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Nie war der Job als CEO riskanter als heute. Ein KI-Tool zeigt, wer am stärksten gefährdet ist

Ein KI-Ranking hat die Reputation verschiedener CEO analysiert. (Adobe Stock)

Nie war der Job als CEO riskanter als heute. Ein KI-Tool zeigt, wer am stärksten gefährdet ist

Technologie

25.1.2026 | nzz.ch

Nie war der Job als CEO riskanter als heute. Ein KI-Tool zeigt, wer am stärksten gefährdet ist

Im Zeitalter von Trump müssen CEO einen fast unmöglichen Spagat schaffen: die Politik, die Märkte und Mitarbeiter gleichzeitig bei Laune zu halten. Schweizer CEO schneiden in einer KI-Analyse eher unterdurchschnittlich ab.

Der König liess das Fussvolk warten. Eineinhalb Stunden mussten über hundert CEO am Mittwoch zusammengepfercht im Davoser Kongresszentrum ausharren. Als Donald Trump endlich auftauchte, wiederholte er, was er in seiner Rede zuvor bereits gesagt hatte.

Doch die geladenen CEO konnten sich noch glücklich schätzen. Deutlich schlechter erging es Brian Moynihan. Der CEO der Bank of America wurde erst gar nicht zugelassen zum Empfang des Präsidenten – die ultimative Demütigung.

Damit rächte sich Trump dafür, dass Moynihans Bank ihn nicht als Kunden wollte, nachdem er die Präsidentschaftswahlen 2020 verloren hatte. Als Nächstes dürfte eine Klage folgen. JP Morgan und ihren CEO Jamie Dimon hat Trump bereits auf 5 Milliarden Dollar verklagt, weil sie ihm damals die Konten gekündigt hatten.

Nicht einmal die Granden der Wall Street sind vor Trumps Bannstrahl gefeit. Ein Fehltritt reicht, damit sie abgestraft werden.

Trump-Flüsterer mit höchsten Reputationswerten

Die Fälle zeigen, wie brüchig die Reputation von Wirtschaftsführern geworden ist. Dies beobachtet auch Susanne Müller-Zantop, Inhaberin von CEO Positions, einer auf Reputationsmanagement spezialisierten Beratungsfirma. Müller-Zantop hat ein Programm entwickelt, das mithilfe von künstlicher Intelligenz die Reputation von Führungskräften anhand von 72 Datenpunkten misst.

Der C-Score.ai – so nennt sich das Tool – untersucht Reputation in drei Dimensionen. Die funktionale Reputation stützt sich auf Geschäftszahlen und Erfolg an der Börse. Die soziale misst gesellschaftliches Engagement und Akzeptanz bei den Mitarbeitern. Die expressive Reputation eruiert die Glaubwürdigkeit anhand von Berichten in Medien und auf Internetplattformen.

Die Resultate lassen sich für die Besetzung von Führungsfunktionen nutzen. Headhunter und Verwaltungsräte müssen ihre Entscheide nicht mehr nur auf ihr Bauchgefühl abstützen, sondern erhalten Hilfe durch KI.

Für die «NZZ am Sonntag» hat Müller-Zantop die Reputationswerte der 40 grössten Unternehmen in der Schweiz, den USA, Deutschland und Grossbritannien berechnet. «Mithilfe von KI lassen sich erstmals quantitative und qualitative Faktoren von Reputation in Zahlen ausdrücken und vergleichbar machen», sagt sie. Das Tool spuckt die Daten für einen CEO in 1,5 Stunden aus – bis vor kurzem beanspruchten die Recherchen für vergleichbare Analysen noch drei Tage.

In den USA ist der Trump-Graben in den Resultaten deutlich sichtbar. An der Spitze rangieren CEO, denen es gelungen ist, sich mit dem Präsidenten zu arrangieren, ohne die eigenen Werte zu verraten.

