Beim Basler Pharmakonzern Novartis dominieren seit längerem die positiven Meldungen. Umso mehr stechen die jüngsten Rückschläge heraus. (Adobe Stock)
Technologie
8.9.2026 | nzz.ch
Novartis erleidet weiteren Rückschlag in der Forschung – der Aktienkurs bricht um über 10 Prozent ein
Ein neuer Wirkstoff von Novartis gegen eine bisher unbehandelbare Muskelerkrankung hat sich in der späten klinischen Entwicklung als Flop erwiesen.
Der Pharmakonzern Novartis eilte in den vergangenen Monaten von Erfolg zu Erfolg. Erst vergangene Woche kletterten die Aktien des Unternehmens dank vielversprechenden Daten zur Erforschung eines neuen Medikaments gegen die Nervenerkrankung multiple Sklerose (MS) auf ein Allzeithoch von über 132 Franken.
Aus der Glückssträhne scheint nun aber eine Pechsträhne geworden zu sein. Nachdem der Aktienkurs des Pharmakonzerns schon am Montag um 3,2 Prozent auf 125.46 Franken gefallen war, kam es am Dienstagmorgen noch heftiger: Die Novartis-Titel verloren über 10 Prozent auf unter 113 Franken.
Enttäuschende Studienergebnisse in zwei Fällen
Auch dieses Mal gaben klinische Studien zu reden. In beiden Fällen fielen die Ergebnisse allerdings ernüchternd aus. Am frühen Dienstagmorgen informierte der Pharmakonzern darüber, dass der Wirkstoff Del-desiran keine signifikante Verbesserung bei der häufigsten vererbten Muskelerkrankung im Erwachsenenalter gezeigt habe. Dabei handelt es sich um die sogenannte myotone Dystrophie Typ 1, für deren Behandlung es laut Novartis trotz jahrzehntelanger Forschungsbemühungen noch immer kein Medikament gibt.
Die Erforschung des Produkts der Basler Pharmafirma war weit fortgeschritten. So wurde Ende Juli die Studie in der abschliessenden Phase 3 der klinischen Entwicklung beendet. Nun zeigte die Auswertung der Daten aber, dass der Wirkstoff im Vergleich mit einem Placebo nicht besser abschnitt.
Die Erwartungen von Analysten an das potenzielle neue Medikament waren zugleich hoch gewesen, was sich in der heftigen Kursreaktion spiegelt. So hatten Analysten der US-Investmentbank Morgan Stanley damit gerechnet, dass es Novartis einen jährlichen Umsatz von bis zu 3 Milliarden Dollar verschaffen könnte.
Der Rückschlag weckt auch Zweifel, ob Novartis für die grösste Akquisition in der Firmengeschichte zu viel bezahlt hat. Der Wirkstoff gelangte zusammen mit zwei verwandten Produkten im vergangenen Februar im Rahmen der Übernahme des US-Biotechnologieunternehmens Avidity Biosciences in den Besitz des Basler Pharmakonzerns. Novartis liess sich den Zukauf 12 Milliarden Dollar kosten.
Misserfolg bei der Prävention von Herz-Kreislauf-Krankheiten
Der zweite Misserfolg betrifft den Wirkstoff Pelacarsen, der zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt werden sollte. Wie am späten vergangenen Freitagabend bekannt wurde, zeigte sich auch dieser in einer Studie der Phase 3 gegenüber einem Placebo als nicht überlegen.
Im Zentrum dieser Therapie stand die Senkung des sogenannten Lipoproteins(a), kurz Lp(a). Es ist bei erhöhten Werten dafür bekannt, zur Bildung von unerwünschter Plaque und zu Entzündungen in den Arterien beizutragen. Laut Novartis leiden rund 20 Prozent der Weltbevölkerung unter einem erhöhten Lp(a)-Spiegel. Bei Personen, die bereits eine Herz-Kreislauf-Erkrankung durchgemacht hätten, seien es sogar fast 33 Prozent.
