Thomas Binggeli: «Etwas aufbauen ist ein Marathon, kein Sprint»
Die besten Ideen kommen Thomas Binggeli auf dem Velo, Sitzungen hält er am liebsten im Sattel ab. Mit 52 ist der Thömus-Gründer noch täglich unterwegs, denkt aber bereits über die Nachfolge nach. Ein Gespräch in Oberried über eine Firma, die seinen Spitznamen trägt.
Als Teenager benannte Thomas Binggeli seine erste Werkstatt kurzerhand nach sich selbst: «Thömus Veloshop». Der Name ist geblieben, auch 35 Jahre später: Heute steht «Thömus» für hochwertige Schweizer Velos, 19 Standorte und mehr als 280 Mitarbeitende. Binggeli selbst ist nach wie vor einer der bekanntesten Botschafter seiner Marke. Mit seinem Engagement im Spitzensport, der Beteiligung am Veloverleih Publibike und dem Swiss Bike Park in Oberried will er Menschen für das Velo begeistern. Zugleich muss er Unternehmer bleiben und die Firma erfolgreich in die Zukunft führen.
Thomas Binggeli, empfinden Sie Stolz, wenn Sie auf Ihre unternehmerische Laufbahn zurückblicken?
Ich spüre grosse Dankbarkeit und eine enorme Motivation, unser Unternehmen in die Zukunft zu führen. Stolz bin ich auf unsere jungen Mitarbeitenden: Wir haben derzeit über 40 Lernende im Betrieb, die schon früh mit unserer Kultur in Berührung kommen. Es ist schön, zu sehen, wie engagiert die jungen Menschen sind. Das erinnert mich immer daran, wie auch bei mir alles anfing.
Während Ihre Eltern in den Ferien waren, verkauften Sie eigenmächtig deren Schafe und richteten im frei gewordenen Stall Ihren ersten Veloshop ein. Klingt diese Geschichte nicht fast zu gut, um wahr zu sein?
Ja, die Geschichte ist mittlerweile legendär. Aber es stimmt. Ich hatte eine wahnsinnig schöne Kindheit hier auf dem Land, und uns waren keine Grenzen gesetzt. Ich war oft stundenlang im Wald, habe geholzt, auf dem Bauernhof geholfen, solche Dinge. Sie sehen ja selbst, wie abgelegen wir hier sind, also war ich auch ständig mit dem Velo unterwegs. Diese Liebe zum Rad hat mich geprägt, und ich war handwerklich geschickt, also begann ich schon als Bub, Velos zu flicken und wieder zu verkaufen. Ich war nicht der beste Schüler, aber ich hatte viele Ideen. Und so eröffnete ich noch während meiner Lehre als Bauspengler ein eigenes Unternehmen. Bald hatte ich mehr Mitarbeiter als jene Firma, in der ich die Lehre absolvierte.
Welche Vision hatten Sie damals?
Ich hatte nie irgendwelche beruflichen Träume, die ich unbedingt erreichen wollte. Ich machte einfach, durfte auch Fehler begehen, probierte und korrigierte, wollte jeden Tag etwas lernen. Es gab keinen Masterplan, sondern einfach die tiefe Überzeugung, dass es schon richtig ist, was ich da aufbaue. Es war viel Mut im Spiel, die Grenze zum Übermut liegt nahe, aber wenn man es nicht versucht, weiss man nie, was hätte sein können.
Was würden Sie heute Ihrem 20-jährigen Ich sagen?
Es kommt gut, weiter so, glaube an dich und an deine Ideen. Und vor allem: Mach das, was du machst, mit Freude und mit Leidenschaft. Dann stehst du jeden Tag motiviert auf und siehst die positiven Dinge in deiner Arbeit. Wissen Sie, es war logischerweise nicht immer alles toll, man muss auch beissen können und Durchhaltewillen zeigen. Und was ich heute natürlich besser weiss als damals: Etwas aufzubauen ist ein Marathon, kein Sprint. Das bedeutet: Geduld haben, Fehler korrigieren, sich auf andere verlassen, auch einmal delegieren und nicht alles selbst bestimmen wollen.
Wo merken Sie am stärksten, dass Sie heute 52 sind und nicht mehr 25?
