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Die Industrieländer beschliessen die grösste Freigabe von Ölreserven der Geschichte: warum das Problem trotzdem ungelöst bleibt

Die Notreserven sollen zumindest einen Teil der erwarteten Preiserhöhungen abwenden. (Adobe Stock)

Die Industrieländer beschliessen die grösste Freigabe von Ölreserven der Geschichte: warum das Problem trotzdem ungelöst bleibt

Wirtschaft

11.3.2026 | nzz.ch

Die Industrieländer beschliessen die grösste Freigabe von Ölreserven der Geschichte: warum das Problem trotzdem ungelöst bleibt

Die Blockade der Ölexporte aus Nahost durch Iran verknappt die weltweite Versorgung. Über dreissig Staaten wollen nun einen Drittel ihrer Notreserven auf den Markt werfen. Wie schnell das hilft, ist offen.

Die Industrieländer geben das bisher grösste Volumen von Erdölreserven in ihrer Geschichte frei, um den Anstieg der Preise zu bremsen. Wie die Internationale Energieagentur (IEA) mitteilte, sollen insgesamt 400 Millionen Fass Öl bereitgestellt werden. Die IEA ist eine Organisation von 32 primär westlichen Mitgliedsstaaten, darunter auch die Schweiz.

Der Krieg der USA und Israels gegen Iran hat die Preise für Rohöl und Erdölprodukte stark steigen lassen und auch am Gasmarkt für Turbulenzen gesorgt. Die zur Freigabe vorgesehene Ölmenge entspricht rund einem Drittel der gesamten staatlichen Notreserven der IEA-Länder von 1,2 Milliarden Fass. Weitere 600 Millionen Fass müssen von Unternehmen als Vorrat gehalten werden.

Ein grösserer Eingriff als im Ukraine-Krieg

Das Ausmass der Herausforderungen am Ölmarkt sei beispiellos, erklärte der IEA-Direktor, Fatih Birol, am Mittwoch. Das grösste Problem ist die Blockade der Seestrasse von Hormuz: Iran droht mit dem Beschuss von Öltankern, die den Durchgang vom Persischen Golf in den Indischen Ozean befahren wollen. Damit ist der Export von rund zwanzig Prozent des weltweit gehandelten Öls blockiert. Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs ist der Schiffsverkehr durch die Meerenge praktisch eingestellt.

Seit der Gründung der IEA im Jahr 1974 hat die Organisation fünf Mal die koordinierte Freigabe von Reserven beschlossen: während des Golfkrieges und der irakischen Invasion Kuwaits (1991), nach dem Hurrikan «Katrina» in den USA (2005), dem Bürgerkrieg in Libyen (2011) sowie zwei Mal nach dem russischen Angriff auf die Ukraine (2022). Das war mit einem Volumen von insgesamt 182 Millionen Fass der bisherige Rekord.

Die Vorräte sind nicht sofort verfügbar

An Tankstellen in Europa und auch in den USA machen sich die gestiegenen Ölpreise bereits bemerkbar. Dies sorgt für Unzufriedenheit in der Bevölkerung, was Präsident Donald Trump mit Blick auf die Zwischenwahlen im November dieses Jahres sehr ungelegen kommt.

Die Situation belastet auch die Weltwirtschaft zunehmend. Die Ökonomen der Bankengruppe Raiffeisen weisen indessen darauf hin, dass der Ölmarkt vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs deutlich überversorgt gewesen sei. So seien die Ölreserven in den OECD-Ländern im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Selbst bei einem vollständigen Wegfall des Angebots aus dem Golf würden diese Vorräte bei einer konstanten Nachfrage ein halbes Jahr ausreichen.

Die Herausforderung liegt in der Umsetzung: Die Freigabe von bis zu 400 Millionen Fass könne das ausgefallene Angebot aus dem Nahen Osten zwar mengenmässig ersetzen, wenn der Krieg bald ende, hiess es in einer Stellungnahme des Analysehauses Capital Economics.

