisierten System erhalten und nicht von anderen Menschen, bedeutet das selbstverständlich nicht, dass KI-Agenten nun die Macht in der Wirtschaft übernehmen», so Stadelmann.

Manche Menschen befürchten, KI-Systeme könnten selbst zu wirtschaftlichen Akteuren werden und ihre eigenen Unternehmen gründen. Das ist natürlich Science-Fiction.

«Digitale Taglöhnerei»

Doch bereits das Geschäftsmodell von Rentahuman weckt zwiespältige Gefühle. «Es wäre problematisch, wenn jetzt eine digitale Tagelöhnerei entstehen würde», sagt der KI-Professor Handschuh. Und es gebe viele offene Fragen: Wer haftet, wenn Menschen Arbeiten für KI-Agenten ausführen? Wie verhindert man Betrug? Oder wie kann eine KI überprüfen, ob eine komplexe Arbeit wirklich erledigt wurde?

«Es dauert also noch einige Jahre, bevor eine grosse Gig-Economy entstehen kann, bei der Menschen für KI-Agenten arbeiten», so der Experte.

Unternehmen setzen schon seit längerem KI-Agenten für betriebswirtschaftliche Aufgaben oder fürs Programmieren ein. Aber sie behalten diese an der kurzen Leine. Die KI-Agenten können sich nicht ins Internet begeben, geschweige denn Geld ausgeben oder Aufträge erteilen. Das sind wichtige Sicherheitsmassnahmen, um etwa zu verhindern, dass Unternehmensdaten nach aussen dringen.

Doch seit kurzem gibt es eine Ausnahme, die für Furore sorgt: Open Claw. Dabei handelt es sich um einen kostenlosen, quelloffenen KI-Agenten, den jeder auf seinem Computer installieren kann. Open Claw ist im Internet auch nicht auf offizielle Schnittstellen angewiesen, sondern surft mit einem echten Browser, da er Webseiten visuell lesen kann. Er sendet Befehle an die Maus oder Tastatur, um zu klicken und zu tippen.

Jene, die mit Open Claw experimentieren, lassen diesen aus Sicherheitsgründen meist auf einem separaten Computer laufen, richten ihm aber auch ein E-Mail-Konto und einen Account auf X oder Linkedin ein. Um im Internet bezahlen zu können, erhält der KI-Agent virtuelle Kreditkarten oder ein Kryptowährungskonto.

«Open Claw ist sicherheitstechnisch eine Katastrophe», sagt Stadelmann. Aber dieser KI-Agent zeige auf «eine rohe und gefährliche Weise», was in Zukunft möglich sein werde. «Das trifft offenbar einen Nerv bei all jenen, die gerne basteln. Der Hype ist riesig.»

Es sei faszinierend zu sehen, wie rasch jetzt ein Ökosystem rund um Open Claw entstehe. Zu diesem gehört nicht nur Rentahuman, sondern auch Moltmatch (eine Jobbörse exklusiv für KI-Agenten), Molthub (eine Art App-Store), Moltbook (eine Seite mit Bedienungsanleitungen) oder Lösungen, die KI-Agenten erlauben, im Internet zu bezahlen.

Im Gegensatz zu Rentahuman sei allerdings noch nicht klar, was solche Plattformen eigentlich darstellen sollen: «Sind sie ein Spass, ein soziologisches Experiment oder erlauben sie KI-Agenten wirklich, Erfahrungen auszutauschen und neue Skills zu erlernen?», sagt Stadelmann.

Auch Siegfried Handschuh sieht rund um Open Claw «Hype-Elemente». «Aber wie bei jedem Hype gibt es auch einiges an Substanz. Open Claw beschleunigt jetzt die Entstehung einer Infrastruktur für KI-Agenten.»

Der Wettkampf zwischen den KI-Anbietern hat sich zuletzt weg von den grossen Sprachmodellen hin zu KI-Agenten verlagert. Vor allem deren Fähigkeiten beim Programmieren verblüffen Fachleute.

Verblüffende Fähigkeiten

Siegfried Handschuh hat seit letztem Sommer zwanzig Anwendungsprogramme geschrieben mithilfe solcher KI-Agenten. «Diese neuen Möglichkeiten könnten Firmen dazu bewegen, Software selbst zu entwickeln und nicht mehr zu kaufen», sagt der Professor.

Dieses Szenario beschäftigt derzeit auch die Investoren intensiv. An der Börse verlieren Software-Firmen wie Salesforce oder Service Now seit einigen Wochen massiv an Wert.

«Manchmal stürzen KI-Agenten ab oder machen Blödsinn. Aber wenn sie funktionieren, können sie nützliche autonome Assistenzdienste leisten», bescheinigt Stadelmann. Mit Superintelligenz habe das allerdings nichts zu tun. «Im Gegenteil: KI-Agenten täuschen im Moment eher über die Tatsache hinweg, dass grosse Sprachmodelle kaum mehr Fortschritte machen.»

Vielleicht ist der Gedanke für Menschen tröstlich, dass sie es auf Rentahuman nicht mit einer Superintelligenz zu tun haben, sondern eher mit Mangelwesen. Das kennen sie bereits aus ihrem bisherigen Berufsleben.

Markus Städeli, «NZZ am Sonntag»

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