Geschrieben wird heute kaum noch selbst: Sogar die KI warnt vor der Gefahr des Hochstapelns. (Bild: S.O-Comics)
Technologie
20.7.2026 | nzz.ch
Und dann meinte die KI: «Diese Kolumne hätten Sie besser selbst geschrieben»
In den Unternehmen werden Texte heute zum grossen Teil von KI verfasst. Mit problematischen Konsequenzen.
Ich muss zugeben, dass es schon verlockend ist, diese Kolumne mittels künstlicher Intelligenz schreiben zu lassen. Gerade jetzt, vor den Sommerferien, wenn ich noch alles fertig machen muss. Ich müsste meinem digitalen Lieblingshelfer nur ein paar Ideen und Studien mitgeben, und schwups, innert Minuten wäre die Kolumne erzeugt. Eloquent geschrieben, genau in der richtigen Länge. Wer würde das schon merken?
Das Internet quillt derzeit über von KI-Texten. Was immer man liest, häufig ist der menschliche Anteil am Inhalt gering. LinkedIn-Posts folgen stets der gleichen Struktur, Artikel wirken generisch, ja selbst im Wirtschaftsteil des «Spiegels» tauchte eine KI-generierte Passage auf. Sie flog auf, weil darunter stand: «Wenn du magst, passe ich Ton und Detailtiefe an, zum Beispiel nüchterner Nachrichtenstil oder magaziniger, oder markiere dir die konkreten Änderungen im Vergleich zum Original.» So dienstfertig ist nur ChatGPT.
Auch in Unternehmen wird mittlerweile vieles mit KI geschrieben. Das ist naheliegend: Wer Sitzungsprotokolle, E-Mails oder Berichte auslagert, hat mehr Zeit für anderes. Doch manchmal wird es absurd. Da verfasst eine KI eine E-Mail, die der Empfänger von einer KI zusammenfassen lässt, um anschliessend ebenfalls mit einer KI zu antworten. Und das soll der viel beschworene Produktivitätszuwachs sein?
«Generative KI hat die Produktionskosten von Inhalt auf nahezu null gesenkt. Texte, Analysen, Präsentationen, Entscheidungsvorlagen, alles erzeugbar, in Sekunden, in jeder gewünschten Form. Was einmal Ausdruck von Aufwand war, ist heute ein Prompt», schrieb der Trendscout Raphael Gielgen kürzlich auf LinkedIn.
Das Überwinden der Schreibblockade
Das führt zu zwei problematischen Konsequenzen. Erstens: die Flut von Inhalten. Wenn Mitarbeitende für Konzepte statt zwei Wochen nur noch 30 Minuten brauchen, geraten Führungskräfte unter Druck. Sie müssen all diese Inhalte beurteilen, Entscheidungen gutheissen, Rückmeldungen geben und nächste Schritte diskutieren. Dadurch werden sie noch häufiger zum Flaschenhals, wie die Autorin Liz Fosslien in der «Harvard Business Review» schreibt.
Zweitens: Wenn Schreiben ohne Aufwand möglich ist, dann ist Geschriebenes nicht mehr automatisch ein Zeichen für Qualität oder zumindest für eigene Anstrengung. Die Autorin Eve Fairbanks erklärt, dass die Effizienz und Reibungslosigkeit, die KI für Schreibende so verlockend mache, genau das sei, was sie für Leser oft unglaubwürdig wirken lasse. Sie warnt davor, den wichtigsten Teil des Schreibens, das Denken, an die KI zu delegieren.
Gerade das Überdenken, das Überarbeiten und das Überwinden von Schreibblockaden machen von Menschen erdachte und geschriebene Texte aussagekräftig. Fehlt dieser Prozess, entstehen Texte, die gut tönen, aber inhaltsleer und generisch sind, ohne Reibung oder Überraschung. Sie lösen bei mir selten Emotionen aus, ganz anders als die Texte meiner Lieblingsjournalisten.
Noch schlimmer wird es, wenn die Fakten falsch sind, bei den berüchtigten KI-Halluzinationen also. Und was passiert, wenn ein Entscheidungsträger falschen Angaben blind vertraut und auf dieser Grundlage eine wichtige Entscheidung trifft? Das ist fatal, denn eines kann KI nicht: Verantwortung übernehmen.
Sogar die KI selbst warnt vor den Gefahren ihres Hochstapelns. Ich bat meinen KI-Kollegen Claude versuchsweise, eine Kolumne zum Thema «Schreiben mit KI» zu entwerfen.
«Meine peinlichste Eigenschaft»
«Und dann ist da noch meine peinlichste Eigenschaft: Ich erfinde. Mit grösster Überzeugung. Bitten Sie mich um ein Zitat von Gottfried Keller, und ich liefere Ihnen eines, formvollendet, tiefsinnig, klingt genau wie er, und ist von mir. Ich erfinde Quellen, Studien, Seitenzahlen, mit der ruhigen Sicherheit eines Hochstaplers, der seinen eigenen Lebenslauf glaubt. Prüfen Sie mich. Immer. Ich sage das nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Erfahrung. Ich bin ein brillanter Erzähler und ein unzuverlässiger Zeuge, und das ist eine gefährliche Kombination, wenn man sie für ein Lexikon hält.»
Genau darum müssen wir Menschen lernen, KI klug und verantwortungsvoll zu nutzen. Denn dieses mächtige Werkzeug ist gekommen, um zu bleiben. Es liefert Studien, fasst Sitzungen zusammen, entwickelt Konzepte und Projektpläne, analysiert riesige Datenmengen, erstellt Arbeitspläne, verbessert Texte und vieles mehr.
Am besten gelingt das im Dialog, als Pingpong statt im Alleingang. Unternehmen sollten klar entscheiden, welche Regeln bei der Nutzung gelten und welche Aufgaben weiterhin ohne technische Hilfe erledigt werden sollen.
Übrigens hat mich die KI-generierte Kolumne zum Schmunzeln gebracht. Am Ende stand: «Mein letztes Geständnis: Diese Kolumne hätten Sie besser selbst geschrieben.» Und genau das werde ich auch in Zukunft tun. Weil ich mir das Denken und Schreiben nicht nehmen lasse und Ihnen Texte liefern möchte, die authentisch, fundiert und voller Menschlichkeit sind.
Exklusiver Inhalt aus den Medien der NZZ. Entdecken Sie die Abonnemente für die «Neue Zürcher Zeitung» und die «NZZ am Sonntag» hier.