Ich bin immer noch jeden Tag auf dem Velo, das ist mir wichtig. Ich kann problemlos stundenlang unterwegs sein, halte auch viele Sitzungen auf dem Velo ab, dort kommen mir die besten Ideen. Die Erholungszeit ist heute etwas länger, die sportliche Risikobereitschaft hat abgenommen, dafür bin ich erfahrener und weiss besser, was mir guttut. Ich finde immer noch das Kind in mir, breche aus, bin für jeden Seich zu haben. Und der ständige Austausch mit Menschen hält mich jung.
Sie sind ein glänzender Verkäufer. Wer Ihnen länger zuhört, würde am liebsten gleich drei Velos mitnehmen …
… das ist eine ausgezeichnete Idee (lacht). Ein besonders begeisterter Kunde hat vier, fünf Velos, und die beste Aussage ist: «Es ist immer genau eines zu wenig!» Wir bedienen verschiedene Segmente: Alltag, Sport sowie Freizeit und Tourismus. Besonders der Sportbereich ist ein riesiger Trend. Bei Gravelbikes gehen mittlerweile 50 Prozent der Verkäufe an Frauen. Manchmal höre ich, dass Velos teuer geworden sind. Wenn man jedoch bedenkt, wie lange man ein gutes Velo fahren kann, ist es eine sehr sinnvolle Investition. Es soll ja auch Spass machen.
Welche Momente waren in 35 Jahren «Thömus» entscheidend?
Da gibt es natürlich viele. Was alle verbindet: Wir haben Projekte gemeinsam entwickelt und lanciert, ich habe mich nie alleine in der Stube versteckt und irgendwas ausgeheckt. Als wir damals den «Stromer» entwickelten, also ein E-Bike mit einem deutlich attraktiveren und moderneren Auftritt, halfen viele Menschen mit. Gerade bei solchen Projekten braucht es unterschiedliche Erfahrungen. Ich habe immer versucht, mich mit Personen zu umgeben, die mich weiterbringen. Der damalige Swisscom-CEO Carsten Schloter oder der Industriemanager Ernst Thomke sind nur zwei Beispiele von Menschen, die auf unserem Weg sehr wertvoll waren. Was uns auch immer wichtig war: die Komplexität reduzieren. Und als Marke für etwas stehen, was der Kunde schätzt und unbedingt möchte. Wir sind immer nahe bei den Menschen geblieben. Das sehen Sie ja auch hier in unserem Swiss Bike Park in Oberried.
Sie gelten als Bauchmensch. Wie zeigt sich das in der Führung Ihres Unternehmens?
Ganz ehrlich: Jeder kann einen funktionierenden Businessplan schreiben, heute macht das die KI in zehn Sekunden, wenn man sie mit Informationen füttert. Selbstverständlich ist das wichtig. Am Ende aber sind es die Menschen, die zählen, es sind die Menschen, die entscheiden, es sind die Menschen, die an das Produkt glauben müssen. Sowohl bei uns als auch bei der Kundschaft. Ich denke, dass ich zu 90 Prozent aus dem Bauch heraus entscheide und führe. Und was auch klar ist: Wenn man sich auskennt und weiss, was man macht, und sich so perfekt wie möglich vorbereitet, gibt das dem Bauch ein gutes Gefühl.
«Ich denke, dass ich zu 90 Prozent aus dem Bauch heraus entscheide und führe.»
Im Herbst 2024 übernahm die Thömus AG von der Migros die Fachhandelskette «Bike World» mit zwölf Filialen. Was sagte Ihnen damals Ihr Bauchgefühl?
Let’s go! Wir hatten uns im Markt etabliert und uns einen Namen erarbeitet, gleichzeitig ist das Umfeld hart umkämpft und von starken Mitbewerbern geprägt. In diesem Kontext kann Grösse ein Vorteil sein. Für uns war es eine klassische Entweder-oder-Entscheidung, und wir hatten das Gefühl, für diesen Schritt bereit zu sein. Sicher geholfen hat uns, dass wir die Komplexität in einigen Bereichen reduzieren konnten, nahe an Partnern wie Shimano sind, im Direktverkauf Erfahrung aufgebaut haben und über eine eigene Produktion verfügen. Ich meine, dass wir heute gute Qualität in einem angenehmen Umfeld bieten und uns trotz des Wachstums eine familiäre Kultur erhalten konnten. Mittlerweile beschäftigen wir mehr als 280 Mitarbeitende. Gleichzeitig dürfen wir uns nicht zurücklehnen, aber manchmal geht mir die Entwicklung fast etwas zu schnell. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Radmarkt in Zukunft noch weiter wachsen wird.
