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Yaël Meier: der Shootingstar der Generation Z im grossen Interview

Sie war mit 14 Schauspielerin, mit 17 schrieb sie für den «Blick», mit 19 gründete sie ihr erstes Unternehmen: Yaël Meier. (Karin Hofer/NZZ)

Yaël Meier: der Shootingstar der Generation Z im grossen Interview

Führung

29.12.2025 | nzz.ch

Yaël Meier: der Shootingstar der Generation Z im grossen Interview

Yaël Meier war der Shootingstar der Generation Z, heute führt sie ein Unternehmen mit 33 Angestellten. Sie hat alles: Erfolg, Bekanntheit und jede Menge Kritiker. Warum eigentlich? Das grosse Interview.

Yaël Meier polarisiert. Die einen sehen in ihr eine ambitionierte Unternehmerin, die früh ihren Weg gefunden hat. Andere halten sie für ein Produkt von Social Media: zu laut, zu präsent, zu sehr von sich überzeugt. «Meine Existenz ist eine Provokation», sagt Meier über sich selbst.

Dass die Topmanager ihr trotzdem zuhören, hat mit einer Marktlücke zu tun. Die Regeln in der Arbeits- und Konsumwelt verschieben sich gerade, und Yaël Meier kann diese Verschiebung übersetzen. Sie berät Unternehmen darin, junge Menschen zu erreichen: sei es als Kundinnen und Kunden oder als künftige Mitarbeitende. Ihr Unternehmen Zeam ist so etwas wie das Orakel der Generation Z und der noch Jüngeren.

Die Agentur führt sie gemeinsam mit ihrem Lebens- und Geschäftspartner Jo Dietrich. Gerade hat Zeam einen grossen Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit erhalten. Meier und Dietrich werden in den nächsten Jahren die Love-Life-Kampagne betreuen, die die Schweizer Bevölkerung über sexuelle Gesundheit aufklärt. Budget: 3 Millionen Franken.

Für Zeam arbeiten heute 33 Angestellte, im Schnitt sind sie 23 Jahre alt. Das Fünf-Jahre-Jubiläum feierte die Agentur in der ehrwürdigen Villa Honegg, hoch über dem Vierwaldstättersee. So funktioniert Meier: Im Alter von 25 Jahren nimmt sie Platz, wo sonst die älteren Herren sitzen.

Frau Meier, Sie waren schon Schauspielerin und Journalistin, gründeten früh eine Firma und erwarten bald Ihr drittes Kind. Warum dieses Tempo?

Ich war schon immer früh dran. In der Schule habe ich eine Klasse übersprungen, und daraus wurde ein Running Gag: Yaël, die Jüngste. Darauf haben mich andere reduziert, und vielleicht habe ich mich selbst ein Stück weit darauf reduziert.

Es gibt eine ARD-Doku über Sie, darin sprechen Sie über das Älterwerden und darüber, dass es Ihnen Angst mache, einmal nicht mehr allen voraus zu sein.

Als nach der Matura alle um mich herum ein Zwischenjahr machten, zog ich nach Zürich, um zu arbeiten. Ich wollte meinen Vorsprung auf keinen Fall verlieren. Im Nachhinein betrachtet, ist das absurd.

Dafür sind Sie mit Ihren 25 Jahren weit gekommen. Auf Linkedin schrieben Sie und Ihr Partner kürzlich: «Wir haben alles erreicht im Leben.» Ist es nicht ein wenig früh für dieses Fazit?

Man muss verstehen, wie ich das meine. Unsere Generation ist getrieben vom Gefühl, etwas erreichen zu müssen. Das kann belastend sein: Man sieht all diese Menschen und was sie schon geschafft haben, und will unbedingt nachziehen. Dieser Druck ist enorm, aber ich spüre ihn heute viel weniger als früher. Das wollte ich mit dem Post ausdrücken.

Auch bei Ihrer Arbeit dreht sich ständig alles ums Alter: Unternehmen lassen sich von Ihnen beraten, wenn sie junge Menschen besser verstehen wollen. Für alle, die es verpasst haben: Was macht die Jungen so besonders?

Sie kennen ein Leben ohne Internet nicht. Generationen werden dann geprägt, wenn neue Technologien auftauchen. Bei der Generation Z, also bei jenen mit Jahrgang 1995 bis 2010, war das zuerst das Internet, später das Smartphone und Social Media. Wir gehen damit intuitiv um, anders als ältere Menschen, die das erst lernen mussten. Bei der nächsten Generation Alpha wird es die künstliche Intelligenz sein. Viele von ihnen werden eine Arbeitswelt ohne KI nicht kennenlernen.

