Bullshit-Jobs: Warum sinnlose Arbeit uns auslaugt
Führung
20.6.2026 | nzz.ch
Der lange Arm der Bullshit-Jobs: Warum uns sinnbefreite Arbeit bis ins Bett verfolgt
Mehr als jeder Dritte ist zu erschöpft, um in der Freizeit noch etwas auf die Beine zu stellen. Zu hohe Belastung bei der Arbeit ist nur ein Grund dafür. Schlimmer ist, wenn dem Job der Sinn fehlt.
Vor kurzem wurde ich in einem Radiointerview gefragt, wie wichtig es sei, glücklich im Job zu sein. Ich antwortete, dass es völlig legitim sei, nicht glücklich bei der Arbeit zu sein. Glück ist ein zu hoher Anspruch, ein flüchtiger Zustand, der durch besondere Ereignisse ausgelöst wird. Die einen empfinden Glück, wenn sie Berge erklimmen, andere bei einem guten Glas Wein. Wir sollten uns deshalb nicht fragen, ob Arbeit glücklich macht, sondern wann sie zum Energieräuber wird.
Der Soziologe Martin Meissner beschreibt mit dem Konzept vom langen Arm der Arbeit den Einfluss des Berufes auf das Leben jenseits des Arbeitsplatzes. Wer sich bei der Arbeit verausgabt, liegt abends erschöpft auf dem Sofa. Wer im Büro einen Konflikt hat, nimmt den Frust mit nach Hause und lässt ihn womöglich an der Partnerin aus. Der lange Arm der Arbeit hat den Menschen in den eigenen vier Wänden fest im Griff.
Eine Studie der Berner Fachhochschule im Auftrag von Travail Suisse zeigt: Rund 35 Prozent der Arbeitnehmenden in der Schweiz sind nach der Arbeit sehr häufig zu erschöpft für Freizeitaktivitäten. Die Antwort darauf ist seit Jahrzehnten dieselbe: kürzere Arbeitszeiten, mehr Pausen, weniger Überstunden.
Ein gutes Team hilft über vieles hinweg
Diese Ansätze helfen, doch sie reichen nicht aus. Wer Erschöpfung allein auf zu viele Arbeitsstunden schiebt, argumentiert, als stünden wir alle noch am Fliessband. Doch Erschöpfung hat viele Ursachen. Sie entsteht auch, wenn wir uns nicht mit unserer Arbeit identifizieren oder keinen Sinn in ihr sehen. Der Anthropologe David Graeber prägte dafür den Begriff der «Bullshit-Jobs»: Tätigkeiten, die selbst die Ausführenden für überflüssig halten. Wer täglich Dinge tut, an die er nicht glaubt, fühlt sich abends genauso leer wie jemand, der sich körperlich verausgabt hat.
Natürlich gibt es Umstände, in denen es nötig sein kann – vorübergehend – einen Job anzunehmen, der wenig Sinn bietet. Als Studentin servierte ich Fast Food in einer grossen Halle, während die Gäste Lotto spielten. Der Sinn des Jobs bestand für mich ausschliesslich im Lohn. Durchgeschwitzte T-Shirts, ein magerer Stundenlohn, schmerzende Füsse und gelegentliche Verbrennungen – die Arbeitsbedingungen waren alles andere als ideal. Doch das Ende dieses Nebenjobs war absehbar und das Team grossartig. Ich habe dort Freundschaften geschlossen und fühlte mich in schwierigen Momenten verstanden.
Diese soziale Eingebundenheit ist laut den amerikanischen Psychologen Edward L. Deci und Richard M. Ryan eines der drei psychologischen Grundbedürfnisse. Die beiden anderen sind Kompetenz und Autonomie: Kompetenz heisst, sich wirksam zu fühlen, etwas zu können und die gewünschte Wirkung zu erzielen. Autonomie bedeutet, selbst zu bestimmen, etwa wie man seine Arbeit erledigt. Studien belegen: Wenn alle drei Bedürfnisse erfüllt sind, zeigen Menschen mehr Arbeitsmotivation, bessere Leistungen, höheres Wohlbefinden und erleiden seltener ein Burnout. Daraus ergibt sich die entscheidende Frage: Was können wir tun, um ein Umfeld zu schaffen, das diese Faktoren stärkt?
Wir müssen unsere eigenen Arbeitgeber werden
Wir dürfen selbst Hand anlegen. Job-Crafting beschreibt das gezielte Zuschneiden der eigenen Arbeit, damit mehr von dem darin Platz findet, was uns entspricht. Wer die eigene Arbeit gestaltet, vergrössert so die Passung zwischen Person und Arbeit. Job-Crafting lässt sich gut mit den drei Grundbedürfnissen verknüpfen: Wie kann ich meine Kompetenzen besser einsetzen? Durch welche weiteren Aufgaben, Rollen oder Veränderungen spüre ich mehr Autonomie? Wie kann ich die Beziehung zu meinen Arbeitskollegen stärken? Eine Metaanalyse zeigt, dass sich Job-Crafting positiv auf die Arbeitszufriedenheit, Arbeitsleistung und das Arbeitsengagement auswirkt. Gleichzeitig reduziert es den Stress.
Doch das Zuschneiden des Jobs hat Grenzen. Wo die Arbeitsbedingungen einen auslaugen, muss die Organisation handeln. Arbeitgeber sollten Abläufe und Regelungen ehrlich prüfen, statt die volle Verantwortung auf den Einzelnen abzuschieben. Dass sich das lohnt, zeigt ein Beispiel aus dem «Barometer Gute Arbeit»: Wer mindestens die Hälfte der Zeit im Home-Office arbeiten kann, ist mit den Arbeitsbedingungen zufriedener als jene, die nicht von zu Hause aus arbeiten können oder dürfen.
Vielleicht sollten wir wegkommen von der Suche nach Glück im Job und überlegen, ob die eigene Tätigkeit es uns ermöglicht, uns einzubringen, uns als wirksam zu erleben und zugehörig zu fühlen. Dann reicht der lange Arm der Arbeit nämlich nicht zerstörerisch, sondern stärkend in den Feierabend hinein.
Nicole Kopp ist Arbeits- und Organisationspsychologin und Mitgründerin der Beratungsfirma Gobeyond, ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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