Weshalb sind Sie davon überzeugt?
Die Entwicklung und meine Erfahrung. Das Rad ist eine der genialsten Erfindungen der Geschichte. Viele Menschen können Velo fahren, unabhängig von Alter oder körperlichen Voraussetzungen. Und durch das E-Bike sind weitere faszinierende Facetten hinzugekommen. Auch der soziale Aspekt hat an Bedeutung gewonnen: Familien und Paare können gemeinsam unterwegs sein, jeder in seinem eigenen Tempo. Gleichzeitig werden auch weite Distanzen möglich, ohne dass man völlig verschwitzt ankommt. Man ist schnell im Büro, schnell in der Natur und kann Regionen perfekt erkunden. Hinzu kommt der gesundheitliche Aspekt: Man bewegt sich und muss nicht extra in ein Fitnesscenter, um etwas für den Körper zu tun. Longevity ist ein Thema, das uns in Zukunft noch viel stärker beschäftigen wird. E-Bikes fördern Mobilität und Bewegung im Alltag und können so dazu beitragen, dass viele Menschen länger aktiv und gesund unterwegs bleiben.
Was sind derzeit die wichtigsten Herausforderungen für Ihr Unternehmen?
Wir sind stark gewachsen und dürfen unsere Agilität nicht verlieren. Unsere DNA ist, dass wir mit Herzblut dabei sind, und je grösser wir werden, desto mehr Menschen müssen das verinnerlichen. Das geht manchmal nicht von heute auf morgen. Die KI wird für extreme Umwälzungen sorgen, aber für uns wird der persönliche Kontakt immer entscheidend sein. Wer bei uns einkauft, muss den besten Service und die perfekte Beratung erhalten. Das ist unser Anspruch, und den dürfen wir selbstbewusst vertreten.
Wie gehen Sie mit Kritik und Widerstand um?
Ich habe einen breiten Rücken, bin keine Mimose, und ich akzeptiere Kritik. Neid muss man sich sowieso erst einmal erarbeiten. Ich habe oft Kritik erlebt, etwa beim Publibike-Kauf in Bern. Es gab breiten Widerstand gegen die Umzonung hier in Oberried, damit wir unseren Bike Park bauen konnten. Im Dialog fanden wir schliesslich eine Lösung, die von allen Seiten getragen wurde. Ich bin, wie ich bin: authentisch und als Thömu erkennbar. Gleichzeitig bin ich aber immer offen für Diskussionen. Mein Vorteil ist, dass ich Menschen gerne habe und gerne mit Menschen zusammen bin. Dass man in so einem langen Unternehmerleben nicht nur Freunde sammelt, ist aber auch nachvollziehbar.
Wie wichtig ist Ihnen das Bild, das die Öffentlichkeit von Ihnen hat?
Ich kann es nur bedingt beeinflussen oder korrigieren. Ich habe schon früh realisiert, dass man zu viel Energie verbraucht, wenn man es allen recht machen will. Und man muss sich und seine Art so nehmen, wie es ist. Ich bin beispielsweise sehr gut im Hier und Jetzt, ich kann Leute begeistern und gehe Risiken ein. Aber ich bin kein klassischer Manager und kenne meine Schwächen. Ich bin ein schlechter Projektleiter, weil ich das grosse Bild im Blick habe, also muss ich dafür sorgen, dass in jenen Bereichen, in denen ich nicht so talentiert bin, die besten Leute sind. Es geht also darum, die eigenen Grenzen zu kennen.
Was bedeutet es konkret, die eigenen Grenzen zu kennen?
