Finanzplatz Zürich: Banken investieren trotz Kritik am Standort massiv
Finanzen
18.10.2026 | nzz.ch
Von wegen Exodus: Die Banken hassen Zürich, aber investieren trotzdem massiv
Vontobel und Cembra lösen keine Flucht von Banken aus der Stadt Zürich aus. Im Gegenteil, sie investieren Hunderte Millionen in den Standort, obwohl sie mit den Rahmenbedingungen hadern.
Der angekündigte Wegzug von Vontobel und Cembra aus der Stadt Zürich war ein Schock: Zwei bedeutende Banken und fast 1900 Arbeitsplätze verlassen die Limmatstadt und werden neu in Baar und Baden zu Hause sein. Für die Kritiker Zürichs ist der Fall klar: Hohe Steuern, restriktive Bauvorschriften und linke Autohasser im Stadtparlament haben die Banken vertrieben. Vontobel und Cembra waren die Vorboten eines Exodus aus der rot-grünen Steuerhölle.
Mit der Realität hat das wenig zu tun. Eine Umfrage bei den Standortförderungen der angrenzenden Kantone liefert keine Hinweise darauf, dass weitere Zürcher Banken das Weite suchen. «Für Baden war Cembra ein Volltreffer», sagt Thomas Lütolf, Leiter der Kontaktstelle Wirtschaft der Stadt Baden. Der Zuzug sei von langer Hand geplant und von den Behörden tatkräftig unterstützt worden. Dass ein so grosses Finanzunternehmen komme, sei neu für Baden. Gemäss Lütolf sind in den letzten Jahren nicht vermehrt Firmen aus Zürich hergezogen.
Schmerzgrenze ist hoch
Der Abgang von gleich zwei Banken war wohl Zufall. Die Steuerfrage sei zweifellos wichtig, «matchentscheidend» sei sie aber nicht. Das sagt Christian Bretscher, der Präsident des Zürcher Bankenverbands. «Die Schmerzgrenze der Banken ist hoch», glaubt er. Tatsächlich gehört Zürich mit einem Gesamtsteuersatz von fast 20 Prozent zu den teuersten Standorten des Landes, weit vor Baden (rund 15 Prozent) oder Zug (12). Mit hohen Steuern lerne man aber leben, sagt Bretscher.
Doch wachse eine Bank und könne sie nicht mehr ausbauen, dann werde die Schmerzgrenze überschritten. Dieses Problem trifft die grossen Institute stärker als die kleineren, weil sie einen höheren Platzbedarf haben. Für den Finanzplatz sei der Wegzug von Vontobel und Cembra deshalb aber «kein Alarmsignal», glaubt der Bankenvertreter. Wobei für Bretscher auch die Kantone Zug und Schwyz zum Einzugsgebiet des Zürcher Finanzplatzes gehören. «Im Gegenteil, die Banken investieren weiter massiv in ihr Wachstum», sagt er.
Trotz aller Kritik an der Politik investieren die Zürcher Banken enorme Summen in die Stadt. So die UBS, die mit rund 24 000 Stellen die mit Abstand grösste Arbeitgeberin auf dem Finanzplatz ist und ein Drittel aller Bankjobs stellt. Wegen des Kapitalstreits steht die UBS derzeit zusätzlich unter politischem Druck aus Bern. Sogar ein Wegzug der Grossbank ins Ausland wird immer wieder ins Spiel gebracht.
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Trotz politischem Gegenwind will die UBS am Paradeplatz ab 2027 einen neuen Campus errichten.Visualisierung Herzog & de Meuron
Riesenprojekte in der Pipeline
Das hält sie offenbar nicht davon ab, in der Stadt einen Totalumbau mehrerer Immobilien zu planen. Ab 2027 soll am Paradeplatz ein Campus für 4000 Mitarbeitende entstehen, inklusive Edelrestaurants und Luxusboutiquen. Die Arbeiten leitet das renommierte Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron, und sie umfassen zwei Immobilien am Paradeplatz (darunter die historische CS-Zentrale) sowie zwei an der Bärengasse und dem Bärenhof.
