Die entscheidende Frage für 2030 lautet nicht: «Was kann die Technik?», sondern: «Wer wollen wir sein, wenn die Technik uns vieles andere abnimmt?» (Adobe Stock)
Technologie
26.6.2026 | topsoft Fachmagazin
Warum KMU jetzt die richtigen Fragen stellen müssen, statt nur Tools zu kaufen
Viele KMU kaufen KI-Tools, bevor sie wissen, welche Arbeitswelt sie damit schaffen wollen. Genau darin liegt das Risiko: Wer Technologie ohne Haltung einsetzt, beschleunigt nicht die Zukunft, sondern die alten Probleme.
Zwei Drittel der Schweizer Unternehmen haben keine Strategie für die Arbeitswelt von morgen. Nicht, weil ihnen die Zeit fehlt, sondern weil sie die falsche Frage stellen. Während die Technologie rasant voranschreitet, droht der Mensch durch Überforderung auf der Strecke zu bleiben. Neue Tools mit alter Führungskultur, das ist kein New Work, sondern Digitalisierung mit neuem Label. Dieser Unterschied wird 2030 entscheidend sein.
«New Work ist weder Prozess noch Methode. Es ist eine Haltung.»
Frithjof Bergmann hat New Work nicht gedacht, um Büros umzubauen oder Home-Office-Policies einzuführen. Er stellte eine radikalere Frage: Was, wenn Arbeit der Ort wäre, an dem Menschen das tun, was ihnen wirklich wichtig ist? Diese Frage ist 2026 drängender denn je.
Was die Zahlen wirklich sagen: Effizienz und Erschöpfung
Die AXA-KMU-Arbeitsmarktstudie 2025 sowie weitere Studien zur Arbeitswelt 4.0 zeigen ein paradoxes Bild für die Schweiz:
Technologieschub: Der Anteil der KMU, die KI aktiv einsetzen, stieg innerhalb eines Jahres von 22 auf 34 Prozent. 57 Prozent berichten von konkreten Zeitgewinnen.
Stabiler Arbeitsmarkt: Während globale Tech-Konzerne zehntausende Stellen abbauen, bleibt die Lage in Schweizer KMU vergleichsweise stabil. KI wird hier bisher primär genutzt, um die Last des Fachkräftemangels zu bewältigen.
Die Kehrseite: Viele Unternehmen nutzen KI derzeit vor allem, um mehr Output in kürzerer Zeit zu generieren. Das Ergebnis ist dann kein echter Zeitgewinn, sondern chronische kognitive Überlastung und digitaler Stress.
Collaboration und Coworking: Das Gegenmittel zum Silo-Denken
Ein entscheidender Punkt ist in der Schweizer Arbeitswelt noch nicht ausreichend angekommen: echte Kollaboration. Hybrides Arbeiten ist zwar zur Norm geworden, doch viele Unternehmen haben ihre Büros umgebaut, ohne zu fragen, wozu sie eigentlich da sind. Eine «fancy» Einrichtung, gepaart mit altem Kontrollzwang, ist kein Kulturwandel, sondern Innenarchitektur.
Echte Zusammenarbeit und Coworking-Konzepte könnten heute zwei Hauptprobleme lösen:
Digitale Ermüdung: Der Austausch in physischen, kollaborativen Räumen durchbricht die Isolation des Home-Office und die «Zoom-Fatigue».
Silo-Denken: Wenn Abteilungen nur noch digital über Aufgabenlisten kommunizieren, leidet die Innovation. Coworking, ob intern oder extern, fördert das zufällige Zusammentreffen unterschiedlicher Disziplinen.
Ein Modell für die Praxis
Um die Theorie der neuen Arbeitswelt greifbar zu machen, kann Schweizer KMU ein Modell helfen, das die Vorteile von Coworking und KI-Effizienz vereint.
Ein fiktives Szenario: Ein traditionelles Fertigungsunternehmen im Mittelland erkennt, dass tägliches Pendeln und starres Abteilungsdenken die Kreativität bremsen.
Die Lösung: Statt Millionen in einen Glaspalast am Hauptsitz zu investieren, mietet das Unternehmen Kontingente in regionalen Coworking-Spaces an den Wohnorten der Mitarbeitenden.
Der Effekt: Mitarbeitende treffen dort auf Fachfremde, etwa Designer oder IT-Freelancer. Dieser branchenübergreifende Austausch bringt frische Impulse zurück ins Werk.
Die Rolle der KI: KI übernimmt die Koordination der dezentralen Teams und fasst Ergebnisse zusammen, sodass der Informationsfluss trotz räumlicher Freiheit gewährleistet bleibt.
Was KI wirklich verändert und was überrascht
Es geht längst nicht mehr nur um einfache Texte. KI bewirtschaftet heute Lagerbestände autonom, etwa unter Einbezug von Wetterdaten und Lieferantenhistorien. Während einzelne Routineprozesse erhebliche Zeitgewinne ermöglichen, verschiebt sich der Stellenmarkt bereits sichtbar. Besonders betroffen sind Juniorrollen in KI-exponierten Bereichen wie Marketing, Administration, Finanzen und IT. Es trifft damit nicht nur einfache Tätigkeiten, sondern auch Teile der gut ausgebildeten Mittelschicht.
Die Frage ist also nicht mehr, ob Freiräume entstehen. Die Frage lautet, was Menschen mit dieser gewonnenen Zeit tun, ohne im Hamsterrad der «Hyperproduktivität» auszubrennen.
Vier Schritte für Schweizer KMU bis 2030
Strategie zuerst, Software danach: Definieren Sie, wie Ihre Arbeitswelt in drei Jahren aussehen soll. Erst dann wählen Sie die Technologie.
Kollaboration als Struktur: Schaffen Sie Räume für echtes Lernen und echten Austausch. Coworking-Modelle sind keine Hipster-Spielerei, sondern ein Beitrag zur sozialen Resilienz.
Mitarbeitende einbeziehen: KI-Kompetenz braucht psychologische Sicherheit, keine Angst. Lassen Sie Ihr Team die neue Welt mitgestalten.
Führungskultur als Fundament: Kein Tool kompensiert Misstrauen. Führung 2030 bedeutet, Räume für menschliches Potenzial und mentale Regeneration zu schützen.
Fazit
Digitalisierung ist Pflicht, Menschlichkeit die Kür. Wer KI nur als Sparmassnahme oder Beschleuniger begreift, digitalisiert den Stillstand und riskiert die Gesundheit seiner Belegschaft. Wer sie als Hebel für menschliche Begegnung und echte Zusammenarbeit nutzt, schreibt die Regeln seiner Branche neu.
Die entscheidende Frage für 2030 lautet nicht: «Was kann die Technik?», sondern: «Wer wollen wir sein, wenn die Technik uns vieles andere abnimmt?» Die Antwort darauf ist Ihre eigentliche Strategie.
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