Wo setzt Ihr Unternehmen da an?

Grundsätzlich stehen viele Unternehmen heute vor zwei Herausforderungen: Wie gewinnen sie junge Kundinnen und Kunden – und wie junge Mitarbeitende? Wir helfen bei beidem.

Sie rekrutieren den Nachwuchs für die Firmen?

Die klassischen Job-Portale ziehen nicht mehr. Wir verbringen so viel Zeit am Smartphone: Wenn ein Unternehmen dort nicht stattfindet, existiert es für junge Menschen schlicht nicht, weder als Marke noch als Arbeitgeber. Darum setzen wir Rekrutierungskampagnen auf Social Media um. Für Porsche haben wir so zum Beispiel zwanzig Absolventinnen aus Mint-Fächern gefunden. Die Hälfte wurde eingestellt.

Wer als Unternehmen bei den Jungen punkten will, muss auf Social Media sein: Ist es so einfach?

Das ist nur ein Teil. Das andere grosse Thema ist: Wie motiviert und hält man junge Mitarbeitende? Viele Führungskräfte sagen uns, die Jungen seien weniger leistungsbereit als früher, etwa wenn es um Überstunden oder die berühmte Extrameile geht.

Und stimmt das auch?

Die Arbeitswelt der Boomer- und Gen-X-Generation prägt viele Unternehmen noch immer. Da geht es um 9 to 5, Präsenzpflicht, klassische Hierarchien. Die Jungen steigen in diese Strukturen ein und hinterfragen sie, auch weil sie mit dem Grundsatz aufgewachsen sind, Dinge kritisch sehen zu dürfen. Das führt zwangsläufig zu Reibungen.

Nun sind die Jungen aber nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Kundinnen und Kunden. Wie helfen Sie den Unternehmen da?

Viele Brands müssen sich verjüngen, auch sehr bekannte.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen Sie Harry Potter: Für Millennials ist das ein absoluter Love-Brand. Aber wenn Sie einem Zwölfjährigen diese Filme zeigen, wirken die auf ihn völlig veraltet. Wir arbeiten deshalb mit Warner Brothers Deutschland daran, die Marke Harry Potter im DACH-Raum so weiterzuentwickeln, dass sie für eine junge Zielgruppe relevanter wird. Unter anderem haben wir einen Tiktok-Kanal aufgebaut, der inzwischen 270 000 Follower hat. Auch mit Weleda und Zalando arbeiten wir daran, ihre Marken zu verjüngen.

Apropos Follower: Sie selbst gehören auf Linkedin zu den prominentesten Stimmen der Schweiz. Bieten Sie Firmen Ihre eigene Reichweite an?

Es gibt viele Unternehmen, die meine Reichweite gerne einkaufen würden. Das hat aber nicht direkt mit Zeam zu tun. Ich gehe nur sehr ausgewählte Partnerschaften ein.

Sie nutzen Linkedin aber durchaus strategisch, etwa um den Umzug Ihres Büros zu kommunizieren. Zeam zieht alle paar Monate weiter, vom Zürcher Prime Tower nun an den Paradeplatz. Was bedeutet Ihnen dieser Ort?

Ich bin mit 14 aus Vitznau nach Zürich gekommen, um einen Film zu drehen, und ich habe mich sofort in diese Stadt verliebt. Zürich hat in mir zum ersten Mal richtige Ambitionen geweckt. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem mein Schauspielkollege und ich mit dem Velo durch die Stadt fuhren. Es war Winter, und ich hatte plötzlich das Gefühl, als könnte ich alles erreichen. Dieses Gefühl habe ich bis heute, wenn ich am Paradeplatz vorbeikomme: dass die Welt unglaublich gross ist – und dass für mich sehr viel möglich ist.

Genaugenommen liegt Ihr Büro ein paar hundert Meter vom Paradeplatz entfernt. Betreiben Sie mit Ihren Posts auf Social Media nicht ein wenig Schönfärberei?

Finden Sie? Ich finde das nicht.

Muss man auf Social Media übertreiben, um aufzufallen?

Man darf, aber man muss nicht. Ob wir jetzt 200 Meter vom Paradeplatz entfernt sind oder direkt dort, das spielt für mich keine Rolle. Ich glaube, viele Schweizer neigen dazu, Dinge kleiner zu machen, als sie sind. Junge Menschen ticken da anders. Durch Social Media haben wir dieses amerikanische Denken übernommen, Dinge zuerst einmal aufregend zu finden. Dass das manchmal falsch rüberkommen kann, ist möglich.