«Pelacarsen funktioniert nicht», kommentierten Analysten der Zürcher Kantonalbank (ZKB) das enttäuschende Resultat am Montag. Die Marktbeobachter des Finanzinstituts hatten mit einem Spitzenumsatz von 1,3 Milliarden Dollar gerechnet. In einer ähnlichen Grössenordnung bewegte sich mit 1,5 Milliarden Dollar die Schätzung von Morgan Stanley.
Obschon der Wirkstoff damit das Potenzial für einen sogenannten Blockbuster mit jährlichen Verkäufen von mindestens 1 Milliarde Dollar besass, gibt es in der Pharmabranche weit umsatzstärkere Produkte. Die Analysten von Morgan Stanley äusserten sich denn auch überzeugt davon, dass für Novartis der Rückschlag bei der Entwicklung dieses Medikaments «verkraftbar» sei. Wie sie ebenfalls anmerkten, hätte Novartis auch nicht allein von den Einnahmen profitiert. Der Konzern wäre verpflichtet gewesen, sie mit dem kalifornischen Partnerunternehmen Ionis Pharmaceuticals zu teilen.
Vielversprechendes neues Medikament gegen MS
Als deutlich bedeutsamer stufen die Marktbeobachter von Morgan Stanley den neuen Wirkstoff Remibrutinib ein, den Novartis zur Behandlung von MS auf den Markt zu bringen hofft. Er befindet sich ebenfalls in der abschliessenden Phase 3 der klinischen Entwicklung und schnitt jüngst gleich in zwei Studien vielversprechend ab. Laut der Investmentbank könnte er dem Basler Pharmakonzern zwischen 3 und 5 Milliarden Dollar pro Jahr einbringen. Und in diesem Fall hätte er die Einnahmen für sich allein.
Anders als viele andere Medikamente gegen MS, die gespritzt werden, ist Remibrutinib als Tablette erhältlich. Die orale Einnahme wird von vielen Patienten bevorzugt. Zurzeit entfallen vom Gesamtmarkt, dessen Volumen im Bereich der Behandlung von MS bei rund 20 Milliarden Dollar liegt, erst ungefähr 30 Prozent auf Tabletten. Nach Einschätzung der Analysten der ZKB dürfte der Anteil dank neuen oralen Therapien künftig aber auf bis zu 55 Prozent steigen.
In derselben Wirkstoffklasse wie Novartis entwickelt auch Roche ein neues Medikament gegen MS. Die Branchenexperten von Morgan Stanley sind bei diesem Produkt aber skeptischer gestimmt. Der Wirkstoff Fenebrutinib von Roche habe zwar eine hohe Wirksamkeit gezeigt, doch gebe es Bedenken bei der Sicherheit. Analysten der Bank Vontobel hoben im Fall der jüngsten Studienergebnisse zum Produkt von Novartis hervor, dass sich die Resultate interessant lesen würden, insbesondere, dass es keine Signale für Vergiftungen der Leber gebe.
Mehr Kaufempfehlungen für Roche-Partizipationsscheine
Die Aktien von Novartis haben trotz den jüngsten empfindlichen Verlusten in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 50 Prozent zugelegt. Die Partizipationsscheine von Roche avancierten im selben Zeitraum um lediglich 2,5 Prozent auf gut 350 Franken. Sie befinden sich damit noch immer ein Stück weit unter dem Höchst von 404.20 Franken, das sie im Jahr 2022 gegen Ende der Coronavirus-Pandemie erreicht hatten.
Mittlerweile scheinen viele Marktbeobachter trotz der eher skeptischen Einschätzung bei Fenebrutinib der Auffassung zu sein, dass Roche an der Börse mehr Potenzial besitzt als Novartis. Laut der Datenbank von Bloomberg raten 54 Prozent der Analysten, die Roche abdecken, zum Kauf der Partizipationsscheine. Im Fall der Novartis-Titel weisen die Kaufempfehlungen nur noch einen Anteil von 36 Prozent auf. Angesichts der jüngsten Rückschläge in der Forschung könnten weitere Marktbeobachter auf Distanz zu Novartis gehen.
Dominik Feldges, «Neue Zürcher Zeitung»
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