Die Schweizer Wirtschaft ist stark spezialisiert. Viele Unternehmen suchen sehr spezifische Profile. (Symbolbild: Mina Rad / Unsplash)
Führung
29.3.2026 | nzz.ch
Die Illusion vom perfekten Mitarbeiter: Arbeitgeber sollten sich bei der Rekrutierung flexibler zeigen
Um die Personenfreizügigkeit zu bewahren, braucht es eine echte Bereitschaft, die Lücke zwischen Ideal und Realität zu füllen.
Eine hohe Zuwanderung bei gleichzeitig steigender Arbeitslosigkeit: Aus wirtschaftspolitischer Sicht ist das eine heikle Konstellation. Die Quote der Erwerbslosen ist in den vergangenen zwei Jahren gemäss der Zählweise des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) auf rund 3 Prozent gestiegen; nach internationaler Definition waren es sogar 5 Prozent. Gleichzeitig blieb die Zuwanderung hoch. Im vergangenen Jahr betrug die Zahl der Nettozuwanderer rund 75 000, davon stammten 50 000 aus den EU/Efta-Staaten.
Diese Zahlen dürften den Befürwortern der SVP-Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz in die Hände spielen, über die am 14. Juni abgestimmt wird. Das Volksbegehren nimmt eine Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU in Kauf – was eine schlechte Nachricht für Unternehmen wäre, die auf den grossen Arbeitskräftepool aus der EU angewiesen sind.
Der Arbeitgeberverband hat vor diesem Hintergrund ein Positionspapier veröffentlicht, um den Verdacht zu entkräften, dass Einwanderer einheimische Stellensuchende verdrängen. Kernaussage: «Wenn die Stellensuchenden nicht auf die offenen Stellen passen, braucht es passendes Personal aus dem Ausland.» Zwar stiegen Zuwanderung und Erwerbslosigkeit derzeit parallel, jedoch nicht in denselben Berufsgruppen. Gesucht würden oft andere Profile als jene, die gerade arbeitslos seien – oder es zu werden drohten.
Für Unternehmen sei entscheidend, personelle Lücken rasch schliessen zu können, schreibt der Verband. Genau darin zeige sich der Nutzen der Personenfreizügigkeit. Sie erweitere den Arbeitskräftepool und ermögliche es, Engpässe kurzfristig zu überbrücken.
Die Argumentation des Arbeitgeberverbandes ist nachvollziehbar, empirisch gut abgestützt – und trotzdem etwas zu kurz gedacht.
Ein Verkäufer ersetzt keinen Elektriker
Das Kernargument des Verbandes ist unbestritten: Wer einen Elektriker sucht, kann keinen Verkäufer brauchen, und ein Anwalt ersetzt keinen Arzt. Zuwandernde ergänzen häufig, statt zu verdrängen. Doch aus gesellschaftlicher Perspektive ist es komplizierter: Die Wirtschaft und auch die Arbeitgeber sollten Flexibilität und Offenheit gegenüber der heimischen Bevölkerung zeigen. Gefragt ist eine echte Bereitschaft, die Lücke zwischen Ideal und Realität nach Möglichkeit zu schliessen. Nicht jeder Arbeitnehmer kann alles, aber vieles lässt sich lernen. Wer das anerkennt, zeigt Weitblick, der auch den gesellschaftlichen Realitäten Rechnung trägt.
Wer als Arbeitgeber nur Kandidaten wählt, die keinerlei Abweichung vom Wunschprofil aufweisen und die gleiche Funktion idealerweise bereits anderswo erfolgreich ausgeübt haben, gerät in eine Zero-Gap-Mentalität, die die politische Akzeptanz der Personenfreizügigkeit gefährdet.
Der rasante Strukturwandel durch künstliche Intelligenz verschärft das Problem zusätzlich. Anforderungen verändern sich schneller, als Qualifikationen nachwachsen können. Der Mismatch zwischen dem, was Unternehmen suchen, und dem, was Arbeitskräfte mitbringen, dürfte künftig eher grösser werden.
Wie ausgeprägt die Zero-Gap-Mentalität in der Schweiz tatsächlich ist, lässt sich zwar schwer messen – sie bewegt sich auf einem Spektrum. Doch Arbeitsmarktexperten sprechen bereits von «organisierter Inzucht», weil selbst zahme Branchenwechsel schwierig sind. Das sollte einfacher werden.
Dabei stellen sich ganz praktische Fragen: Kann ein Industrieschreiner auch als Möbelschreiner arbeiten? Wie viel Einarbeitung ist ein Unternehmen bereit zu investieren? Und wann traut man einem Projektleiter den nächsten Karriereschritt zu? Vieles davon ist Ermessenssache – und eine Frage der Haltung.
Wer Engpässe früh erkennt, kann auch Bewerbern mit kleineren Lücken eine Chance geben – und sie gezielt in eine Rolle hineinentwickeln. Im angelsächsischen Raum spricht man von Reskilling und Upskilling.
Natürlich bleibt die internationale Rekrutierung für Schweizer Unternehmen wichtig. Das frühere Kontingentsystem mit teilweise willkürlichen Bewilligungen und erheblicher Bürokratie war eine deutlich schlechtere, weniger effiziente Lösung als die Personenfreizügigkeit. Doch um diese im Abstimmungskampf gegen die SVP-Initiative zu verteidigen, braucht es auch Flexibilität von den Arbeitgebern.
Christin Severin, «Neue Zürcher Zeitung»
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