Es gibt Leute, die sagen, Sie seien eine Selbstdarstellerin.

Das ganze Prinzip von Social Media ist Selbstdarstellung. Das bin ja nicht nur ich. Mir ist aber wichtig, dass alles, was ich sage, auch stimmt. Sie können mit mir jeden Satz, den ich je gepostet habe, durchgehen: Ich kann zu allem stehen. Deshalb, nein, ich finde nicht, dass ich eine Selbstdarstellerin bin.

Sie haben einmal gesagt: «Meine grundsätzliche Existenz ist eine Provokation.» Was meinen Sie damit?

Als wir 2019 unser Unternehmen gegründet haben, begann ich, auf Linkedin zu posten. Ich war wahrscheinlich eine der ersten sehr jungen Frauen dort, und ich habe nicht nur über das Business geschrieben, sondern auch über Erfolg und mein Privatleben. Linkedin hat eine viel ältere Zielgruppe als Instagram: Gestandene Wirtschaftsleute sind dort, viele Journalistinnen und Journalisten. Die waren solche Auftritte schlicht nicht gewohnt. Für sie ist meine Existenz in dieser Wirtschaftswelt eine Provokation.

Das Interesse an Ihrer Person geht aber weit über Linkedin hinaus. Fast jeder hat eine Meinung zu Ihnen, oft eine sehr deutliche.

Mir zeigt das, dass junge Menschen, insbesondere junge Frauen, in der Wirtschaft immer noch unterschätzt und stigmatisiert werden. Ich will das durchbrechen.

Lässt Sie Kritik kalt?

Mich trifft es, wenn meine Leistung oder mein Erfolg infrage gestellt werden. Es heisst dann, da stehe sicher ein reicher Vater dahinter oder mein Partner führe eigentlich das Business. Das empfinde ich als unfair. Ich habe aber den Eindruck, dass die Kritik weniger wird. Wer früher sagte, Zeam sei nur ein Hype, sieht jetzt, dass wir immer noch da sind.

Überlegen Sie sich jeweils, welche Reaktionen Sie mit Ihren Auftritten auslösen?

Ja, vor allem seit der zweiten Schwangerschaft. Als wir die angekündigt haben, hat das Wellen geschlagen. Damit hätte ich nie gerechnet. Viele Reaktionen waren negativ, dann haben die Medien das aufgenommen und es «Shitstorm» genannt.

Ihr Partner hat die Schwangerschaft damals ebenfalls kommuniziert und deutlich weniger Negatives gehört.

Ich verstehe bis heute nicht, warum ich die Leute damit so wütend gemacht habe. Im Kern habe ich nur gesagt: Ich bin Mutter, ich habe eine Karriere, und es funktioniert. Wenn mein Partner das sagt, ist es normal. Wenn ein männlicher CEO das sagt, ist es normal. Aber wenn eine Frau dasselbe sagt, wird sie kritisiert. Immer noch.

«Viele Schweizer neigen dazu, Dinge kleiner zu machen, als sie sind», sagt die Unternehmerin Yaël Meier.

Sie sagten einmal, Sie hätten befürchtet, als Unternehmerin weniger ernst genommen zu werden, sobald Sie Kinder haben. Sehen Sie das immer noch so?

Wir haben damals unsere Firma Zeam gegründet, und fast gleichzeitig wurde ich das erste Mal schwanger. Das war krass. Wir hatten weder Umsatz noch Kunden noch Investoren. Zum Glück fiel das in die Zeit der Pandemie: Ich konnte an Online-Meetings teilnehmen, und niemand sah, dass ich schwanger war. Rückblickend würde ich es wieder so machen. Und ich würde jeder jungen Gründerin denselben Rat geben: Sag den Investoren nicht, dass du schwanger bist. Denn als Gründerin lebst du vom Potenzial, das andere in dir sehen. Heute mache ich es anders, denn ich möchte vorleben, was möglich sein kann.

Manche kritisieren Sie dafür, dass Sie die Mutterschaft sehr leicht aussehen lassen. Damit würden Sie andere Frauen unter Druck setzen.

Mir ist bewusst, dass sich viele junge Menschen und auch Mütter mit mir vergleichen. Einige haben dabei negative Gefühle. Sie fragen sich: Warum tue ich mich schwer? Gleichzeitig sehe ich an den Hunderten von Nachrichten, die ich jede Woche erhalte, dass ich viele inspiriere. Vor zwei Tagen hat mir eine 18-Jährige geschrieben, sie habe gerade ihr erstes Unternehmen gegründet, direkt nach dem Gymnasium. Sie verkauft Tee. Ich bewirke auch Positives.

