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Die Swiss-Lounge ist kein Kriegsgebiet: Wo bleibt die Eigenverantwortung der gestrandeten Touristen?

Rückflüge aus dem Nahen Osten in die Schweiz sind aktuell innert Stunden ausgebucht. (Adobe Stock)

Die Swiss-Lounge ist kein Kriegsgebiet: Wo bleibt die Eigenverantwortung der gestrandeten Touristen?

Wirtschaft

6.3.2026 | nzz.ch

Die Swiss-Lounge ist kein Kriegsgebiet: Wo bleibt die Eigenverantwortung der gestrandeten Touristen?

Die heutige Spassgesellschaft erwartet eine staatliche Rundumbetreuung. Das ist realitätsfern, aber der Staat darf sich nicht wundern: Er fördert dieses Verhalten.

In der Not, auch der vermeintlichen, ist man sich selbst am nächsten. Knapp fünftausend Schweizer Touristen, die in den Golfstaaten gestrandet sind, wollen nur noch eines: nach Hause. Egal, wie.

Dieser Reflex ist verständlich, nachdenklich stimmt die Erwartungshaltung: Nicht das Individuum selbst ist verantwortlich für die Reise zurück in die sichere Heimat, sondern der Staat soll sie organisieren. Sofort.

Die Lage ist ja jetzt gefährlich; wenn auch im Hotel oder am Flughafen – und nicht im Schützengraben. Rückflüge gäbe es zwar, aber zweitausend Franken möchte man dann doch nicht ausgeben.

Es ist verblüffend, wie sorglos viele Menschen an Orte reisen, von denen man durchaus schon vor der Buchung hätte wissen können, dass sie womöglich zum Schauplatz kriegerischer Handlungen werden. Damit soll nicht gesagt sein, dass diese Destinationen nicht bereist werden sollten, aber die Risikobewältigung liegt dann in der eigenen Verantwortung.

Doch in der heutigen Spassgesellschaft ist Selbstverantwortung an einem kleinen Ort daheim. Konsum ist legitim, aber er darf nicht von der öffentlichen Hand vollkaskoversichert sein.

Anything goes?

Der Staat ist jedoch nicht unschuldig an dieser «Anything goes»-Mentalität seiner Bürger. Auch die Schweiz läuft Gefahr, ein «Nanny-Staat» zu werden, in dem der Bürger nicht mehr mündig ist.

Das zeigt sich im angeblich Kleinen; etwa mit überbordenden Gesundheits- und Ernährungstipps. Zucker, Fleisch, Alkohol: alles schädlich, so wird der Bürger netterweise belehrt.

Im Grösseren zeigt sich das beim Wohlfahrtsstaat, der gerade dazu einlädt, einer Rundumbetreuung zu frönen.

Insofern muss sich der Bund nicht über die Anspruchshaltung wundern; nun, da er wieder einmal propagiert, dass man für die Vorbereitung und Durchführung eines Auslandsaufenthaltes selbst die Verantwortung trage. Wer eine Region verlassen möchte, müsse «in erster Linie kommerzielle Flugverbindungen berücksichtigen».

Dass die harte Realität, in der die Wirklichkeit zunehmend von Instagram-Filtern zugekleistert und von sogenannten Social-Media-Stars überschminkt wird, dann wie ein Schock wirkt: Das kann nicht überraschen. Es ist bittere Ironie, dass ausgerechnet die Influencer, die heute als Vorbilder gelten, überfordert sind – und am lautesten nach Hilfe rufen.

Abruptes Erwachen

Wie sehr sich viele Menschen in Paralleluniversen verschoben haben, zeigt sich auch an der Berichterstattung. Die Situation des Comedians Stefan Büsser in Abu Dhabi wurde präziser ausgeleuchtet als manche militärische Entwicklung. Büsser «steckt fest»; Büsser «mit dem ersten Flieger» auf dem «Weg zurück»; Büsser sicher am Flughafen Zürich gelandet.

Büsser geht es gut. Gott sei Dank. Es zeigt sich jedoch, dass die Gesellschaft verstärkt unfähig ist, ein Gefühl für Gefahrenmomente zu entwickeln. Die Swiss-Lounge ist kein Kriegsgebiet.

Es ist ein abruptes Erwachen aus der Glitzerwelt, in der man es sich bequem eingerichtet und das Unwirtliche an Väterchen Staat delegiert hat.

Erfrischend deshalb, traut die Schweiz ihren Bürgern mehr zu als andere Länder. Der Bund hat gut und zügig reagiert, er leistet administrative Hilfe. Das genügt. Auch wenn das manche nun als Zumutung fehlinterpretieren.

Das Leben ist nicht einfach eine grosse Party. Das sollten sich auch die Politiker – von links bis rechts – wieder einprägen, die nun mit markigen Worten nach mehr Staat rufen. Aber auch sie sind sich selbst am nächsten. Weil sie wiedergewählt werden wollen.

Sebastian Briellmann, «Neue Zürcher Zeitung»

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