Weil die reziproken Zölle illegal waren, müssen die USA Milliarden US-Dollar an Unternehmen zurückzahlen. (Bild: Unsplash)
Wirtschaft
29.7.2026 | nzz.ch
Trumps illegale Zölle: Schweizer Firmen erhalten Millionen erstattet
Die US-Regierung muss auf Anordnung der Gerichte ihre zu Unrecht erhobenen Zölle zurückzahlen. Davon profitieren nun auch Schweizer Firmen, die zeitweise Zollsätze von bis zu 39 Prozent entrichteten.
Eigentlich hatte US-Präsident Donald Trump mit seinen Zöllen zwei Ziele: Er wollte ausländische Unternehmen dazu bringen, in den USA wieder Fabriken aufzubauen, und gleichzeitig die Staatskasse füllen. Doch zumindest das zweite Ziel hat er nicht wie gewünscht erreicht. Seit April musste die US-Regierung bereits mehr als 86 Milliarden US-Dollar an Unternehmen aus der ganzen Welt zurückzahlen.
Der Grund: Im vergangenen Februar hatte der Oberste US-Gerichtshof entschieden, dass die von Trump seit April 2025 erhobenen Zölle illegal waren. In dieser Zeit fielen für Schweizer Firmen Zölle zwischen 10 und 39 Prozent an. Eine Folge des Gerichtsurteils war, dass sich Unternehmen die Zölle zurückerstatten lassen können.
Anfangs bestanden Zweifel, wie bald das Geld tatsächlich zurückfliessen wird. «Bis das alles administrativ sauber abgewickelt ist, kann noch viel Zeit ins Land gehen», sagte Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor beim Industrie-Dachverband Swissmem, gegenüber der NZZ. Doch das Geld ist nun überraschend schnell wieder in den Kassen der Schweizer Unternehmen oder ihrer zollpflichtigen US-Importeure gelandet.
Stadler hat Millionen zurückerhalten
Der Schienenfahrzeughersteller Stadler gibt auf Anfrage der NZZ an, insgesamt 10 Millionen Dollar an unrechtmässig erhobenen Zöllen bezahlt zu haben. Davon habe man bereits zwei Drittel zurückfordern können. Ähnlich erging es der für ihre Taschenmesser bekannten Marke Victorinox. Die Firma habe Anträge auf Rückerstattung in der Höhe von 4,5 Millionen Dollar gestellt, sagt eine Sprecherin. Diese seien vollumfänglich genehmigt worden. Die zuständige amerikanische Behörde habe bereits 4 Millionen Dollar überwiesen.
Der Maschinenbauer Komax schreibt auf Anfrage, dass die USA bereits erste Tranchen der zu Unrecht erhobenen Zölle zurückerstattet hätten. Wie hoch die Rückerstattungen sind und welche Beträge noch ausstehen, teilt das Unternehmen nicht mit. Die Uhrenmarke Breitling hat sämtliche Zölle zurückgefordert – mit Erfolg. «Wir haben sie zu 100 Prozent zurückerstattet bekommen», sagte Breitling-Chef Georges Kern der «NZZ am Sonntag». Den genauen Betrag nennt auch er nicht.
«Im Gespräch mit verschiedenen Firmen zeigt sich, dass die Rückzahlungen gut funktionieren», sagt Jean-Philippe Kohl von Swissmem. Die meisten Firmen konnten die Antragstellung gut selbst bewältigen, wie Kohl erklärt. Grundsätzlich würden auch nicht wie ursprünglich befürchtet zusätzliche Anwaltskosten anfallen. «Das Wichtigste ist, dass man bei der Rückforderung Geduld mitbringt», so Kohl.
Der Grund dafür ist der komplizierte Ablauf. Rückerstattungen lassen sich nur über ein Portal der US-Zollbehörde beantragen – und zwar ausschliesslich durch den Importeur.