Sie führen mit Ihrem Partner ein Unternehmen und eine Familie. Beide sagen, Sie teilten sich die Betreuungsarbeit fünfzig-fünfzig. Klappt das im Alltag?

Seit einigen Monaten übernehmen wir die Betreuung zu hundert Prozent selbst. Davor wohnten wir zur Hälfte bei meiner Familie in Vitznau, und meine Mutter schaute oft zu den Kindern. Jetzt ist mein ältester Sohn im Kindergarten, und wir sind an Zürich gebunden. Alles zu zweit zu stemmen, ist nur möglich, weil wir ein eigenes Unternehmen haben und flexibel arbeiten können. So kommen wir ohne Fremdbetreuung aus. Heute Morgen war Jo bei den Kindern, später gehe ich nach Hause, und er arbeitet weiter.

Arbeiten Sie beide in einem 50-Prozent-Pensum?

Es ist kompliziert, denn eigentlich sah der Plan so aus: Eine Person arbeitet acht Stunden von 6 bis 14 Uhr, das ist fast ein ganzer Arbeitstag. Am Nachmittag tauschen wir. Aber wir können das nicht jeden Tag so durchziehen. Was aber immer gilt: Wir arbeiten ausserhalb des klassischen 9 to 5. Und wir haben oft 14-Stunden-Tage.

Ein junges Unternehmen, zwei kleine Kinder, bald drei: Wird Ihnen beiden manchmal alles zu viel?

Ach, das Leben ist doch immer etwas anstrengend, oder? Klar, es ist anspruchsvoll. Aber viel zu machen, gibt mir die Energie, noch mehr zu machen. An Tagen, an denen ich wenig unternehme, bin ich abends fast erschöpfter.

Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit man beides haben kann: Karriere und Kind?

Da muss sich strukturell viel verändern, gerade innerhalb der Wirtschaft. Es braucht mehr Offenheit für neue Arbeitsmodelle und Arbeitsweisen. Es gibt Tage, da arbeite ich in vier Stunden mehr als an anderen in acht. Und für mich persönlich ist entscheidend, dass mein Partner in der Erziehung genauso involviert ist wie ich. Anders wäre es unmöglich.

Fehlen Ihnen weibliche Vorbilder?

Ich bewundere viele Frauen für das, was sie in ihrem Berufsleben leisten, und versuche mir jeweils etwas von ihnen abzuschauen. Aber ich glaube schon, dass junge Frauen insgesamt zu wenig sichtbare Vorbilder haben: Frauen, die in der Wirtschaft präsent sind und sich zeigen.

Wer oder was hat Sie beruflich geprägt?

Das Erste, was mich wirklich geprägt hat, war meine Erfahrung im Film. Das ist zwar kein klassischer Beruf, aber es war trotzdem Arbeit: anspruchsvoll und anstrengend. Mir wurde immer gesagt, man könne in der Schweiz nicht Schauspielerin werden, dafür müsse man nach Hollywood gehen. Und plötzlich hatte ich diese Hauptrolle. Das Geld aus meinem ersten Film, das waren vielleicht 10 000 Franken, habe ich nicht ausgegeben, sondern gespart. Ich wollte mir irgendwann eine Schauspielausbildung finanzieren.

So weit kam es nie.

Mit 17 zog ich nach Zürich, doch meine Eltern wollten und konnten mir keine Wohnung finanzieren. Also habe ich angefangen, nach Jobs zu suchen, die ich neben dem Studium machen könnte. So kam ich zu einem Praktikum beim «Blick».

Sie waren dort damals die jüngste Mitarbeiterin. Ihre Eltern mussten den Arbeitsvertrag unterschreiben, weil Sie noch nicht volljährig waren. Was haben Sie beim «Blick» gelernt?

Dass ich nicht studieren möchte und vor allem: nicht studieren muss. Ich merkte damals, wie schnell sich die Medien entwickelten und dass ich Fähigkeiten habe, die ich im Studium nicht lernen würde. Zum Beispiel das Verständnis für digitale Plattformen. In dieser Zeit habe ich einen Instagram-Account aufgebaut, um junge Menschen zu erreichen, und einen Podcast gemacht. Das hat mich begeistert. Learning by Doing!

Die klassische Vorstellung einer Karriere lautet ja: Man macht eine Lehre oder studiert, hat irgendwann einen Abschluss, absolviert ein Praktikum – und findet dann eine Stelle. Bei Ihrer Firma ist das anders, weil Sie sehr junge Leute einstellen. Worauf achten Sie, wenn Sie jemanden auswählen?

