Mit richtigen Entscheiden bei der Vorsorge lässt sich der Ruhestand geniessen. (Symbolbild: Adobe Stock)
Finanzen
2.9.2026 | nzz.ch
Rente oder Kapital: So vermeidet man Risiken und Fehlberatungen bei der Pensionierung
Immer mehr Pensionierte entscheiden sich beim Bezug des Pensionskassenvermögens für eine Auszahlung anstatt für die Rente. Dieser Entscheid birgt Risiken. Der Pensionskassenverband reagiert.
Soll man das angesparte Vermögen in der Pensionskasse als Rente oder als Kapitalzahlung beziehen? Für viele angehende Pensionierte in der Schweiz ist dies einer der wichtigsten finanziellen Entscheide ihres Lebens. Schliesslich bestimmt er darüber, ob man im Ruhestand ein regelmässiges monatliches Einkommen hat oder ob man sich das Geld selbst einteilen muss.
In der Vergangenheit favorisierten viele hier die monatliche Rente, doch in den vergangenen Jahren hat es eine klare Trendumkehr gegeben.
Laut der Neurentenstatistik des Bundesamtes für Statistik (BfS) nahmen von den Personen, die 2024 eine neue Leistung ihrer Pensionskasse bezogen, 45 Prozent ausschliesslich eine Kapitalleistung. 36 Prozent von ihnen entschieden sich ausschliesslich für die Rente und 19 Prozent für einen Mix aus Rente und Kapital.
Pensionierte wollen Flexibilität
Für die Zunahme der Kapitalbezüge dürften mehrere Gründe verantwortlich sein. Laut einer Studie der Investmentgesellschaft Swisscanto vom April dieses Jahres nennt fast die Hälfte der Kapitalbezieher als Grund die höhere finanzielle Flexibilität. Ein Drittel der angehenden Pensionierten möchte die Gelder selber anlegen, rund ein Drittel sieht zudem Vorteile beim Vererben. Als weiterer Faktor werden oft die gesunkenen Umwandlungssätze bei den Pensionskassen angeführt. Laut der Swisscanto-Studie spielen diese aber eine geringere Rolle bei dem Entscheid.
Ungern reden Vertreter der Finanzbranche über einen weiteren Grund, der für den Anstieg der Kapitalbezüge verantwortlich sein dürfte: Interessenkonflikte und Fehlberatungen in Finanzinstituten. Banken und Vermögensverwalter sind keine Wohlfahrtsinstitute und haben folglich ein Interesse daran, dass ihre Kunden das Pensionskassenkapital beziehen und bei ihnen anlegen.
«Wenn ein Finanzunternehmen Beratungsgespräche mit Kunden führt und gleichzeitig eine Vermögensverwaltung betreibt, ist die Schwelle zum Interessenkonflikt rasch erreicht», sagt Lukas Müller-Brunner, Direktor des Pensionskassenverbands Asip, dazu.
Pensionskassen sind zögerlich in der Beratung
Viele Arbeitnehmer, bei denen es auf die Pensionierung zugeht, suchen händeringend nach einer verlässlichen Beratung. Oft wissen sie aber nicht, an wen sie sich wenden sollen. Aus Sicht von Müller-Brunner sind die Pensionskassen naheliegende Ansprechpartner für die angehenden Pensionierten, da sie unabhängig sind. «Allerdings zögern viele Pensionskassen, ihren Versicherten über die grundlegenden Informationen hinaus individuelle Einschätzungen zur Pensionierungsplanung zu geben», sagt der Asip-Direktor.
Viele Stiftungsräte von Pensionskassen sorgten sich um potenzielle rechtliche Folgen einer etwaigen Beratung und wollten eine Haftung ausschliessen, sagt Müller-Brunner. Zudem hätten viele auch keine Ausbildung als Finanzberater oder Finanzplaner und fühlten sich folglich nicht imstande, hier Ratschläge zu geben – zumal der Entscheid so wichtig sei.
Neues Tool für angehende Pensionierte
Der Asip will nun die Pensionskassen in der Beratung bei diesem Beschluss stärken. Darum lanciert er den «Rentenkompass» für angehende Pensionierte. Zu diesem Online-Tool gehört ein Rechner, mit dem verschiedene Szenarien individuell durchgespielt werden können. Zudem werden häufige Fragen zu den verschiedenen Optionen einfach und verständlich beantwortet.
Pensionskassenvertreter können bei Anfragen zu diesem Entscheid auf das Tool verweisen und die Resultate mit den Versicherten besprechen. «Möglicherweise brauchen diese dann immer noch eine Beratung in einem Finanzinstitut, aber sie gehen dann nicht mit leeren Händen dorthin und sind mit den wichtigsten Fakten und etwaigen Fallstricken zu ihrer Situation vertraut», sagt Müller-Brunner.