Allerdings können diese Reserven nicht ebenso schnell in den Markt gegeben werden, wie die Lieferungen ausfielen. Das Ende der Blockade der Strasse von Hormuz bleibe der Schlüssel zur Entspannung der Lage. Das räumte auch der IEA-Direktor Birol in seiner Stellungnahme ein.

Die Industrieländer können nicht einfach einen Hahn aufdrehen, und schon fliesst Benzin zu den Tankstellen. Öl und Ölprodukte müssen aus den Lagern gepumpt werden – seien es Tanks oder auch unterirdische Lagerstätten wie Kavernen. Die Pumpen haben eine begrenzte Leistung. In manchen Fällen gehören die Reserven auch dem Staat. Dann müssen die Übertragung an Ölunternehmen und der anschliessende Verkauf erst vereinbart werden.

Auch die Koordination unter den Mitgliedsländern braucht Zeit. Schliesslich soll der Markt nicht plötzlich unter einem Überangebot leiden. Doch geht es zu zögerlich, verpufft die erhoffte Dämpfung des Ölpreises. Der Preis für ein Fass der Referenzsorte Brent reagierte am Mittwoch kaum auf die Ankündigung der IEA und stand bei rund 92 Dollar – rund ein Viertel mehr als vor Kriegsbeginn.

Details zum Zeitplan liess die IEA zunächst offen. Um keine Unsicherheit aufkommen zu lassen, ist Japan vorgeprescht: Die Regierung kündigte noch vor dem IEA-Entscheid an, ab dem 16. März ihre Reserven anzuzapfen. Insgesamt reichten die japanischen Lagerstätten für 250 Tage, hiess es. Der grösste Teil der Ölexporte aus dem Nahen Osten wurde gen Asien verschifft.

Berichte über Seeminen in der Strasse von Hormuz

Für Nervosität sorgten auch Berichte, iranische Seestreitkräfte hätten Seeminen in der Strasse von Hormuz verlegt. Trump drohte dem iranischen Regime auf der Plattform Truth Social: «Falls Iran Minen in der Strasse von Hormuz platziert hat (. . .), wollen wir, dass diese sofort entfernt werden.»

Würden etwaige Minen nicht unverzüglich entfernt, müsse Iran mit militärischen Konsequenzen «in nie da gewesenem Ausmass» rechnen. Später teilte das amerikanische Militär mit, am Dienstag in der Strasse von Hormuz einige iranische Boote ausgeschaltet zu haben. Darunter hätten sich auch sechzehn Minenleger befunden.

Hinzu kam am Mittwochmorgen die Meldung, wonach ein Handelsschiff vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate von einem Geschoss getroffen und beschädigt worden ist. Dies teilte die britische Behörde United Kingdom Maritime Trade Operations (UKMTO) mit. Jüngst wurden in der Region immer wieder Schiffe beschossen. Irans Militärführung gab derweil an, sie betrachte Angriffe auf Schiffe und Öllieferungen für die USA, Israel und ihre Partner in der Strasse von Hormuz als gerechtfertigt.

Die Regierung der USA versucht seit Tagen, die angespannte Stimmung an den Finanzmärkten zu beruhigen. So hat Trump angekündigt, die amerikanische Marine werde Schiffe durch die Strasse von Hormuz eskortieren. Dies ist bis jetzt aber noch nicht passiert. Am Dienstag hatte eine Mitteilung des amerikanischen Energieministers Chris Wright auf der Plattform X zunächst für Erleichterung gesorgt. Er hatte geschrieben, die US-Marine habe einen Öltanker durch die Strasse von Hormuz geleitet. Karoline Leavitt, die Sprecherin von US-Präsident Donald Trump, dementierte dies allerdings.

Auch die Kosten für die Versicherung von Schiffen, die durch die Strasse von Hormuz fahren, sind stark gestiegen. Trump hatte diesbezüglich angekündigt, die US International Development Finance Corporation (DFC) werde Versicherungsschutz und Garantien «zu einem sehr vernünftigen Preis» offerieren. Am Versicherungsmarkt herrschte aber Unklarheit darüber, wie dies erfolgen soll.

Michael Ferber, Benjamin Triebe, «Neue Zürcher Zeitung»

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