Als Meister dieses Fachs profilierte sich David Ricks, der CEO des Pharmagiganten Eli Lilly. Er war massgeblich an Trumps Deal mit den Pharmamultis für tiefere Preise beteiligt und gilt als Vertrauensmann des Präsidenten. Gleichzeitig löste er Novo Nordisk als Marktführer bei den Abnehmspritzen in den USA ab. Das beschert ihm Bestnoten bei der funktionalen Reputation. Weil Ricks das gesellschaftliche Engagement seines Unternehmens auf allen Kanälen hervorstreicht, erreicht er auch hohe Werte bei der sozialen Reputation.

Einen anderen Weg wählten Elon Musk und Mark Zuckerberg, die zu Cheerleadern des Maga-Lagers mutierten. Das schlägt sich bei Zuckerberg in den tiefsten Glaubwürdigkeitswerten aller US-CEO nieder. Bei Musk kommen Defizite bei der funktionalen Reputation hinzu.

CEO in den USA stünden vor einem Dilemma, sagt der Zürcher Kommunikationswissenschafter Mark Eisenegger. Der Professor für Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich entwickelte den Reputationsbegriff, auf den sich Müller-Zantop abstützt.

«Amerikanische CEO müssen sich in zwei Reputationsarenen behaupten, deren Werte sich diametral widersprechen», sagt Eisenegger. In Trumps Maga-Welt gelten ganz andere Kriterien als in der herkömmlichen Wirtschaftswelt. «Die Aufgabe ist fast unlösbar, entweder man brüskiert das Trump-Lager oder viele Aktionäre und Mitarbeiter», sagt Eisenegger. Das sei typisch für hochgradig polarisierte Gesellschaften.

Ermottis Reputation leidet unter Kapitalkontroverse

Im Vergleich dazu haben europäische CEO leichteres Spiel – die politischen Reputationsrisiken sind überschaubar. In der Schweiz schneidet Swiss-Re-CEO Andreas Berger am besten ab. Er profitiert davon, dass der Rückversicherer mit seinem Antritt Mitte 2024 den jahrelangen Krebsgang überwand und sich im Aufschwung befindet. Das sichert Berger sowohl bei Mitarbeitern als auch in der öffentlichen Wahrnehmung gute Noten.

Zuletzt stand Berger allerdings im Gegenwind. Der Markt beurteilt seine neuen Renditeziele als zu wenig ambitioniert und reagierte negativ auf die Erneuerung der Rückversicherungsverträge im Januar. Auf Bergers Reputationswerte schlug dies bislang nicht durch. Das würde sich erst ändern, wenn das Investorenvertrauen nachhaltig Schaden nehmen würde, sagt Susanne Müller-Zantop.

Der zweitplatzierte Novartis-Chef Vas Narasimhan erzielte von allen Schweizer CEO die höchsten Werte bei der funktionalen Reputation. Branchenvertreter und Mitarbeiter geben ihm Spitzennoten. Narasimhans Reputation in der medialen Öffentlichkeit profitierte aber nur bedingt davon.

Ähnlich ist der Befund bei UBS-Chef Sergio Ermotti. Er geniesst hohes Ansehen in der Finanzbranche, seine mediale Reputation ist aber unterdurchschnittlich. «Bei ihm wirkt sich die Kontroverse um die künftige Kapitalisierung der UBS aus», sagt Müller-Zantop.

Im Ländervergleich bleiben europäische CEO deutlich hinter den Amerikanern zurück, bei der sozialen und expressiven Reputation haben sie Defizite. «Wollten sie ihre Werte steigern, müssten Europäer das sichtbare soziale Engagement ernster nehmen», sagt Müller-Zantop. US-CEO sind auch auf der Plattform Linkedin deutlich präsenter, was sich in höheren Präsenzwerten niederschlägt.

Die Bankmanager Dimon und Moynihan hat dies nicht geschützt vor Trumps Rage. Ihre Firmen gehören nicht zu den zehn grössten, deshalb tauchen sie im Rating der «NZZ am Sonntag» nicht auf. Müller-Zantop hat aber auch ihre Reputation untersucht. Das Resultat: «Dimons Reputation ist stark genug, dass er die Klage überstehen wird. Wir werden ihn auch nächstes Jahr in Davos sehen.» Moynihans Position sei hingegen weniger robust.

Guido Schätti, «NZZ am Sonntag»

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