Überdies zügelt die UBS ihr Tochterunternehmen Bank Now per 1. Dezember von Horgen nach Altstetten in der Stadt Zürich, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete.
Die UBS will sich auf Anfrage nicht zu den Projektkosten äussern. Einen Anhaltspunkt gibt die Sanierung des ZKB-Hauptsitzes an der Bahnhofstrasse: Diese hatte 2015 mehr als 200 Millionen Franken verschlungen.
Nicht geringer dürften die geplanten Investitionen der Bank Julius Bär ausfallen, der zweitgrössten Zürcher Privatbank. Diese will an ihrem bestehenden grössten Standort beim Bahnhof Altstetten ein Hochhaus und vier weitere Gebäude ausbauen. Die Zahl der Mitarbeitenden soll sich von heute rund 3000 auf 6000 im Jahr 2040 verdoppeln. Die Bank verstehe sich als Teil der Stadt, deshalb möchte sie auch künftig vom Standort Altstetten aus geschäften, schreibt Julius Bär.
Ob sie mit dem Vorhaben durchkommt, ist offen. Der «Masterplan» für die Standortentwicklung wurde im Juni zwar von der Stadt bewilligt. Der Gestaltungsplan kommt nächstes Jahr aber vor das linksdominierte Stadtparlament.
Kritisch wird es, wenn eine Bank mehr Raum braucht, wie Julius Bär. «Sollte der Gemeinderat dem Projekt nicht zustimmen, hat die nächste Bank ein Problem», sagt Bretscher. Julius Bär will deshalb erst bei Vorliegen des Gestaltungsplans über die Umsetzung des Projekts entscheiden.
Nicht nur grosse Banken gehen das Risiko städtischen Bauens ein. Auch kleinere wie Maerki Baumann oder LGT expandieren. Während Maerki Baumann den Hauptsitz an der Dreikönigsstrasse vollständig umbaut, ist LGT letztes Jahr in neue Büroräumlichkeiten für 729 Mitarbeitende umgezogen. Die Liechtensteiner schätzen die «attraktiven Rahmenbedingungen», der Schritt unterstreiche ein «langfristiges Bekenntnis zum Standort Zürich».
Zürich ist auch für Fintechs ein Magnet. Die britische Revolut will 150 Millionen Franken in zusätzliches Personal investieren, um eine Banklizenz zu erlangen und als Schweizer Bank operieren zu können. Und die Schweizer Konkurrentin Yuh ist daran, von Gland (VD) an die Josefstrasse zu ziehen. Zürich liege in der strategisch wichtigen Deutschschweiz, dadurch sei man näher am Zürcher Finanz- und Tech-Cluster, sagt eine Sprecherin. Auch das HSG-Spin-off Finpact hat sich für Zürich als neuen Sitz entschieden.
Umziehen ist Glückssache
Für den Verbandspräsidenten Bretscher ist klar: «Der Grossraum Zürich bleibt mit Abstand der attraktivste Standort für Banken in der Schweiz.» Und obwohl sich viele Banker beklagen, bleiben sie freiwillig. Manche tun es auch weniger freiwillig. So die älteste Bank der Stadt, Rahn + Bodmer. «Auch wir haben eine Schmerzgrenze», sagt Simon Rahn, Partner bei der Privatbank. Wegen der Verbundenheit und der zahlreichen Kundschaft aus Zürich sei diese aber um einiges höher als bei anderen Firmen.
Rahn + Bodmer hat es jüngst geschafft, umzuziehen, und hat einen zweistelligen Millionenbetrag in einen Umbau investiert. «Wir hatten ein Riesenglück, in der Altstadt ein genügend grosses Bürogebäude zu finden für unsere 190 Mitarbeitenden», sagt er. Vom Wegzug Vontobels ist Rahn überrascht, findet ihn aber nachvollziehbar. Für seine Bank kommt ein solcher Schritt aber nicht infrage: «Wir sind seit 276 Jahren hier und wollen auch hier bleiben.» Dennoch wünscht er sich endlich eine entsprechend unternehmensfreundliche Politik.
Von Eflamm Mordrelle, ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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