Grüne Anlagen enttäuschen: Erste Pensionskassen verkaufen ESG-Fonds
Finanzen
14.10.2026 | nzz.ch
Enttäuschende Rendite bei grünen Anlagen: Erste Pensionskassen haben begonnen, ihre ESG-Fonds wieder zu verkaufen
Viele professionelle Investoren haben stark auf die Nachhaltigkeit gesetzt. Doch weil die Performance zurückliegt, stellen sie ihre Strategie jetzt auf den Prüfstand.
Die Pensionskasse verwaltet mehrere Milliarden Franken. Vor drei Jahren hat sie begonnen, ihr Geld gemäss nachhaltigen Kriterien anzulegen. Sie tat dies auf politischen Druck hin. Im Parlament hatte ein Vorstoss der linken Parteien gefordert, die öffentlichrechtliche Kasse müsse auf eine grüne Anlagestrategie umschwenken.
Doch nun macht sich im Stiftungsrat der Pensionskasse Besorgnis breit. Denn die Anlagen im Bereich ESG (Environment/Umwelt, Soziales, Governance/Unternehmensführung) drücken auf die Rendite. Der Name der Kasse wird vertraulich behandelt und daher hier nicht genannt. Doch die PK steht für ein breiteres Problem: Auch andere Vorsorgeinstitute sind unzufrieden mit ihren ESG-Anlagen.
Interne Unterlagen der PK zeigen nämlich, dass die ESG-Strategie bei den internationalen Aktien zu einem erheblichen Renditerückstand geführt hat. Dieser betrug im letzten Jahr 1,3 Prozentpunkte. Im ersten Halbjahr 2026 kam nochmals eine substanzielle Einbusse von 2,1 Prozentpunkten hinzu. Im Herbst hat sich diese Lücke zwar etwas reduziert. Trotzdem hat sich die Pensionskasse entschieden, teilweise aus den ESG-Anlagen auszusteigen.
Rohstoffe und Rüstung brachten Rendite
Für die Umsetzung der vor drei Jahren eingeführten Strategie hatte die Pensionskasse die Firma Swisscanto Asset Management beauftragt, eine Tochtergesellschaft der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Diese vertreibt unter anderem den von der PK erworbenen Index Equity Fund World (ex CH) Responsible, der sich an den Nachhaltigkeitsindizes des Finanzdienstleisters MSCI orientiert. Diese schliessen gewisse Branchen wie Waffen oder Kohleförderung von einem Investment aus. Darüber hinaus werden Firmen mit einem hohen Ausstoss von CO2 untergewichtet oder ganz verkauft. Umgekehrt erhalten Aktien, die im Nachhaltigkeits-Rating gut abschneiden, ein grösseres Gewicht.
Auch bei den Indizes von MSCI zeigt ein Vergleich, dass die Fokussierung auf nachhaltige Aktien zu einem Verlust an Rendite geführt hat. Über die letzten fünf Jahre haben sowohl der Index ESG Enhanced wie auch die strengere Variante namens Socially Responsible Investing gegenüber einer herkömmlichen Anlage 1,4 Prozentpunkte weniger verdient.
Fachleute erklären den jüngsten Rückstand der ESG-Anlagen vor allem damit, dass Aktien aus dem Rohstoff- und Rüstungssektor gut abgeschnitten hätten. «Es handelt sich um ein übliches Muster, dass sich bessere und schlechtere Phasen abwechseln», erklärt René Nicolodi, stellvertretender Leiter Asset Management bei der ZKB. Er habe seit 25 Jahren Erfahrung mit ESG-Anlagen und wisse, dass sich solche Marktbewegungen auf längere Frist oft wieder ausglichen.
Sind Pensionskassen zu vorsichtig?
Optimistisch für nachhaltige Aktien stimme ihn, dass die Herausforderungen im Bereich der Ressourcenknappheit und des Klimawandels weiterhin bestünden. «Für diese Herausforderungen braucht es Innovation – und damit können aus Anlegersicht Chancen für Wachstum entstehen», sagt Nicolodi. Gerade institutionelle Anleger wie Pensionskassen seien im Prinzip prädestiniert, solche vorübergehenden Abweichungen bei der Performance auszuhalten. «In der Praxis erlebe ich es allerdings häufig, dass Pensionskassen ihr Risikopotenzial zu wenig ausschöpfen.»
Nach Einschätzung von Gianreto Gamboni hat bei den ESG-Anlagen zeitweise ein Hype bestanden. «Dass nach der Euphorie wieder mehr Realismus herrscht, halte ich für eine gesunde Entwicklung», sagt der Experte für Nachhaltigkeit von Hinder Asset Management, der zudem als Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz tätig ist.
Gamboni empfiehlt den Pensionskassen bei ESG-Anlagen, keine übermässige Abweichung von der Entwicklung des Marktes zuzulassen, denn: «Die Rendite ist die harte Währung, die zählt.» Sobald eine Pensionskasse gegenüber dem Benchmark in Rückstand gerate, müsse sie dies nachvollziehbar begründen können. Es entstehe somit weniger Druck zur Rechtfertigung, wenn es gelinge, diese Abweichung klein zu halten.
ESG-Fonds verzeichnen Abflüsse
Namentlich müssten die Pensionskassen einen möglichen Zielkonflikt im Auge behalten, so Gamboni. «Während die Finanzmärkte häufig sehr kurzfristig reagieren, entfalten Nachhaltigkeitsfaktoren ihre Wirkung oft erst über längere Zeiträume.»
ESG-Anlagen sind in letzter Zeit zunehmend unter Druck geraten. In den USA wurde der Begriff «woke capitalism» zu einem politischen Feindbild der Regierung Donald Trump. Aber auch Fälle von irreführender Werbung, dem sogenannten Greenwashing, rüttelten an der Glaubwürdigkeit des nachhaltigen Investierens.
Die in letzter Zeit enttäuschenden Renditen haben die Skepsis weiter verstärkt. Nebst verschiedenen Pensionskassen haben auch private Anleger ihr Engagement reduziert, wie Statistiken von Swiss Fund Data zeigen. Vor zwei Jahren haben die Zuflüsse in nachhaltige Aktienfonds gestoppt. Inzwischen hat der Trend sogar gekehrt: Besonders ausgeprägt waren die Verkäufe in den letzten drei Monaten.
Albert Steck, «Neue Zürcher Zeitung»
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