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Eine Schweizer Studie zeigt: Der Frühling macht uns nicht müder

Sind wir im Frühling müder als in anderen Jahreszeiten? Eine Schweizer Studie widerlegt diesen gängigen Mythos. (Adobe Stock)

Eine Schweizer Studie zeigt: Der Frühling macht uns nicht müder

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23.3.2026 | nzz.ch

Eine Schweizer Studie zeigt: Der Frühling macht uns nicht müder

Menschen sind im Frühling nicht erschöpfter als in anderen Jahreszeiten. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Universität Basel und des Inselspitals Bern.

Im Frühling werden die Tage länger und heller. Die Temperaturen steigen, und das Wetter lockt nach draussen. Die Menschen treiben wieder Sport, unternehmen Ausflüge, treffen Freunde. Vieles blüht auf.

Trotzdem meinen viele Menschen, sie seien in dieser Zeit besonders müde und erschöpft. Dafür existiert sogar ein Begriff: Frühjahrsmüdigkeit. Doch nun kommt eine Schweizer Studie zum Schluss: Die Frühjahrsmüdigkeit gibt es gar nicht. Weil es aber im deutschsprachigen Raum den Begriff gibt, achteten viele Menschen im Frühling stärker auf Müdigkeit und verbänden sie mit der Jahreszeit, heisst es in der Studie.

Die Studienleiterin Christine Blume von der Universität Basel wählt deshalb eine andere Erklärung. Mit dem Wort Mythos sei sie nicht so zufrieden. Sie spricht lieber von einem kulturellen Phänomen. «Wir fühlen uns über das ganze Jahr hinweg ähnlich müde», sagt Blume. Der Begriff Frühjahrsmüdigkeit lenke den Blick jedoch auf den Frühling. Das beeinflusse die Wahrnehmung, und die Leute hätten das Gefühl, sie seien gerade in dieser Jahreszeit besonders müde. So bestätigt sich der Mythos von der Frühjahrsmüdigkeit immer wieder von selbst.

Jedes Jahr kommen die Medienanfragen

Blume kam durch Medienanfragen auf die Idee für die Studie. Journalisten fragten sie jedes Jahr zum Ende des Winters nach der Frühjahrsmüdigkeit. Blume antwortete dann jeweils, dass zahlreiche Hypothesen existierten, um das Phänomen zu erklären. «Aber es hat nie jemand überprüft, ob es überhaupt existiert.» Diese Antwort überzeugte sie selbst nie. Deshalb ging sie der Frage nach. Gemeinsam mit dem Schlafforscher Albrecht Vorster vom Inselspital Bern untersuchte sie das Phänomen systematisch.

Dazu führten sie eine Online-Befragung durch. Die Teilnehmenden wurden über ein Jahr alle sechs Wochen kontaktiert. Insgesamt 418 Personen nahmen an der Studie teil. In der Befragung gaben sie jeweils an, wie erschöpft sie sich in den vergangenen vier Wochen gefühlt hatten. Ausserdem machten sie Angaben zur Schläfrigkeit während des Tages und zur Schlafqualität.

Zu Beginn der Studie glaubte etwa die Hälfte der Teilnehmenden, an Frühjahrsmüdigkeit zu leiden. «Das hätte sich auch in der Auswertung der Umfragedaten zeigen müssen», sagt Christine Blume. Das tat es aber nicht. Die Einzelbefragungen im Jahresverlauf lieferten dafür keine Bestätigung. Die Erschöpfung blieb über das Jahr ähnlich. Die Tagesschläfrigkeit stieg nicht an. Auch der Schlaf veränderte sich kaum. «Die Teilnehmenden schliefen in der dunklen Jahreszeit, wenn die Tage kurz sind, etwas mehr, als wenn die Tage länger waren», sagt Blume.

Die Schlafforscherin Christine Blume.

Die Schlafforscherin Christine Blume.PD

Es gibt keine empirischen Belege für das Phänomen

Der Frühling erzeugt allerdings Erwartungen. Viele Menschen wollen aktiver leben und das schöne Wetter nutzen. Das gelingt im stressigen Alltag nicht immer. «Wenn wir uns dann doch nicht dazu aufraffen können, klaffen Anspruch und subjektives Energie-Level auseinander», sagt Blume. Dies mit der Frühlingsmüdigkeit zu begründen oder gar zu entschuldigen, komme da recht gelegen. «Die Gesellschaft akzeptiert diese Erklärung.»

Oftmals wird die Frühjahrsmüdigkeit mit körperlichen Prozessen erklärt. Bei steigenden Temperaturen weiten sich die Blutgefässe, der Blutdruck sinkt. Der Körper müsse sich erst daran gewöhnen. Als typische Symptome werden neben Müdigkeit und Antriebslosigkeit auch Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme genannt. Zudem wird gern auf die Hormone verwiesen. Etwa auf einen Überschuss des «Nachthormons» Melatonin nach dem Winter.

Blume hält diese Erklärungen für wenig überzeugend. «Aus chronobiologischer Sicht wirkt das unplausibel», sagt sie. Der Körper bilde Melatonin im 24-Stunden-Rhythmus und baue es wieder ab. «Einen Melatoninüberschuss zum Ende des Winters, der zuerst verschwinden muss, gibt es nicht.»

Zudem werden im Frühling die Tage schnell länger. Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das laut Blume gerade in dieser Übergangsphase zeigen. Etwa weil sich der Körper anpassen muss. Doch in den Daten der Studie spielte die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge ändert, keine Rolle in Bezug auf die Müdigkeit der Teilnehmenden. «Wir fanden keinen empirischen Beleg für das Phänomen», sagt Blume.

Viel Tageslicht, Bewegung und ausreichend Schlaf

Wer sich im Frühling kraftlos fühlt, kann trotzdem etwas tun. Blume empfiehlt viel Tageslicht, Bewegung und ausreichend Schlaf. Erwachsene brauchten meist sieben bis neun Stunden pro Nacht. Wer an Arbeitstagen immer etwas zu wenig schlafe, spüre das am Ende der Woche mitunter deutlich.

Christine Blume rät daher zu einem wachen Blick auf den eigenen Körper. «Wenn sich jemand erschöpft fühlt, sollte man das aber auch nicht mit der Frühjahrsmüdigkeit wegerklären. Dadurch verzögert man möglicherweise eine angemessene Behandlung.»

Sie rät, entsprechende Symptome zu jeder Jahreszeit ernst zu nehmen. «Wenn man länger an Erschöpfung leidet, sollte man zum Arzt gehen und nicht denken, es sei nur der Frühling.» Der Frühling erklärt zwar vieles. Eine Jahreszeit ersetzt jedoch keine Diagnose.

Kevin Weber, «Neue Zürcher Zeitung»

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