Bei uns dreht sich alles um das Velo, dort liegt unsere Expertise. Ich würde jetzt nicht auf die Idee kommen, in anderen Bereichen etwas auf die Beine stellen zu wollen. Aber rund ums Rad haben wir einiges aufgebaut, auch im Spitzensport, weil wir mit viel Hingabe und Lust arbeiten. Unser Fokus liegt auf der Schweiz, hier kennen wir uns aus. Wir werden nie ein Weltkonzern sein. Ich bin ehrgeizig, habe aber gelernt, die eigenen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen. Wir wachsen in unserem Markt so gut wie möglich, ohne uns dabei zu überschätzen. Gleichzeitig lerne ich, Verantwortung abzugeben, weil ich mit über 50 Jahren weiss, dass ich nicht mehr Jahrzehnte an der Spitze des Unternehmens stehen werde.
Sie fahren noch immer jeden Tag Velo. Was tun Sie sonst, um fit für den Alltag zu sein?
Ich lebe bestimmt nicht perfekt. Das Thema Resilienz ist mir aber wichtig. Ich versuche, genügend Schlaf zu bekommen, sieben bis acht Stunden pro Nacht, was mir nicht immer gelingt. Ab und zu lege ich deshalb ein kurzes Mittagsnickerchen ein. Vermutlich ist meine Ernährung ganz okay, aber Geselligkeit ist mir wichtiger als strikte Disziplin. Ich bin ein Genussmensch. Das muss sein, das ist mir wichtig, weil ich es liebe, unter Menschen zu sein. Und eben: Die Stunden auf dem Velo sind unbezahlbar. Kürzlich bin ich von Oberried nach Colmar gefahren, zuerst allein und später über weite Strecken gemeinsam mit meiner Partnerin. Das gibt mir sehr viel. Es ist wie ein Boost für mich, in der Natur zu sein und aus dem Hamsterrad auszubrechen.
Wo steht «Thömus» in zehn Jahren?
Da werde ich 62 Jahre alt sein … Die KI wird unser Leben komplett verändert haben. Wie gesagt: Ich bin keiner, der zu weit in die Zukunft blickt. Die Gegenwart ist spannend genug, sie ist herausfordernd auf allen Ebenen. Mir ist klar, dass ich die Verantwortung für den Betrieb Schritt für Schritt abgeben werde, aber das hat noch ein wenig Zeit. Wir wollen unser Profil als relevanter, innovativer und kompetenter Veloproduzent schärfen und damit stärken. Für mich ist es immer noch der schönste Moment, wenn ein Kunde nach professioneller Beratung in einem unserer Geschäfte strahlend mit einem neuen Fahrrad hinausläuft. Wir haben Schweizer Velogeschichte geschrieben, und das möchten wir weiterhin tun, übrigens auch im Spitzensport, etwa mit unseren Mountainbike-Teams. Und was mir persönlich wichtig ist: Positivität und Begeisterung. Nicht immer jammern: Die Schweiz ist ein tolles Land mit einer hervorragenden Infrastruktur, grosser Innovationskraft, Rechtssicherheit und vielen weiteren Möglichkeiten.
Warum heisst das Unternehmen eigentlich «Thömus»?
Wir haben es einfach nie geändert. Als Jugendlicher nannte ich mein erstes Geschäft «Thömus Veloshop». Man hätte das natürlich mit einem Fantasienamen anpassen können, aber irgendwann war die Marke etabliert, ich bin das Gesicht hinter der Marke. Warum hätten wir etwas korrigieren sollen, das erfolgreich war?
Zur Person
Thomas Binggeli, 52, gründete noch als Lehrling auf dem Bauernhof seiner Eltern eine Velowerkstatt. 1998 lancierte er die Eigenmarke «Thömus», später entwickelte er das E-Bike «Stromer». Nach der Übernahme der «Bike World»-Filialen beschäftigt sein Unternehmen mehr als 280 Mitarbeitende. Binggeli ist zudem Initiant des kostenlosen Swiss Bike Parks in Oberried und engagiert sich im Mountainbike-Spitzensport. Er lebt in Oberried und hat drei Töchter.
Der Autor: Fabian Ruch arbeitet als Journalist, hat das Frauen-Sportmagazin «Sportlerin» gegründet und einen Fussball-Podcast (Anderi Liga 2.0).
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