Jeder Importeur muss einen Antrag stellen und die Gütereinfuhr mit Dokumenten belegen können. Diese kann er dann in das Online-System der Zollbehörde hochladen.
«Die Herausforderung ist vor allem, alles korrekt einzugeben», sagt Alfonso Orlando von Switzerland Global Enterprise, der Schweizer Exportförderungsorganisation. Die Organisation unterstützt Schweizer Firmen dabei, bei den US-Zollbehörden eine Rückforderung ihrer Gelder einzureichen.
Zwar gibt es im System einige Stolperfallen. Machen Firmen bei der Eingabe ihrer Daten einen einzigen Fehler, müssen sie den gesamten Antrag erneut stellen. Sonst berichtet Orlando aber von positiven Erfahrungen: «Wenn die Unternehmen den Antrag korrekt gestellt haben, erhalten sie ihr Geld.»
Danach geht es schnell: Bereits nach vier Wochen seien die zurückverlangten Beträge bei den meisten Firmen eingegangen, sagt Orlando. «Wir haben nicht gedacht, dass das so schnell möglich ist.»
Aufwendig ist der Prozess allerdings für Firmen, welche die Zollkosten aus Angst vor einem Verlust von Marktanteilen teilweise selbst schluckten. Sie müssen nun mit ihren US-Partnern verhandeln, wie sie wieder an ihren Anteil der Rückzahlung gelangen.
Selbst wenn viele Firmen ihr Geld nun zurückerhalten, geht die Industrie nicht schadlos aus dem Zollstreit hervor. «Wir schätzen, dass 2025 wegen der reziproken Zölle ein Exportvolumen von einer Milliarde Franken gegenüber dem Vorjahr verlorengegangen ist, was rund 10 Prozent der Tech-Exporte in die USA ausmacht», sagt Jean-Philippe Kohl von Swissmem. Viele Geschäfte seien in der Zeit der Zollwirren gar nicht erst zustande gekommen.
Schuhhersteller übernahm die Zölle selbst
Um Umsatzeinbrüche zu verhindern, griffen einzelne Schweizer Firmen auch zu eher unkonventionellen Massnahmen. So etwa der Schuhproduzent Kybun-Joya. Die Schweizer Traditionsfirma produziert Gesundheitsschuhe und hat noch eigene Produktionsstätten im Inland. Sie macht 15 Prozent ihres Umsatzes in den USA.
«Anfang 2025 haben wir unseren Partnern in den USA versprochen, die Strafzölle komplett zu übernehmen, falls Trump diese in Kraft setzen würde», sagt Geschäftsführer Claudio Minder. «Dann wurden wir von den sehr hohen Zöllen überrascht.» Minder geht davon aus, dass sein Unternehmen bis zu 120 000 Franken zusätzlich gezahlt hat.
Kybun-Joya wollte mit seinem Vorgehen in langfristige Kundenbeziehungen in den USA investieren. Ob sich das gelohnt hat, kann Minder heute noch nicht abschliessend beurteilen. Tatsächlich hätten sich gewisse europäische Konkurrenten teilweise aus dem amerikanischen Markt zurückgezogen, während Kybun-Joya einige neue Kunden habe gewinnen können.
Kybun-Joya verzichtet nun aber darauf, die Zölle zurückzufordern. «Bei unserem Geschäftsmodell ist das relativ kompliziert», sagt Minder. Die Firma hat keine US-Niederlassung und liefert an verschiedenste kleinere Detailhändler vor Ort. Für die meisten sei der Aufwand zu gross, für jeden Import einen Antrag auf Rückzahlung zu stellen.
Seit Jahresanfang hat Kybun-Joya seine Preise nach oben angepasst und die Zölle auf die amerikanischen Importeure überwälzt. «Wir hoffen, dass die Zölle bald gesenkt werden. Sonst müssen wir erwägen, nicht mehr in die USA zu liefern.»
Von Ralph Goldinger und Jürg Meier, aus «Neue Zürcher Zeitung»
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