Die Pensionskasse Tellco PK hat ihren Sitz in Schwyz. (Adobe Stock)
Finanzen
10.4.2026 | nzz.ch
Wirbel um die Pensionskasse Tellco PK – das Einschreiten der Aufsicht ist ein Alarmzeichen
Die Suspendierung des Stiftungsrats bei der Tellco PK wirft ein Schlaglicht auf den öffentlich wenig bekannten Bereich der Sammelstiftungen. Dort liegen drei Viertel der Gelder der aktiven Versicherten in der beruflichen Vorsorge.
Der Stiftungsrat ist das oberste Führungsorgan einer Pensionskasse – doch bei der Tellco PK ist er suspendiert. Die Zentralschweizer BVG- und Stiftungsaufsicht (ZBSA) hat bei der Sammelstiftung mit sofortiger Wirkung das Beratungsunternehmen WTW, früher als Willis Towers Watson bekannt, als amtliche Verwalterin installiert.
Das Vorgehen der Aufsicht ist ein drastischer Schritt. Die Einsetzung einer amtlichen Verwaltung bei einer grossen Sammeleinrichtung sei sehr selten, teilt Barbara Reichlin Radtke, Geschäftsleiterin der Zentralschweizer BVG- und Stiftungsaufsicht, auf Anfrage mit: «Bei der ZBSA ist dies zum ersten Mal der Fall.» Zu den konkreten Umständen des laufenden Verfahrens könne sie aufgrund des Amtsgeheimnisses keine weiteren Angaben machen.
«Wenn so etwas passiert, muss einiges vorgefallen sein», sagt Willi Thurnherr, Pensionsversicherungsexperte bei Thurnherr Consulting. Er wertet das Vorgehen der Stiftungsaufsicht als «Alarmzeichen».
«Anhaltende Meinungsverschiedenheiten» im Stiftungsrat
Als Gründe für den Schritt der Aufsicht gibt Tellco PK in einer Mitteilung «anhaltende Meinungsverschiedenheiten im Stiftungsrat der Tellco PK» an. Diese hätten eine ordnungsgemässe Führung der Vorsorgeeinrichtung verunmöglicht. Die Massnahme sei nicht finanziell begründet. WTW habe jetzt unter anderem die Aufgabe, «stabile und nachhaltige Entscheidungsprozesse im Stiftungsrat wiederherzustellen».
Auch die mit der Kommunikation für Tellco PK betraute PR-Agentur machte keine näheren Angaben. Anschliessend an die Tätigkeit von WTW werde bei der Tellco PK wieder ein Stiftungsrat eingesetzt, teilte eine Sprecherin mit.
Thurnherr weist indessen auf das «verschachtelte, komplizierte Firmenkonstrukt» von Tellco hin. Auf der Website des Unternehmens finden sich neben der Tellco PK auch private Vorsorgelösungen für die Säule 3a, ein Freizügigkeitskonto und Anlagefonds sowie die Tellco Bank AG mit Dienstleistungen im Asset-Management und im Private Banking sowie der Finanzierung von Wohneigentum. Hinzu kommt die Tellco Immobilien AG, die Dienstleistungen «von der Akquisition und Entwicklung bis hin zur Vermarktung» von Immobilien anbietet.
Hinterer Platz im Pensionskassenvergleich
Laut einem in der «Sonntags-Zeitung» erschienenen Pensionskassenvergleich des Vermögensverwalters und Versicherungsbrokers Weibel Hess & Partner, auf den eine Präsentation von Thurnherr und dem Beratungsunternehmen c-Alm verweist, hat die Sammelstiftung Tellco PK Pro die Gelder ihrer Versicherten im Zeitraum 2020 bis 2024 mit durchschnittlich 1,45 Prozent pro Jahr verzinst und landet damit in dem Vergleich auf einem hinteren Platz. Die Sammelstiftungen Profond, Ascaro und Copré weisen hier auf den ersten Plätzen Werte von 4,49 Prozent, 3,7 Prozent und 3,35 Prozent auf.
Bei den Kosten für die Vermögensverwaltung liegt Tellco PK Pro indessen mit einer Total-Expense-Ratio von 0,89 Prozent für das Jahr 2024 im Vergleich weit vorne.
Sammelstiftungen haben an Bedeutung gewonnen
Der Fall der Pensionskasse Tellco PK rückt unweigerlich den Sektor der Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen (SGE) ins Rampenlicht. Diese haben in der beruflichen Vorsorge der Schweiz in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen.
Laut dem Pensionskassenverband Asip war 2022 in der Schweiz mit knapp 74 Prozent beziehungsweise 3,4 Millionen Personen die grosse Mehrheit der aktiven Versicherten in einer der 233 Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen versichert.
