KI und 15-Stunden-Woche: Keynes' Vision könnte Realität werden. (Adobe Stock)
Technologie
14.6.2026 | nzz.ch
Keynes, KI und die Stempeluhr: Kommt nun die 15-Stunden-Woche?
Der Grossmeister der Ökonomie lag falsch mit seinen Prognosen zur Reduktion der Erwerbstätigkeit. Die künstliche Intelligenz könnte nun aber vollenden, was John Maynard Keynes prognostizierte.
Der Ökonom John Maynard Keynes wagte 1930 eine Prognose 100 Jahre in die Zukunft. Er stellte zwei Thesen auf. Erstens: Der Lebensstandard werde sich vervier- bis verachtfachen. Zweitens: Weil immer mehr Wohlstand mit immer weniger Aufwand zu erzeugen sei, würden unsere Enkel nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten. Man werde die verbleibende Arbeit gar haushälterisch verteilen – oder in seinen Worten: «die Butter dünn auf das Brot streichen».
Nun sind fast hundert Jahre vergangen, und die erste Prognose war korrekt: Das reale Pro-Kopf-Einkommen der Schweiz liegt heute rund sechsmal so hoch wie 1930. Die zweite Prognose gilt hingegen als krachend gescheitert. 1930 arbeitete ein Vollzeitbeschäftigter hierzulande rund 47 Stunden pro Woche, heute sind es nach Abzug der Absenzen rund 40. Rechnet man die Ferien ein – damals kaum mehr als eine Woche, heute meist fünf, dazu mehr Feiertage –, landet man bei rund 35 Stunden. Ein deutlicher Rückgang, gewiss – doch weit entfernt von der Reduktion um zwei Drittel, die Keynes voraussagte.
Die Revolution im Lebenslauf
Für die Diskrepanz hat die Ökonomie eine Erklärung: unsere unersättlichen Bedürfnisse. Steigen die Löhne, macht das zwar mehr Freizeit möglich, diese wird aber gleichzeitig teurer: Jede freie Stunde bedeutet entgangenen Lohn und damit weniger Konsum. Und die Konsummöglichkeiten sind seit 1930 explodiert. Den damaligen Lebensstandard liesse sich heute mit einer 15-Stunden-Woche mühelos finanzieren. Nur wollen die wenigsten so leben: ohne Waschmaschine, ohne Auto, ohne Ferien am Meer.
Viele ziehen daraus den Schluss: Keynes lag nicht beim technologischen Fortschritt daneben, sondern beim Menschen. Er unterschätzte den Wunsch, steigende Einkommen in mehr Konsum, Komfort und neue Erlebnisse zu verwandeln und nicht einfach in Freizeit. Doch dieses Urteil ist voreilig. Wer Keynes allein an der Stempeluhr misst, übersieht, wo sich die eigentliche Revolution abgespielt hat: nicht in der Arbeitswoche, sondern im Lebenslauf.
So traten junge Männer 1930 typischerweise mit sechzehn ins Erwerbsleben ein. Gleichzeitig erfolgte der Arbeitsmarktaustritt mit knapp 67 Jahren – und wer das Erwachsenenalter erreichte, wurde im Schnitt knapp 72 Jahre alt. Heute studieren viele zunächst und treten erst mit über 25 ins Erwerbsleben ein. In Rente geht es zudem meist mit 65, wobei ein heute Zwanzigjähriger damit rechnen darf, rund 90 Jahre alt zu werden.
Am Anfang wie am Ende des Lebens stehen somit deutlich mehr Jahre ohne Erwerbsarbeit. Über die gesamte Lebenszeit gerechnet arbeitet ein heute Zwanzigjähriger, der studiert, noch rund 20 Stunden pro Woche. Sein Altersgenosse von 1930 kam nach derselben Rechnung auf gut 40 Stunden. Das heisst, dass Keynes auch gemessen an der Lebenszeit falsch lag: Statt seiner prognostizierten Reduktion der Arbeitszeit um zwei Drittel gab es eine – durchaus bemerkenswerte – Halbierung.
Die Berechnung gilt wohlgemerkt für Männer. Frauen leisteten 1930 vor allem Arbeit, die in keiner Stempeluhr auftauchte. Heute sind sie weit stärker erwerbstätig. Gleichzeitig werden viele Arbeiten im Haushalt geteilt oder durch Technologie erleichtert, und die Kinderbetreuung wird teilweise ausgelagert. Exakte Zahlen zu berechnen, ist entsprechend schwer, doch die Tendenz dürfte in die gleiche Richtung zeigen.
Was machen wir mit der gewonnenen Zeit?
Was heisst das nun alles für unsere Zeit, in der die künstliche Intelligenz (KI) den nächsten Technologieschub verspricht? Verschiedene Stimmen aus den USA wecken Erinnerungen an Keynes vor hundert Jahren. Jamie Dimon, CEO der Grossbank JP Morgan, prophezeit unseren Kindern die Dreieinhalbtagewoche. Und der Unternehmer Elon Musk sieht gar den Punkt kommen, an dem «kein Job mehr nötig» sei.
Auch die Enkelkinder von Keynes’ Generation loten also wieder die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Zukunft aus. Der Unterschied: Sie blicken nicht mehr auf ihre Enkelkinder, sondern auf unsere oder auf die nächste Generation. Denn mit KI hat der technologische Wandel Fahrt aufgenommen. Die Geschichte legt nahe, dass sich Produktivitätsgewinne wiederum in weniger Arbeit und in vielen neuen Bedürfnissen niederschlagen werden. Doch wird sich die Geschichte wiederholen?
So hat sich die Arbeitszeit in der Schweiz über das Leben gerechnet bereits stark reduziert – wenn auch nicht im exakten Umfang von Keynes. Beschleunigt KI diesen Prozess weiter, stellt sich vermehrt jene Frage, der sich Keynes im selben Essay ebenfalls widmete: Wie geht der Mensch mit dem Wegfall ökonomischer Notwendigkeiten um? Eine mögliche Antwort darauf soll Gegenstand der nächsten Kolumne sein – pünktlich zum Start der Sommerferien.
Jürg Müller ist Direktor des Think-Tanks Avenir Suisse, ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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