(Illustration: Armin Apadana)
Führung
2.7.2026 | Selma Kuyas
Die meisten Menschen planen ihre Ferien besser als ihre Karriere
Viele Menschen verlassen sich darauf, dass ihre Kompetenzen auch morgen noch gefragt sind. Doch wer langfristig arbeitsmarktfähig bleiben will, muss Weiterbildung, Sichtbarkeit und Netzwerk aktiv pflegen.
Viele Menschen behandeln ihre Karriere wie einen Selbstläufer. Sie gehen zur Arbeit, sammeln Erfahrung, besuchen gelegentlich eine Weiterbildung und verlassen sich darauf, dass ihre Kompetenzen auch morgen noch gefragt sind. Lange Zeit funktionierte dieses Prinzip. Doch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz wird diese Annahme zunehmend riskant.
Was für die Wirtschaft gilt, gilt auch für die Karriere: Angebot und Nachfrage bestimmen den Wert. Auf dem Arbeitsmarkt ist das Angebot die eigene Arbeitsleistung. Arbeitgeber bezahlen dafür in Form eines Gehalts. Wie hoch dieses ausfällt, hängt davon ab, wie gefragt die Kombination aus Erfahrung, Wissen und Kompetenzen ist. Genau hier liegt das Problem: Viele Menschen kümmern sich erst um ihre Arbeitsmarktfähigkeit, wenn die Kündigung bereits auf dem Tisch liegt oder sich die Jobsuche schwieriger gestaltet als erwartet. Dann wird sichtbar, was sich über Jahre aufgebaut hat: ein Kompetenzprofil, das nicht mehr zur aktuellen Marktlage und Nachfrage passt.
Die Nachfrage verschiebt sich
Der Schweizer Arbeitsmarkt sendet deutliche Signale. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich hat nachgewiesen, dass die Zahl der Stellensuchenden in KI-exponierten Berufen seit Ende 2022 deutlich stärker gestiegen ist als in anderen Berufsfeldern. Gleichzeitig haben sich die KI-bezogenen Stellenausschreibungen laut PwC Schweiz seit 2018 vervielfacht.
Auch der Fachkräftemangel-Index von Adecco und der Universität Zürich deutet auf diese Verschiebung hin. In einzelnen Berufsfeldern steigt die Zahl der Stellensuchenden, während Unternehmen in anderen Bereichen händeringend qualifizierte Fachkräfte suchen. Vereinfacht gesagt: Für gewisse Jobs gibt es zunehmend mehr Menschen, für andere zu wenige.
Vor diesem Hintergrund passt der traditionelle Umgang mit Weiterbildung immer weniger zur Realität. Viele warten darauf, dass der Arbeitgeber eine Weiterbildung finanziert oder vorgibt. Andere setzen auf prestigeträchtige Abschlüsse, die zwar im Lebenslauf beeindrucken, aber nicht zwingend den aktuellen Bedürfnissen des Arbeitsmarktes entsprechen. Hinzu kommt: In Zeiten technologischer Umbrüche existieren die Weiterbildungen für die Kompetenzen von morgen oft noch gar nicht.
Karrieregesundheit als Prinzip: Das Modell Singapur
Wie eine mögliche Antwort auf diese Herausforderung aussieht, zeigt Singapur. Der Stadtstaat verfügt kaum über natürliche Ressourcen. Sein wichtigstes Kapital sind die Menschen. Entsprechend früh wurde Weiterbildung zur nationalen Strategie erklärt. Seit 2015 treibt die Regierung die Initiative SkillsFuture voran. Dahinter steht eine einfache Erkenntnis: Die technologische Transformation gelingt nur dann, wenn die Menschen mitkommen, die mit dieser Technologie arbeiten. Wer das 40. Lebensjahr erreicht, erhält ein Weiterbildungsguthaben von 4000 Singapur-Dollar. Wer eine Vollzeit-Umschulung absolviert, kann während bis zu zwei Jahren finanzielle Unterstützung erhalten. Finanziert wird das System über einen Fonds, in den Arbeitgeber einzahlen.
Bemerkenswert ist weniger die finanzielle Unterstützung als die dahinterliegende Haltung. Singapur spricht von «Career Health» – der Gesundheit der eigenen Karriere. Der Begriff ist treffend. Niemand wartet mit dem Zahnarztbesuch, bis alle Zähne ausfallen. Bei der Karriere aber handeln viele Menschen genau so: Sie investieren erst dann in ihre Arbeitsmarktfähigkeit, wenn Probleme auftauchen.
Ein vergleichbares System gibt es in der Schweiz nicht. Mit Angeboten wie viamia stehen zwar Instrumente zur Standortbestimmung zur Verfügung, die Finanzierung von Umschulungen oder Weiterbildungen ist jedoch kantonal geregelt und oft begrenzt. Wer langfristig gefragt bleiben möchte, muss seine Arbeitsmarktfähigkeit aktiv pflegen. Drei Faktoren spielen dabei eine zentrale Rolle: Kompetenzen, Sichtbarkeit und Netzwerk.
Der Leistungsausweis allein genügt nicht
Kompetenzen sind die Grundlage. Wer die Entwicklungen im eigenen Berufsfeld verfolgt und bereit ist, neue Fähigkeiten aufzubauen, erhöht seine Chancen, auch in Zukunft gefragt zu bleiben. Ebenso wichtig ist jedoch die Sichtbarkeit. Wer sichtbar macht, wofür er steht, welche Expertise er mitbringt und welchen Beitrag er leisten kann, verschafft sich Vorteile bei Beförderungen, Projekten und neuen beruflichen Möglichkeiten. Denn die eigene Reputation wird zunehmend zu einem Karrierefaktor.
Hinzu kommt das Netzwerk. Viele Stellen, insbesondere auf Fach- und Kaderstufe, werden über persönliche Kontakte besetzt. Ein belastbares Netzwerk entsteht jedoch nicht in der Phase der Stellensuche, sondern über Jahre hinweg. Wer Beziehungen pflegt, bevor er sie benötigt, schafft sich berufliche Optionen für Krisenzeiten oder wenn der Arbeitsmarkt für Arbeitnehmer rückläufig ist. Welches Diplom heute den Lebenslauf schmückt, ist nicht mehr so entscheidend wie noch vor zehn Jahren. Entscheidend ist vielmehr, ob die eigenen Kompetenzen auch morgen noch zur Nachfrage des Arbeitsmarktes passen. Berufe verändern sich schneller, Anforderungen verschieben sich, und neue Tätigkeiten entstehen laufend. Wer seine Karriere dem Zufall überlässt, geht ein zunehmendes Risiko ein.
Die Verantwortung liegt beim Einzelnen
Arbeitsmarktfähigkeit wird damit zur neuen Form der Vorsorge. Nur dass nicht Geld angespart wird, sondern ein Netzwerk und relevante Skills aufgebaut werden. Wer bereit ist, sein Wissen, seine Sichtbarkeit und sein Netzwerk laufend weiterzuentwickeln, investiert in die einzige Karriereversicherung, die auch im KI-Zeitalter Bestand hat.
Der Staat kann Orientierung bieten. Arbeitgeber können Weiterbildung ermöglichen. Doch keiner von beiden wird die eigene Karriere langfristig absichern. Diese Verantwortung bleibt bei jedem Einzelnen.