Die gestiegene Bedeutung der SGE kommt daher, dass viele Arbeitgeber die berufliche Vorsorge in den vergangenen Jahren an sie ausgelagert haben. Sie haben eigene Vorsorgeeinrichtungen zugemacht und sich Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen angeschlossen.
Laut «Soziale Sicherheit», einer Online-Publikation des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV), ist die Zahl der aktiven Vorsorgeeinrichtungen in der Schweiz von 6151 im Jahr 1987 auf 1320 im Jahr 2023 zurückgegangen. Als Gründe für die Entwicklung gelten unter anderem die wachsende Komplexität und die steigende Regulierungslast in der beruflichen Vorsorge. Eine Pensionskasse braucht eine gewisse Grösse, damit sich ihr eigenständiger Betrieb angesichts der Fixkosten lohnt. Bei firmeneigenen Pensionskassen dürfte auch die Demografie ein Faktor sein – werden wichtige Pensionskassen-Verantwortliche pensioniert, stellt sich oft die Frage, ob sich überhaupt Nachfolger finden oder ob man die Vorsorge an eine SGE gibt. Da Pensionskassen-Stiftungsräte mit dem eigenen Vermögen haften, sind auch nicht alle potenziellen Kandidaten begeistert von dieser Aufgabe.
Zudem ist der Betrieb einer eigenen Pensionskasse ein gewisses Risiko für ein Unternehmen – so besteht die Gefahr, dass eine Vorsorgeeinrichtung finanziell saniert werden muss, wenn es beispielsweise an der Börse stürmt und der Deckungsgrad in den Keller rauscht. Viele Firmen möchten diese Gefahr gerne umgehen.
Jedenfalls hat die Entwicklung den Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen innerhalb weniger Jahre einen phänomenalen Aufstieg ermöglicht. «Dabei kommen Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen im BVG-Gesetz fast nicht vor», sagt Thurnherr. Ein Nachteil dieser Einrichtungen sei, «dass hier kein einzelner Arbeitgeber schaut». SGE seien oftmals viel komplexer als firmeneigene Pensionskassen.
Indessen hat die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) ein Auge auf den Sektor geworfen. Die zunehmende Bedeutung von Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen gehe mit Chancen einher, beispielsweise einer starken Professionalisierung, Digitalisierung und allgemeiner Innovationskraft, sagt Nina Lerch, Leiterin Zentrale Dienste bei der OAK BV. Andererseits könnten zusätzliche Risiken entstehen. Dazu zählten eine erhöhte Komplexität in der Steuerung sowie potenzielle Interessenkonflikte zwischen den teilweise gewinnorientierten Betreibergesellschaften und den Interessen der Versicherten.
«Bei Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen werden häufig mehrere Funktionen innerhalb derselben gewinnorientierten Unternehmensgruppe gebündelt, etwa Geschäftsführung, Vermögensverwaltung und Beratung, teilweise unter Einbezug externer Dienstleister», sagt Lerch.
«Interessenkonflikte können etwa entstehen, wenn wirtschaftliche Interessen von Dienstleistern nicht mit jenen der Versicherten übereinstimmen, beispielsweise bei der Vergabe von Mandaten oder der Festlegung von Gebühren», sagt sie. Die OAK BV plane, in diesem Bereich vertiefte Analysen zu machen.
Der Berner Vorsorgespezialist Werner C. Hug warnt indessen vor einer Überregulierung des Sektors. Das Ziel dürfe nicht sein, aus den Sammeleinrichtungen Versicherungsgesellschaften zu machen. Es gebe in dem Sektor wohl ein paar schwarze Schafe, und es sei wichtig, dass die Aufsicht hier einschreite. Allerdings arbeiteten die meisten SGE aus seiner Sicht konform.
«Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen sind organisatorisch anspruchsvolle Strukturen, weil sie zahlreiche Arbeitgeber und unterschiedliche Interessen bündeln», sagt derweil Nico Fiore, Geschäftsführer von Inter-Pension, dem Verband der unabhängigen Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen. Gerade diese Struktur ermögliche aber vielen KMU überhaupt erst den Zugang zu einer professionellen beruflichen Vorsorge. Die grosse Mehrheit dieser Einrichtungen funktioniere sehr stabil.
Der Fall Tellco PK sei kein Hinweis auf ein strukturelles Problem des Sektors. «Solche Eingriffe sind seltene Ausnahmemassnahmen», sagt Fiore. Dass sie vorgesehen seien und gelegentlich angewendet würden, zeige gerade, dass das System über funktionierende Sicherungsmechanismen verfüge.
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