Bei Zeam schauen wir vor allem darauf, ob jemand schon ein eigenes Projekt umgesetzt hat. Wir suchen nach dem Unternehmer-Gen. Das kann ein Instagram- oder Youtube-Kanal sein; Kerzen, die man zu Hause herstellt und online verkauft; ein kleines Fashion-Label. Irgendwas, das uns zeigt, dass jemand selbst etwas erschaffen hat.

Also das Yaël-Meier-Prinzip: Learning by Doing?

Als Startup brauchen wir Leute, die Ambitionen haben und etwas bewegen wollen. Es gibt Bewerberinnen und Bewerber, die sind 26 Jahre alt, kommen direkt vom Studium, haben Top-Noten und ein starkes Profil – aber sie haben noch nie etwas selbst erschaffen. Dann nehmen wir lieber den 18-Jährigen mit dem Unternehmer-Gen als den Uni-Absolventen.

Geht es Ihnen darum, dass jemand einen erfolgreichen Tiktok-Kanal hat und viel Reichweite ins Unternehmen bringt?

Nein, es geht um Leadership-Kompetenz. Wir suchen nach Menschen, die sich selbst führen können.

Sie sagen oft, junge Menschen würden zu wenig wertgeschätzt. Etwas, was Sie auch Unternehmen immer wieder erklären müssen. Wie zeigt man echte Wertschätzung?

Grundsätzlich sind wir überzeugt davon, dass man junge Menschen an den Tisch holen muss. Man muss mit ihnen sprechen, nicht über sie. Sonst verschenkt man extrem viel Potenzial. Daher kommt für mich das Thema Wertschätzung. Wir sollten als Gesellschaft viel stärker nutzen, was junge Menschen einbringen können.

Ist Erfahrung nichts mehr wert?

Doch, natürlich. Erfahrung ist extrem wichtig.

Wie geht das zusammen?

Indem man gemeinsam arbeitet. Genau das passiert viel zu selten. Zwischen den Generationen wird zu wenig kommuniziert. Wir müssen uns aber auch fragen: Was bedeutet Erfahrung überhaupt? Früher war sie eng an das Alter gekoppelt. Heute, durch den technologischen Fortschritt, kann man in bestimmten Bereichen als junge Person mehr Erfahrung haben denn als ältere.

Mittlerweile ist auch die Gen Z nicht mehr ganz so jung. Die ältesten Vertreter werden dreissig. Verändert sich mit diesem Alter auch der Blick auf Arbeit und Karriere?

Wir werden oft gefragt, was es für uns bedeutet, als Unternehmer älter zu werden. Schliesslich sollen wir doch das «Junge» ins Unternehmen bringen. Zum einen holen wir weiterhin sehr junge Leute zu Zeam. Zum anderen sind wir heute viel erfahrener als vor fünf Jahren. Unsere Projekte sind komplexer geworden, und wir überlegen uns, auch ältere Mitarbeitende mit mehr Erfahrung zu Zeam zu holen.

Gibt es eigentlich Dinge, die Sie an der Generation Z kritisieren?

Unser Umgang mit dem Internet und Social Media ist unsere Stärke, aber auch unsere Schwäche. Viele junge Menschen leiden unter psychischen Problemen, und ich vermute, dass Social Media eine grosse Rolle spielt. Auch die Kreativität leidet, wenn man so viel passiv konsumiert, etwa wenn man stundenlang auf Instagram scrollt.

Künstliche Intelligenz dürfte das noch verstärken.

Das Ausmass können wir uns wahrscheinlich noch kaum vorstellen. Es eröffnet unendlich viele Möglichkeiten, die eigene Kreativität auszuleben. Für junge Menschen wird es aber auch hart, weil jene Einstiegsjobs verschwinden werden, die wichtig sind, um erste Erfahrungen zu sammeln. Man wird wohl Studium, Schule und Ausbildungen neu denken müssen. Vieles ist heute zu theoretisch.

Frau Meier, was kommt nach dem Hype um die Generation Z?

Der Hype war für uns wichtig, gerade in der Aufbauphase. Mittlerweile sind wir an einem Punkt, an dem wir als Firma etabliert sind. Unternehmen kommen heute zu uns, weil sie ihre Organisation verjüngen wollen, und nicht, weil «Gen Z» ein Trendwort ist. Die Anfragen sind spannender geworden, weil auch in den Firmen angekommen ist: Das ist kein Thema, das man einmal abhakt. Es ist eine langfristige Aufgabe.

Janique Weder, Elena Oberholzer, Karin Hofer (Bilder), «Neue Zürcher Zeitung»

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