Bei Rente oder Kapital gibt es keine pauschale Antwort
Derweil ist festzuhalten, dass es beim Entscheid «Rente oder Kapital» kein pauschales Richtig oder Falsch gibt. «Die Rente finanziert das lange Leben, das Kapital finanziert die Freiheit», sagt Reto Spring, Geschäftsführer der Plattform Vorsorgeforum und Finanzplanungsexperte.
«Viele denken: Was ich in der Hand habe, das habe ich», sagt er und erklärt so den Anstieg der Kapitalbezüge. Sie wollten flexibel bleiben, um Steuervorteile gehe es erst an zweiter Stelle. Viele wollten auch ihre Immobilie abbezahlen oder hätten vor, ihren Nachkommen später etwas zu vererben. Nicht wenige blendeten dabei aber aus, dass ihre Lebenserwartung sehr lang sein könne.
Hier kommt auch wieder die Beratung in Finanzinstituten ins Spiel. In vielen Beratungen – oder besser Verkaufsgesprächen – würden Annahmen zur Lebenserwartung so getroffen, dass der Kapitalbezug vorteilhafter aussehe als die Rente, sagt Spring. Wenn man aber 90 Jahre alt werde und die Beratung nur auf eine Lebenserwartung von 80 Jahren ausgerichtet sei, gehe das Konzept nicht auf.
Renten aus PK und AHV sollten Grundbedarf absichern
Müller-Brunner hat dazu eine Faustregel parat: Die Pensionskassenrente als gesichertes Einkommen nach der Pensionierung solle zusammen mit der AHV mindestens den Grundbedarf der Lebenshaltungskosten im Alter decken.
Spring nennt die oft zitierte Regel, im Ruhestand brauchten viele rund 80 Prozent des Einkommens vor der Pensionierung. Man müsse dies aber individuell anschauen, sagt er. Allein 60 Prozent des Einkommens vor der Pensionierung sollte man durch die Renten aus AHV und Pensionskasse erreichen. Bei vielen Gutverdienenden sei dies indessen nicht der Fall, und es stelle sich die Frage, ob sie genug gespart hätten, um ihren Lebensstandard im Alter beibehalten zu können. «Wer hier erst mit 55 einen Kassensturz macht, ist unter Umständen zu spät dran», sagt Spring.
Viele blenden die Gefahr eines Börsencrashs aus
Beim Kapitalbezug und einer anschliessenden Anlage der Gelder ist zudem das Risiko eines Börsencrashs zu berücksichtigen. Zwar wird ein Kurszerfall an der Börse auch wieder aufgeholt. Aber viele Rentner haben dafür keine Zeit, weil sie das Geld zum Leben brauchen. Wer das Geld selbst verwaltet oder verwalten lässt, geht also ein Anlagerisiko ein.
Hinzu kommt, dass es im hohen Alter bei vielen ohnehin schwierig wird, das Geld selbst zu verwalten. Hier braucht es dann eine Vertrauensperson, die dies übernimmt – und so besteht Missbrauchspotenzial.
Ein Vorteil der Rente wird zudem oft übersehen: Hier sind die Hinterbliebenen abgesichert. Gerade wenn es einen deutlichen Altersunterschied zwischen zwei Partnern gebe, könne dies überaus relevant sein, sagt Spring. Die Absicherungsleistung sei dann umso wichtiger.
Viele Leute hätten im Kopf, dass der Kapitalbezug immer steuerlich günstiger sei als die Rente, sagt Müller-Brunner: «Doch das stimmt bei genauem Rechnen nicht, an vielen Orten ist es genau andersherum.» Dies komme unter anderem daher, dass viele Versicherte die Vermögenssteuer nicht einrechneten oder unterschätzten.
Bei gedecktem Lebensunterhalt kann Kapitalbezug sinnvoll sein
Derweil gibt es durchaus Beispiele, in denen der Kapitalbezug sinnvoll ist. Dies gilt beispielsweise in den Fällen, in denen genug Geld vorhanden und der Lebensunterhalt im Ruhestand gedeckt ist. Dann kann man das restliche Pensionskassenvermögen bedenkenlos als Kapital beziehen.
Es gibt auch andere Fälle, in denen der Kapitalbezug die bessere Variante ist als die Rente. Dies gelte beispielsweise, wenn man davon ausgehen könne, keine hohe Lebenserwartung zu haben, oder wenn man beim Eintritt in die Pensionierung bereits schwer krank sei, sagt Spring. Die gesundheitliche Verfassung spiele bei dem Entscheid eine sehr wichtige Rolle.
Michael Ferber, «Neue Zürcher Zeitung»
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