Jacqueline Badran: So führt die Unternehmerin die Firma Zeix
Führung
10.6.2026 | nzz.ch
Flache Hierarchien, eine Männerquote und viele Aufträge vom Bund: So tickt Jacqueline Badran als Chefin
Die SP-Politikerin soll für die Partei den Sitz im Ständerat halten. Dafür braucht sie auch bürgerliche Stimmen. Punkten könnte sie dabei als Unternehmerin – wäre da nicht die Nähe ihrer Firma zum Staat.
Es ist ein stattliches Haus mit weisser Fassade und dunkelgrünen Fensterläden. Der Garten grenzt direkt an einen kleinen Park – eine kleine Oase mitten in der Stadt Zürich am vielbefahrenen Stauffacher. Das Gebäude war früher ein Schulhaus, heute nennen es die Leute, die hier ein und aus gehen, ihr «Wohlfühlzentrum». Eigentümerin ist die Stadt Zürich, Mieterin die Firma Zeix der bekannten Politikerin Jacqueline Badran.
Jacqueline Badran steht gerade im Fokus der Schweizer Politik. Nachdem Ständerat Daniel Jositsch diese Woche aus der SP ausgetreten ist, liegen alle Hoffnungen der Partei auf ihr. Sie soll bei den Ständeratswahlen im nächsten Jahr gegen ihn antreten, um den SP-Sitz zu verteidigen. Ihr Interesse hat sie bereits signalisiert.
Badran gilt als erfolgversprechendste Kandidatin in der SP. Bei den letzten Nationalratswahlen erzielte sie das beste Resultat von allen Kandidierenden. Ihre ungeschliffene, manchmal ungehobelte Art, die sie von anderen Politikern unterscheidet, macht sie beim Volk beliebt.
Aber noch etwas anderes zeichnet Badran aus: Sie ist Unternehmerin. Eine Berufsgruppe, die in der SP-Bundeshausfraktion ähnlich rar ist wie Ausländer im Schwingsport. Mit ihrem unternehmerischen Profil könnte Badran auch bürgerliche Wähler überzeugen. Und das muss sie, wenn sie zur Zürcher Ständerätin gewählt werden will. Doch Badran ist keine gewöhnliche Unternehmerin.
Fast acht Millionen Franken vom Bund
Es war im Jahr 2000, als sie gemeinsam mit zwei Kollegen die Firma Zeix gründete. Sie starteten in einem kleinen Büro, bauten Websites und erklärten den Menschen «dieses neue Internet». Badran sagt, in den ersten fünf Jahren habe sie täglich sechzehn Stunden gearbeitet, sieben Tage die Woche. Das mag übertrieben sein. Aber selbst politische Gegner attestieren ihr, dass bei ihr nachts oft noch Licht gebrannt habe.
Heute zählt die Firma Zeix 36 Mitarbeitende und entwickelt Websites und Software, die für die Benutzer möglichst einfach bedienbar sein sollen. In einem Interview mit der «Handelszeitung» sagte Badran einmal, ihre Auftraggeber seien oft Grossfirmen, die laufend grösser würden. «Entsprechend viel Marktmacht steht uns gegenüber.» Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Badrans Firma hat auch zahlreiche öffentliche Auftraggeber: Bundesämter, Stadt und Kanton Zürich, Post, SBB, Hochschulen.
Für das Bundesamt für Strassen entwickelte die Firma vor kurzem ein System, mit dem Polizisten schweizweit Verkehrsunfälle erfassen können. Als die Schweizer Armee ihre Kommunikation digitalisierte, war Zeix für die User-Experience, also das Nutzererlebnis, aller digitalen Produkte verantwortlich. Und den SBB half die Firma, ihr Sitzplatzkonzept weiterzuentwickeln.
Finanziell bringt das einiges: Zwischen 2010 und 2024 flossen gemäss Angaben des Bundes 7,9 Millionen Franken aus der gesamten Bundesverwaltung an die Firma Zeix. Das heisst: durchschnittlich eine halbe Million Franken pro Jahr. Die SBB haben dem Unternehmen im selben Zeitraum rund 900 000 Franken für Dienstleistungen bezahlt. Und die Stadt Zürich hat für ein Projekt einen Auftrag in der Höhe von 177 000 Franken an Zeix vergeben.
Im Bundeshaus sorgt das für spöttische Kommentare. Ein bürgerlicher Parlamentarier sagt, die Firma erhalte ja «fast nur Staatsaufträge», ein anderer witzelt, Badran sei eher «eine Staatsangestellte». Aber niemand unterstellt ihr, ihre Position als Nationalrätin zu nutzen, um an Aufträge aus der Verwaltung zu gelangen. Auch die rechte «Weltwoche» hielt in einem Artikel im Jahr 2012 fest: «Hinweise auf Gefälligkeiten unter Genossen finden sich nicht.»
Der FDP-Nationalrat und Unternehmer Marcel Dobler sagt, Badrans Firma wisse offensichtlich einfach sehr gut, wie man öffentliche Ausschreibungen gewinne. «Das ist nicht leicht, man muss dafür sehr viel Zeit und Energie investieren.» Doch wenn man sich das Know-how einmal angeeignet habe, bewege man sich in einer Art geschütztem Umfeld. «Viele Firmen bieten gar nicht erst mit, weil ihnen die Hürden zu hoch sind.» Die Firma Digitec etwa, die Dobler mitgründete, offerierte nur ein paar Mal bei öffentlichen Aufträgen für IT-Beschaffungen. «Uns waren die Vorgaben zu starr und unsinnig.»
Geheimer Mietzins
Jacqueline Badran steht rauchend auf der Terrasse des Bundeshauses und ärgert sich über den Vorwurf der Staatsnähe. «Es ist sogar ein Nachteil für die Firma, dass ich Nationalrätin bin», sagt sie. «Gerade in der Verwaltung ist die Angst vor dem Vorwurf der Vetternwirtschaft gross.» Sie halte sich deshalb aus sämtlichen Offerten und Pitches ihrer Firma raus. «Unsere Regel ist, dass ich nicht einmal etwas von einer Ausschreibung erfahre», sagt sie. «Bei uns herrschen ‹Chinese Walls›.»
Badran sagt, die Firma Zeix erhalte etwa die Hälfte der Aufträge von der öffentlichen Hand und die andere Hälfte von privaten Firmen wie Grossbanken, Versicherungen oder Pharmafirmen. Diese dürften auf der Website allerdings meistens nicht als Referenzen aufgeführt werden. Hinzu komme, dass der Bund der grösste IT-Beschaffer im Land sei. Das bestätigen auch SVP-Politiker aus der Branche.
Das Gespräch mit Jacqueline Badran auf der Terrasse des Bundeshauses dauert fast eine Stunde. Ab und zu läuft sie in den Nationalratssaal, um abzustimmen. Aber sie kehrt immer wieder auf den Balkon zurück, um über ihr KMU zu sprechen.
Seit diesem Frühling ist sie zwar nur noch als Verwaltungsratspräsidentin tätig. Aber sie kümmert sich nach wie vor um strategische Fragen und um die Rekrutierung von neuen Mitarbeitenden. «Ich steckte schon immer viel meiner Energie in die Anstellung, weil die Menschen das Wichtigste sind in einer Firma», sagt sie. Sie gehe mit den Leuten essen, verwickle sie in ein Gespräch, frage nach der Primarschule und den Hobbys. «Ein guter Charakter ist für mich das Allerwichtigste», sagt sie. «Alles andere kann man lernen.» Das spüre man auch im Alltag. «Wir haben nie Streit in der Firma», sagt Badran. Bei ihrer aufbrausenden Art? Eigentlich unvorstellbar.
Das Unternehmen fällt auch sonst mit unkonventionellen Strukturen auf: Die Mitarbeitenden halten Aktien der Firma, die Hierarchien sind flach – «Bei uns ist Chef, wer am meisten Ahnung hat», sagt Badran –, und in der Geschäftsleitung gilt eine Männerquote von 50 Prozent. «Das ist natürlich ein Joke. Ich verachte ja Quoten», sagt Badran. Ihr sei völlig egal, wer bei ihr arbeite, Männer, Frauen, Transmenschen. Irgendwann hätten sie festgestellt, dass unter den Mitarbeitenden mehr Frauen gewesen seien, obwohl sie nicht speziell darauf geachtet hätten. Deshalb die symbolische Männerquote.
Badran spricht für ihre Verhältnisse ruhig. Erst als das Gespräch auf den städtischen Firmensitz kommt, verliert sie die Geduld. Wie viel Miete die Firma für das Haus bezahle? Weder sie noch die Stadt Zürich wollen einen Betrag nennen. Es handle sich um eine marktbasierte Miete, teilt die Stadt bloss mit. Badran ruft, sie zahle «mindestens 30 Prozent mehr» als die anderen im Quartier. Zudem habe sie mehr als 800 000 Franken in das Haus investiert.
Das «Hüsli» sei Teil der Identität des Unternehmens. Für die Mitarbeitenden sei es wie ein Zuhause, und für die Firma bilde es eine natürliche Wachstumsgrenze. «Wir wollen nur so gross werden, dass wir immer noch in dieses Haus passen», sagt Badran.
Dann läuft sie davon.
Ladina Triaca, ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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